Eine fabelhafte Kameliendame (Anna Laudere), Hamburg Ballett, 16.05.2018 

Ralf Reck, 17.05.2018 00:25:06

Während der letzten Ballettwerkstatt sprach Neumeier über die Stärke der Frauen. Auch Marguerite Gautier sei nicht schwach, sondern stark, sie wisse um ihre Krankheit (Tuberkulose, Neumeier erinnert auch an die AIDS-Epidemie zu Zeiten seiner Auseinandersetzung mit diesem Ballett) und versuche, sich für die ihr verbliebene Zeit ein schönes Leben zu finanzieren, dafür nutze sie die Männer und nicht die Männer sie. Die schöne Anna Laudere war diese starke, mit den Männern spielende Frau, bis sie den etwas ungelenken, noch bubenhaft unverdorben wirkenden, gut aussehenden Armand (Edvin Revazov) kennenlernt. Aus Spiel wird bei ihr bald Liebe, nicht sofort, und immer noch mit der Möglichkeit des Rückzugs, bis sie sich ihm im zweiten Pas de deux schließlich bedingungslos unterwirft. All dies vermag Anna Laudere mit großer tänzerischer und darstellerischer Hingabe zu vermitteln. Sie ist das Zentrum dieser Aufführung, die alle anderen Personen, die auch nicht schlecht tanzen (Mayo Arii und Jacopo Bellussi als Manon und Des Grieux zum Beispiel), in den Hintergrund rückt. Da ist das begrenzte mimische Ausdrucksvermögen Revazovs nicht von Nachteil, Laudere führt diesen bubenhaften großen Mann, nicht er sie, und wenn doch, dann mit ungelenker, fast schon bedrohlich wirkender Grobheit, wie beim Ball im dritten Akt. Revazov war ihr ein guter Partner, nicht nur bei den allein wegen seiner Körperhöhe beeindruckenden Hebungen, sondern auch im schwierigen Schwarzen Pas de deux des dritten Aktes, der heute deutlich überzeugender gelang als vor wenigen Tagen in der Kombination Cojocaru/Trusch. Was Anna Laudere auch zeigt, zumindest kam mir der Gedanke bei ihrem Pas de deux mit Monsieur Duval (Ivan Urban), ist die Einsicht in die Unmöglichkeit ihrer Beziehung zu Armand; es ist nicht der unterwürfige Verzicht aus Liebe zu Armand, sondern die Erkenntnis, das ein bürgerliches Glück, welches in dem Pas de deux mit Armands Vater angedeutet wird, für sie unerreichbar bleibt. Deshalb erträgt sie seine im dritten Akt beginnenden Demütigungen auch als notwendige Folge ihrer eigenen Entscheidung. Die Liebe zu Armand verbirgt sie dafür in ihrem Herzen, bis zum traurigen Schluss. Am Ende gab es für dieses Traumpaar großen Jubel.


 

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