Nijinsky Gala XLV, Hamburgische Staatsoper, 30.06.2019  

Ralf Reck, 01.07.2019 13:49:33

Es war mehr Abschied als Gala, der Solist Dario Franconi verabschiedete sich, am Ende sichtlich gerührt, mit einem Solo aus der Matthäuspassion, Carolina Agüero fulminant mit dem letzten Pas de deux aus Schwanensee (mit Alexandr Trusch), Carsten Jung mit einem Auftritt als Liliom (mit Alina Cojocaru, Leslie Heylmann und Konstatin Tselikov), der vielleicht seiner Persönlichkeit am nächsten kommt, von den Frauen angehimmelt, von den Männern kritisch beäugt, und schließlich Karen Azatyan, der noch einmal zum Hechtsprung auf das Duse-Podest (mit Alessandra Ferri) ansetzte. Von Carsten Jung verabschiedet sich eine ganze Riege junger Damen des Ensembles mit jeweils einer roten Rose. Carsten Jung wird als ein großartiger tänzerischer Darsteller in Erinnerung bleiben, nicht nur als Liliom, ein ausgezeichnetes, aber leider nicht aufgezeichnetes Ballett, oder Othello, sondern auch als herausragender Lancelot, als den wir ihn erstmals 2001 und danach mehrfach sahen. Carolina Agüero war als Natalie (Schwanensee) tänzerisch noch so gut, dass man sich fragt, warum sie trotz ihrer 43 Jahre bereits aufhört; sie wird als Romola (Nijinsky) unvergessen bleiben, aber auch mit ihren zahlreichen anderen Rollen wie Emilia, Dornröschen oder Giselle. Karen Azatyan, der wegen seiner Verletzungen aufhört, wurde leider nicht so häufig in größeren Partien eingesetzt, stets überzeugte er mit ungewöhnlicher Sprungkraft und Bewegungsgeschwindigkeit.

Die Gala stand unter dem Motto „Song and Dance“, wie immer erläuterte Neumeier seine Motive für die Auswahl der insgesamt 15 Stücke. Den größten Beifall erhielten, neben Carsten Jung, bei dessen Abschied sich das Publikum erhob, Alexandre Riabko und Ivan Urban für ihren Männer Pas de deux „Opus 100 – For Maurice“. Es begann mit Teilen aus Bernstein Dances und Shall we Dance? Weiter mit Gesängen aus buddhistischen Schriften (Qui Yunting und Wu Sicong vom National Ballet of China) sowie mit einem Ausschnitt aus Anna Karenina „Moon Shadow“, diesmal nicht mit Aleix Martinez, sondern Felix Paquet vom National Ballet of Canada, der, wie Neumeier ankündigte, ab der nächsten Spielzeit als Solist zum Hamburger Ensemble gehören wird. Paquet war sehr gut, allerdings fehlte es ihm in der Darstellung des Lewin am Ausdruck von Zuverlässigkeit, des sich Anvertrauen könnens, welches Martinez in diese Rolle, neben seinen tänzerischen Fähigkeiten, einbrachte. Paquet könnte man sich eher als Nachfolger in den Rollen von Carsten Jung vorstellen. Vor der ersten Pause brachte sich noch das Bundesjugendballett mit Simple Gifts ein, weiterhin wurden die bereits erwähnten Passagen aus Matthäuspassion, Schwanensee und Liliom aufgeführt.

Insgesamt handelte es sich nicht nur um eine zeitlich (18 Uhr bis 23:45 Uhr), sondern auch um eine inhaltlich anspruchsvolle Gala. So wurden zwischen der ersten und der zweiten Pause Gustav Mahlers Rückert-Lieder Um Mitternacht aufgeführt (Edvin Revazov, Anna Laudere und Silvia Azzoni), begleitet von dem Bariton Benjamin Appl, der mit seiner kraftvollen, schön klingenden Stimme nicht nur diese Lieder mit der nötigen Inbrunst vortrug, sondern auch noch im dritten Teil „Der Einsame im Herbst“ aus Mahlers Lied von der Erde (Cao Shuci und Sun Ruichen vom National Ballet of China) sang und eingangs auch noch den Baritonpart der Bernstein Dances übernommen hatte (Sopran: Dorothea Baumann).

Als Ausblick auf die neue Saison ließ Neumeier den Hochzeitsmarsch aus seinem Sommernachtstraum aufführen (Alexandr Trusch als Philostrat, Madoka Sugai (neue Erste Solistin) als Hermia, Matias Oberlin als Lysander, Leslie Heylmann als Helena und Alexandre Riabko als Demetrius). Der folgende Grand Pas de Deux (Hélène Bouchet und der ebenfalls zum Ersten Solisten beförderte Jacopo Bellussi) wird hoffentlich für die im September folgenden Aufführungen noch weiter geprobt werden. Es folgten ein interessanter Männer Pas de deux der niederländischen Choreografin Wubkje Kuindersma mit den Tänzern des Het Nationale Ballet Jozef Varga und Giovanni Adriano Princic, die erwähnten Ausschnitte aus Duse, Das Lied von der Erde und Opus 100 – For Maurice und zum Abschluss der 4. (Svetlana Lunkina, National Ballet of Canada, mit Christoper Evans) und 5. Satz aus Mahlers 5. Sinfonie, bei letzterer wurde das gesamt Ensemble eingesetzt. John Neumeier bedankte sich vor dem Ende bei allen Beteiligten, die bis kurz vor Mitternacht auf, vor und hinter der Bühne gearbeitet hatten; die Technik ließ, wie bei jeder Gala, am Ende massenhaft Konfetti vom Bühnenhimmel regnen.

zuletzt geändert von Ralf Reck, 01.07.2019 23:04:50



 

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