Einfach überwältigend: Nijinsky (Neumeier), Hamburg Ballett, 05.02.2019 

Ralf Reck, 06.02.2019 00:50:01

Dieses Ballett muss man gesehen, nein man muss es erlebt haben, und zwar mehrfach (heute das sechszehnte Mal seit der Premiere im Jahre 2000, insgesamt war es die 141. Vorstellung), und ist immer wieder überrascht, wie neu es wirkt, obwohl es die Male davor wohl schon genauso gewesen ist. Die Großen Neumeierballette werden durch erneutes Sehen nie langweilig, vielmehr erschließen sich jedes Mal neue Aspekte, nicht nur wegen unterschiedlicher Besetzungen, sondern vor allem wegen der erzählerischen und psychologischen Kraft, mit der Neumeier dieses Werk gelungen ist. Das Publikum war am Schluss begeistert, nahezu ein Dutzend Blumensträuße flogen auf die Bühne.

Es ist einfach eine großartige Ensembleleistung, die auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper zu erleben ist; wenn man sieht, wie selbst eine so perfekte Tänzerin wie Madoka Sugai, die vor wenigen Tagen noch als Kitri (in Don Quixote) ganz oben auf dem Tänzerolymp stand, heute in der dritten Reihe in dem Teil „Scheherazade“ mit zum Erfolg der Aufführung beitrug und die Ersten Solisten Christopher Evans und Alexandr Trusch in dem „Krieg“ überschriebenen Part (zusammen mit 28 weiteren Tänzern) das männliche Ensemble ergänzten, kann man diesen Ensmeblegeist, ohne den ein solches Ballett wie Neumeiers Nijinsky wohl nicht aufzuführen wäre, nur vorbehaltlos bewundern. Hélène Bouchet (Romola, Nijinskys Frau), die in diesem Jahr (nach längerer Pause) bei einigen gesehenen Aufführungen noch nicht ganz zu ihrer alten Form zurückgefunden hatte, überzeugte in dem Schlitten-Pas de deux am Ende des zweiten Teils mit großer Hingabe und emotionaler Tiefe. Alexandre Riabko (Nijinsky) hat in seiner Darstellung ebenfalls eine emotionalen Reife erlangt, die tief berührt und erst mit langer Erfahrung erreichbar ist. Dabei sind seine physische Kraft ungebrochen und seine tänzerische Leistung ohne Fehl und Tadel. Gerade ihm dankte das Publikum mit großem Jubel, welchen dieser großartige Tänzer sichtlich bewegt entgegennahm.

Besonders der zweite Teil dieses Balletts zur Sinfonie Nr. 11 g-moll von Dmitri Schostkowitsch wächst über den mehr melodischen, und schon beeindruckenden ersten Teil vor der Pause (u.a. Rimskij-Korsakow) hinaus. Nach dem „Wahnsinns“-Solo von Stanislaw (Nijinskys Bruder, technisch großartig und darstellerisch vollends überzeugend Aleix Martinez) folgt ein choreographischer Höhepunkt dem anderen, zunächst das so nur im Theatersaal (und nicht auf der DVD dieses Balletts) erlebbare „Kriegs“ensemble mit dreißig Tänzern und einer Tänzerin (Bronislava, Nijinskys Schwester in Le Sacre, perfekt dargeboten von Lucia Rios), danach der psychologisch tiefsinnige Ehedialog Romola/Nijinsky und schließlich am Ende das große Solo Nijinskys. Wer hat noch getanzt: Ivan Urban war wieder ein überzeugender, mit den Geheimnissen des Lebens vertrauter Diaghilew, Silvia Azzoni eine perfekte Ballerina; einzelne Spiegelbilder Nijinskys wurden von Christopher Evans (Harlequin), Marc Jubete (Goldener Sklave), Alexandr Trusch (Geist der Rose) oder Borja Bermudez (Petruschka) getanzt, immer überzeugend, gleiches gilt für Anna Laudere und Dario Franconi als Nijinskys Eltern sowie für Jacopo Bellussi als Leonid Massine. Ein weiterer Tänzer fiel auf, Lloyd Riggins, der mit seiner Präsenz bei dem einleitenden Palaver im Suvretta-Haus die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg spielte heute unter der Leitung von Simon Hewett ganz ausgezeichnet.


 

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