"Schwarm aller Schulmädchen..." Erinnerungen an Richard Adama - Tänzer, Choreograph, Lehrer 

DIE FANS, 07.03.2021 20:20:05

„Schwarm aller Schulmädchen“ titelte eine Tageszeitung, als Richard Adama 1990 für eine Gastchoreographie nach Hannover zurückkehrte. Die Autorin des Artikels war offensichtlich auch ein Fan, denn sie beschrieb sehr anschaulich die Zeit vor fast 30 Jahren, als „diese Tänzerpersönlichkeit mit der Wahnsinnsausstrahlung Mädchenherzen tanzen ließ“. Wir gehörten auch dazu. Am 5. März 1963 sahen wir unseren ersten Ballettabend, organisiert von der Jugendvolksbühne. Ein vergleichsweise kleines Kammertanz-Programm im Ballhof. Und dennoch war es sofort um uns geschehen, große Begeisterung für Richard Adama und natürlich genauso für das Ballett allgemein. Eine lebenslange Liebe. Beim 50jährigen Klassentreffen vor einigen Jahren war Richard Adama sofort das Thema, die Schulmädchen von damals hatten ihn nicht vergessen, im Gegenteil. Einige von ihnen hatten sogar das Privileg gehabt, ihn 1962 in einer seiner Paraderollen zu sehen, als „Hamlet“, wir leider nicht und waren dementsprechend neidisch. Wir hatten dann aber viele Jahre später das Glück gehabt, bei einem der Weihnachtsbasare im Opernhaus sein legendäres schwarzes Hamlet-Kostüm zu ergattern. Immerhin ein Trost.
DIE FANS begleiteten Richard Adama auf vielen seiner weiteren beruflichen Wege. Wir besuchten Vorstellungen in Bremen, wo er seit 1965 Ballettdirektor war. Unvergesslich das Ballett „Spirale“ in den Kammerspielen Böttcherstraße, eine extreme, explosive Dreiecksgeschichte, die unser Schwarm nicht nur choreographiert hatte, sondern zu unserer Freude auch darin tanzte. Im Mai 1969 erlebten wir während der Wiener Festwochen die Premiere „Don Juan“ mit dem Staatsopernballett und in der Choreographie von Richard Adama. Im November 1969 dann die Übernahme in Hannover, anders als in Wien nicht in opulenter Ausstattung, sondern nur Lichtregie und Trainingskleidung, modern und zeitlos und DIE FANS mal wieder total begeistert. Von 1970 bis 1973 war Richard Adama als Nachfolger von Yvonne Georgi dann Ballettdirektor in Hannover. Das absolute Highlight dieser spannenden Zeit war für uns die Freiluft-„Giselle“ im historischen Gartentheater in Hannover-Herrenhausen. Auch der Wettergott spielte mit, sandte keinen Regen, sondern verzauberte alle 10 Vorstellungen mit Sternenhimmel und Mondenschein. Liliane van de Velde und Falco Kapuste als tragisches, hinreißend tanzendes Liebespaar – einfach traumhaft.
Richard Adama wurde als Richard Adams Holt am 8. August 1928 in Long Beach/Kalifornien geboren. Als Kind stand er vor der Kamera, spielte in Filmen an der Seite u.a. von Cary Grant und Spencer Tracy („Boys Town“). Seine Ballettlehrerin war die berühmte Bronislava Nijinska, Schwester des legendären Tänzers Vaslav Nijinski. Sein Weg führte ihn Ende der 1940er Jahre nach Europa. Er wurde Mitglied der Original Ballet Russes und der Balletts de Marquis de Cuevas. Von 1955 bis 1961 war er Erster Solotänzer des Wiener Staatsopernballetts.
1974 kehrte Richard Adama in die U.S.A. zurück, arbeitete dort als Lehrer u.a. an dem renommierten Institute of Dance Arts in Irvine/Kalifornien. Auch in dieser Zeit blieben wir indirekt mit ihm in Verbindung, denn viele seiner Schülerinnen und Schüler bekamen Engagements in europäischen Ballettkompanien. Für uns Fans besonders schön da gut erreichbar, auch in Hannover und in Kiel. Nach Jahren der Lehrtätigkeit in den U.S.A. erfolgte im Mai 1986 dann der Umzug aus privaten Gründen nach Österreich. Auch dort sind wir Richard Adama immer wieder bei verschiedenen Gelegenheiten begegnet, in Wien und auch an anderen Orten. Besonders gerne erinnern wir uns an Wolfsegg/Hausruck, einen idyllisch gelegenen kleinen Ort, ländlich und gebirgig. Dort machten wir von 1995 bis 2002 bevorzugt Urlaub, jedoch nicht ohne Hintergedanken, denn im Monat August fand dort das Internationale Ballett-Seminar der Gesellschaft für Musiktheater Wien statt - und Richard Adama war einer der Dozenten. Für die Abschlussaufführungen gab es nicht nur wunderbar Klassisches von ihm, sondern vor allem auch neue Adama-Choreographien. Zu Kompositionen u.a. von Béla Bartók, György Kurtág, Kurt Rapf und Einojuhani Rautavaara sahen DIE FANS Aufregendes, komplizierte Beziehungsgeschichten, Abschied, Tod, Erinnerung, Doppeldeutiges, von den jungen Studentinnen und Studenten mit intensiver Leidenschaft und großem Einsatz umwerfend gut getanzt. DIE FANS natürlich wieder total begeistert, sozusagen „hin und weg“!
Im Frühjahr 2002 reisten wir nach Ljubljana. Dort kreierte Richard Adama für die Ballettschule des Musikkonservatoriums eine Choreografie zu den „Pfrizori iz Romana“ (Scenes from a Novel, Op. 19) des ungarischen Komponisten György Kurtág. Vom Erwachsenwerden und sich Loslösen, vielleicht sogar ein bisschen Adama-Autobiographie, faszinierend und uns magisch in den Bann ziehend. Das slowenische Fernsehen zeichnete dieses Ballett auf. 2002 Ljubljana und Wolfsegg („Presque tout“): Für uns ein Abschied, die letzten beiden Ballette von R.A., so schade, wir hätten gerne noch mehr davon gehabt. Aber immerhin können wir sagen: Wir waren dabei!
Am 7. November 2020 ist Richard Adama im Künstlerheim Baden bei Wien im 93. Lebensjahr verstorben. Hier schließt sich für unseren Schwarm und DIE FANS stilvoll der Kreis: Zufällig haben wir nämlich entdeckt, dass die Gründerin des Heims – die Schauspielerin Hilde Wagener – aus Hannover stammt, dort am 26. September 1904 geboren wurde...


 

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