Solosonaten von B.A. Zimmermann, Choreografien von Britta Lieberknecht, ACHT BRÜCKEN Köln, 01.05.2018, Rezension von Christina-Maria Purkert 

B. Lieberknecht, 15.05.2018 13:28:29

Sonate für Violine Solo, WDR Funkhaus
Sonate für Viola Solo, Philharmonie


Die Engel hören
Rezension von Christina-Maria Purkert
Das Dirigentenpodest gehört der Tänzerin. Es ist ihre Spielfläche. Denn die Orchesterstühle sind leer, das Podest ist frei. Nur die Tänzerin und ein Solist treten auf. Sie tut das Gegenteil von dem, was ein Dirigent oder eine Dirigentin an dieser Stelle täte: sie lenkt nicht Musiker und ihre Instrumente mit ihren Gesten und Haltungen, sie lässt sich bewegen von dem, was ein Musiker in einem und eine Musikerin im anderen Fall spielen. Diese Grundidee teilen die zwei Soli, die Britta Lieberknecht für das Acht Brücken Festival in Köln zu Sonaten von Bernd Alois Zimmermann choreografiert hat und an einem Tag, doch in zwei verschiedenen Kontexten gezeigt hat. Beide eröffnen vor noch leeren Orchesterstühlen mit den kurzen und konzentrierten Stücken Konzertprogramme, zu denen sie bei aller Ähnlichkeit des formalen Ansatzes dann doch jeweils andere Stimmungen setzen, die auf das Folgende verweisen. Barbara Fuchs eröffnet zur Sonate für Viola Solo „… an den Gesang eines Engels“ zusammen mit dem Bratschisten Matthias Buchholz ein nach dieser Sonate benanntes Zimmermann Programm der Kölner Hochschule für Musik und Tanz in der Kölner Philharmonie.
Neus Barcons Roca tanzt mit der Violinistin Hannah Weirich zu Beginn des Konzerts „Metamorphosis“ des Ensembles Musikfabrik im großen Sendesaal des WDR Funkhauses: „Sonate für Violine solo“ von 1951. Beide treten barfuß wie in Probenkleidung auf: in blauen Trainingshosen und rotem Shirt Neus Barcons Roca, in schwarzer Stretchhose und dunklem T-Shirt Hannah Weirich. Umstandslos stellt sich jede auf ihren Platz, ein Atemzug, ein Blick: und jede beginnt. Die Tänzerin windet sich hoch und runter, schwingt um die eigene Längsachse, schleudert die Arme von rechts nach links – alles Spiralbewegungen von unterschiedlicher Dynamik. Wenn man will kann man einzelne Gesten bestimmten Motiven der Violine zuordnen, aber nur punktuell. Dann sind Tänzerin und Geigerin für Momente eins in Tempo und Dynamik. Die Choreografin Britta Lieberknecht interessiert sich nicht für die Illustration von Musik, sie will auch keine Geschichte erzählen, sie will erforschen welche Regung die Musik im Körper auslöst, wie der Tanz der Musik ein ebenbürtiges Gegenüber sein kann. Weil die jede menschliche Regung auch Emotion enthält, ihr körperlicher Ausdruck aber nicht eine festgelegte Bedeutung hat, fesseln die 12 Minuten. Bei aller Abstraktion entwickeln die Choreografie Dramatik. Am Ende des Konzerts begreift man sie auch als Pendant zu dem experimentellem Stummfilm „Metamorphosis“ von 1954 zu dem Zimmermann die Musik schrieb und der mit der Livemusik gezeigt wird. Atmosphären, Stimmungen, die keine lineare Handlung, keine Sprache brauchen, um zu wirken.
Für das zweite Zimmermann Solo, das Britta Lieberknecht für das Festival choreografiert hat, „…an den Gesang eines Engels“ gilt alles, was über das Verhältnis von Tanz und Musik schon gesagt ist, doch hier ist die Emotion greifbar: Trauer, Verlust. Die Sonate entstand 1955 als ein Requiem nach dem Tod einer neugeborenen Tochter des Komponisten. Am Anfang legt Barbara Fuchs ihre Hände an den Rücken des Bratschisten Matthias Buchholz. Erspürt sie seinen Atem, seine Bewegung oder ist sie sanfte Führerin, Engel, der begleitet? Bernd Alois Zimmermann, der christlich und katholisch geprägt war und sogar Theologie studieren wollte, hatte jedenfalls einen tiefen spirituellen Bezug zu Engelvorstellungen. Wenn sich die Tänzerin vom Musiker löst und in ihren kleinen beschränkten Raum geht, nimmt sie mehr die innere Schwingung mit als die äußere Bewegung, die sie erspürt hat.
Sie gibt als erstes der Schwerkraft nach und legt sich auf das Podest, breitet die Arme aus, streckt die Beine in den Himmel, kreuzt sie, reibt die Füße aneinander: Die Choreografin, der als Atheistin die christliche Gedanken- und Bildwelt nicht nahe sind, deutet Kreuzsymbolik an, eine auf den Kopf gestellte Kreuzigung. Später wird sich die Tänzerin aufrichten, die Hände vor der Brust falten wie zum Gebet, sich drehen und winden. Sie wird in gebückter Haltung mit gespreizten Händen an den Ohren da stehen, lauschend auf den Klang des fernen Engels vielleicht. Schmerz und Leid werden hier als Emotionen sehr viel konkreter fassbar als in dem anderen Solo – doch auch hier hütet sich Britta Lieberknecht vor Klischees. Wie in der zweiten Choreografie will sie weniger eine äußere Form für Gefühl finden, als die innere Bewegtheit erspüren, die die Musik auslöst. Damit ist sie der Mystik, die höchste religiöse Erfahrung im Inneren und letztlich in der Abstraktion sucht nahe. Dieses Zusammentreffen der Erfahrung tiefer Gefühle und völliger Abstraktion darzustellen ist meist eine Gratwanderung zwischen spirituellem Kitsch und sperrigem kalten Formalismus. Doch nicht hier. In der Umsetzung gelingt es Barbara Fuchs sehr feinfühlig, innere Bewegtheit zu zeigen, die Zartheit tiefer Gefühle nicht mit großen expressiven Gesten zu über- und verzeichnen. Als sie nach dem letzten Ton langsam in kleinen Wellen ihre Arme und Hände ausschwingt ist das Publikum so still und konzentriert wie sie selbst. Lauschend auf den feinen Gesang eines Engels.
Ob und wann dieses Solo wieder zu sehen ist, ist ungewiss. Beide Soli waren Auftragsarbeiten für den Bernd Alois Zimmermann Schwerpunkt des Acht Brücken Festivals um die Britta Lieberknecht gebeten wurde, weil sie 2016 schon mit „Space for your Imagination“ zu Musik von Zimmermann choreografiert hatte. Immerhin für die Zusammenarbeit mit dem Ensemble Musikfabrik besteht Aussicht auf weitere Aufführungen. Zu wünschen wäre es, dass diese puristischen, konzentrierten und anrührenden Soli noch viel mehr Publikum bekämen.



zuletzt geändert von B. Lieberknecht, 15.05.2018 13:32:20



 

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