"Dances of Love and Innerlight" - Ballettabend "Begegnungen" des Stuttgarter Balletts 

rolf wollgarten, 22.01.2018 14:39:47

“Dances of Love and Innerlight“
Ballettabend ”Begegnungen” des Stuttgarter Balletts
Premiere am 13.01.2018

“Wie aus der Zeit gefallen“, die beiden Choreographien des Abends, etwas mehr das impressionistische “Dances at a Gathering“ von Jerome Robbins aus 1969 und etwas weniger das expressionistische “Initialen R.B.M.E.“ von John Cranko aus 1972. Kann eine größere Auszeichnung vergeben werden als die, Hemmung, Widersacher zu sein gegen die Unruh des Schlagwerks der Jetztzeit, dessen kurzgetakteten Schläge nach innen sedativ-leermachend und nach außen eruptiv-zappelphilippmimetisch wirken. Impressionistisch will sagen, die metaphorisch gemeinte zentripetale Aktion von Weltaneignung in einen Weltinnenraum zu verwandeln, pointillistisch satt frisch farbig, um ihn eher osmotisch zu zelebrieren. Expressionistisch will sagen, eben jene Aneignung aus dem Inneren in einer metaphorisch gemeinten zentrifugalen Reaktion von Freude und Feuer in das Außen zu entbinden.
Und auf die Vielzahl choreographischer Details kann hier nicht eingegangen werden.

Was aus der Zeit fällt, das fällt immer in die richtige, die rechte Zeit. Robbins’ Werk “Dances at a Gathering“, steht es nicht auf den Schultern des Romantizismus eines Novalis, tönt es nicht neben dem Minnesang des Hochmittelalters, revoltiert es nicht gegen die Tragik des Menschen, wie sie in der Antike zur Anschauung kommt, die in der Selbstübereignung an die Götter besteht, wodurch er, da diese Funktional seines Fremdgehens geworden und so allmächtig in ihrer Fremdherrschaft, sich selbst gewaltsam zerstört. Und die Antike ist durchaus sehr postmodern.

Schon das Bild der Bühne ist Revolte. Sie ist ein Nichts. Das Nichts ist im Hintergrund ausgemalt mit einem exquisiten Azurblau, eine dichte, drängende, treibende monochrome Lichtung, wie sie der Sehnsucht eignet. Man muß sie gedanklich in die Waagerechte der Bühnendecke versetzen, daß sie das Himmelsgewölbe versinnbildlicht. Nicht die Sehnsucht selber, aber die Unfähigkeit zu ihrer Transformation generiert das Programm, daß der Mensch mit vollem Bewußtsein ins Paradies, also in einen nicht bewußten, tierischen Zustand will. Dagegen stellt Robbins’ seine “Dances“, choreographiert er die Macht des Augenblicks, der ca. 65 Minuten währt. Die Macht besteht darin, hinter der Realität die Wirklichkeit sichtbar zu machen. Dies bindet die Zeit. Ihre und damit die eigene “Fesselung“ ist notwendiges Rüstzeug für die Einkehr von Traum und Imagination, für das Gespür für Licht und Stille. Seine “Dances“ vermitteln die Rückbindung ans Immaterielle, vertilgen das Stoffliche, die Waren, das Konsumieren, heben die Teiligkeit der Arbeit, des Lebens, des Sozialen, der Kommunikation auf, gerade dergestalt, daß sie die Zusammenkünfte der Tänzer immer wieder neu strukturieren, ein fortwährendes Teilen, Rekombinieren im und zum Ganzen, ein Wachsen nur dergestalt, daß Grenzen wachsen als dessen Teilessenz.

Es gibt keine Sicherheit nirgends, nicht auf der Bühne, nicht im Leben, als Zusammenkünfte in move. Schon das erste Statement in “Dances“ plaziert Halt und Festigkeit, als der erste Tänzer, Adhonay Soares da Silva, vor das Blau der Sehnsucht tritt, meditativ verwandelnd, als wäre er auf Lichtung seiner selbst, um sie einzuholen nach innen in eine verständige multiple Kommunikation. So beginnt das Kammerspiel “Dances“ in des Wortes doppelter Bedeutung. Verspielt die Kammer der Seele konsequent erhellend ausschreiten. Trost und Verläßlichkeit des Lichts. Mit exzellenten Sprüngen zunächst, in die sich seine Partnerin einfindet, mimt das Paar in seiner tänzerischen Geste etwas Idealisches nach, einen erfrischenden Erdquell, seinem Flusse sich ein zweites Paar anverwandelt, in dessen fließendem Schwunge sich eine Solitärin verhält, nur insoweit, als in verzaubernder Grazie den beiden Paaren sich anzutragen, die in ihrem Reigen fortschreiten, um bald in der nächsten Szene einen dritten Tänzer einzugliedern, der sodann eine kleine sinnlich aufgeladene Ratlosigkeit verursacht, bis die Solitärin etwas kess die Harmonie wieder herstellt.

Die Bewegungssprache in “Dances“ bewegt, weil sie bewegt wird, vollständig, nahezu vollendet. Ein Beweger ist nicht sichtbar. Es ist die Metamorphose selbst, die kommuniziert, sie ist Grund, Substanz, eine Kunst des enthusiasmierten “Müssens“, heiter und melancholisch, sinnlich und dynamisch, keck und humorvoll, inniglich und expressiv im Sinne eines drängenden Könnens, nicht in einer verschraubten skulpturalen Virtuosität, sondern als ein Berührtsein, zugehörig sich zu fühlen dem schöpferischen Potential eines Energiefeldes. Das Changieren in den Zusammenkünften, die
Momente des Solitären, die Abkehr davon, die Umkehr und Wiederkehr, das Verrücken davon, Entrücken und Berücken schwächen nicht die Substanz der Kommunikation, sondern sie befestigen symbiotisch und synergetisch jene. Von Kleinodien durchwirkt, mal in romantisch verspielten, mal in abstrakt punktierten, mal in fulgurativ bannenden Linien beweist sich ein besonderer Flow, autonom und authentisch. Das Besondere bildet sich in der Dichte des Augenblicks, darin wie eingebettet das Unendliche, gleichzeitig überströmend, in dessen Strom das männliche und weibliche Prinzip sich vertanzend, sich ergehend, die Hände reichend, wie es tatsächlich in einem Pas de deux kniend bzw. sitzend geschieht, als ginge, als fiele vielleicht dieses Prinzip. Wohin – immer nach Hause, da es immer in der Fremde weilt.

Aus dem Blau des Himmelsgewölbes fällt die Musik Chopins wundersam. 18 Miniaturen: Mazurken, Walzer, Etüden, Scherzo und Nocturne. Wie poetisch balsamische Tropfen, eingefangen vom Faltenwurf hinwehender Gewänder der Tänzerinnen, kaligraphisch eingezeichnet in die Herzen aller Tänzer, von keiner Feder, von einem weichen geschmeidigen Tuschepinsel. Und in zarten Pastellfarben die Willkommensfeier aller 10 Tänzer, davon sechs Tänzer in Rollendebüts, eine grandiose tänzerische Ehrerbietung. In den Pas de deux zum Beispiel (Elisa Badenes mit Partnern) irisierende, edel hingetupfte Klangfarben, elektrisierend taktpräzise.

Sie alle finden sich zum krönenden Abschlusse ein, gruppieren sich solitärisch zur räumlichen Skulptur, ihre Arme erhebend, die mit ihren Blicken fortgehen in die Ferne, bleiben dabei doch bei der Erde, die sie meinen, berühren sie, verbeugen sich, berühren das Bleibende, das Irdische der Erde, und bleiben, lösend sich, in ihrem letzten Bild als hinwandelnde Paare. Und es erscheint in “Dances“ in toto jene Empfindsamkeit, als wäre die Seele durchdrungen von der Werkelichkeit und Wirksamkeit des Leibes, der Arme, der Hände, als wäre die Hand die erste Wirksamkeit der selbstbewußten Seele.
Musik und Tanz in “Dances at a Gathering“ eine Einheitlichkeit, ein singuläres Zeichen, Signifikant und Signifikat in eins, die gleiche Topographie und Tektonik wie der Erdenkreis, offenbarend den Riß immer wieder, als gäb’s die Blaupause, die “Blue Note“ im Spiel zu erhaschen, mit tausend Bildern seiner selbst wie durch einen stillen Röhrichtwald in die Welt und doch steht im eigenen Spiegel nur ein einziger Blick, der ins Offene geht. Eine Aura des Friedens inneres Feuer, der Schönheit als Andenken der Freiheit tut sich auf – der Liebe in Stille.

John Crankos “Initialen R. B. M. E.” ist anders. Aber das Andere bindet immer zurück und tönt dasjenige ein, dessen Klangfarben wieder neu binden. Hingabe ans irdische Motiv, das der Erde Innewohnende, ist das Verbindende. Liebe, Freundschaft, Zugehörigkeit sind nur so, oder sie sind gar nicht. Crankos “Initialen“ ist weniger ein einziges, in sich geschlossenes, formvollendetes Gedicht, weniger Kammerspiel, weniger verspielt in Ernsthaftigkeit, weniger kontemplativ die Stille huldigend, sondern mehr eine rhapsodische, skulptural auffältige Gestaltung. “Initialen“ ist eine sinfonische und tänzerische Dichtung in eins und doch sind beide Künste auch äquidistant. Ein besonderer Reiz. Musik und Tanz, beide im konzertanten Fluß, beide im lebendigen Gespräch in aquarellierter Farbigkeit, sättigend in dichter Durchsichtigkeit. Hier kann man, vorbehaltlich weniger kritischer Einschränkungen, durchaus mit Schiller meinen: “Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung“. Denn die Musik, das Klavierkonzert 2 in B-Dur von Johannes Brahms kommt daher wie eine hinreißende Begegnung aller vier Elemente in einer Auenlandschaft.

Beide Ballette haben identischen Eigensinn. Bei Crankos “Initialen“ indes geht das Apriorische, also das Zeichen selbst, die Essenz des Signifikats, die Bedeutung der Freundschaft und Zugehörigkeit in Liebe, gleichermaßen eigenwertsam in beide Narrative, in die sinfonische Dichtung von Brahms und in das tänzerische Narrativ von Cranko. Gemäß der Topographie und Textur der Musik, ihren programmatischen Lockungen und Erregungen, vertikal, horizontal, bezeugt Crankos Ballett dieses Ordnungsprinzip, auch hierarchisch, strukturierend Soli, Pas de deux, kleines Ensemble und Corps de Ballet.

Die Vier ist die Symbolzahl dieses Balletts, kein Zufall. Cranko zeigte seine innige Freundschaft mit seinen vier damaligen Startänzern, indem er seiner Choreographie die Initialen ihrer Vornamen voranstellte. Vier Sätze hat das Klavierkonzert von Brahms. Vier Elemente, vier Temperamente kennt die Welt als metaphorische Lebenselixiere. Vier Bausteine hat die DNA-Doppelhelix. Vier Quadranten, vier exzentrische Singularitäten als die Mitten des Erdenkreuzes. Insofern ist es gedankenlos falsch, Robbins einmaliges Meisterwerk “Dances“ als ein elegisch-nachsinnendes, hingegen Crankos “Initialen“ als ein heiter-frohlockendes Epos zu bezeichnen. Richtig ist, daß das eine ohne das andere nicht zu haben ist, schließt man rein oberflächliche Betrachtungen aus. Auch hier bei Cranko erschuf im Gespür für starkes Licht sich bedingender fließender Übergänge ein Meister des sanften Aquarellierens nichts außer Bühnenbild und Trikots der Tänzer.

Auch bei Cranko ist keine Handlung, dem vordergründigen Scheine nach. Die eigentliche Handlung, die forcierte Dominante, ist die Freundschaft selber, die Zugehörigkeit zum Unverstellten, die kommunikative Aneignung der Schönheit. Der kleine choreographische Geniestreich Crankos besteht darin, diese Dominante kionsequent in allen vier Sätzen durchwirken zu lassen. So schafft er einen offenen und leibhaftigen “Spiegel“ eines dreidimensionalen skulpturalen Tanztheaters, in dem die Musik Brahms’ Einkehr nehmen kann. Wechselseitige Durchdringungen, Reflexionen über Liebe und Freundschaft, farbige, lebendige, temperamentvolle, tiefgründige (3. Satz) Topographie. Jedem der vier Symbolträger der Freundschaft ist ein Satz des Klavierkonzertes gewidmet. Die Vier begegnen sich in den Sätzen immer wieder. Das Nachhaltigste, das ergriffen macht, das etwas Magisches hat, wie ein Sonettkranz der zu 14 und 1 geflochtenen Sonette, sind die beiden Zusammenkünfte der Vier in liebevoller Zuneigung, mit Blicken abwägender Zuversicht, mit Händen, die sich finden, damit den Tanz beginnend und beschließend.

Die Klaviermusik von Brahms ist ein Meisterwerk, eine hochenergetische, fulminant expressive und emotionale, sehr ausdifferenzierte sinfonische Dichtung mit kammermusikalischen Passagen (3. Satz). Ihre Virtuosität zeichnet sich 1 zu 1 durch in eine ebenso virtuose, hochkomplexe Tanzsprache des klassischen bzw. neoklassischen Balletts. Daß wir ein Gespräch sind, tanzen die vier Tänzer und das ganze Ensemble, als bildeten sie kleinteiliges Interaktionsgeschehen von lebhaft demokratischer Kommunikation auf einer heutigen Agora ab. Suggestiver Sog in Kongruenz mit der Musik, ihren Elementen, ihrer dialogischen Potenz, ihren solitären Rufen, dargeboten in dem “Allegro non troppo“ mit den lyrisch und agil fließenden Variationspartien zwischen Klavier und Orchester und dem Tutti-Teil, in den schwungvollen, brillanten Klavierparts des “Allegro appassionato“, in dem liedhaften und elegischen “Andante“ mit den Solostimmen Cello und Klarinette, in dem “Allegretto grazioso“, in dem heiter und anmutig gestimmten Finale zwischen Klavier und Orchester.
Im Tanz konzertant dargeboten im synchronen Gleichklang in den Soli, den Pas de deux, den immer neuen Bildungen kleiner Formationen, dem Corps de Ballet, und zwar in mit Verve exquisit hingemeißelten Sprung- und Dreh- und Hebefigurationen. Kleiner Wermutstropfen: Cranko läßt etwas zu üppig statuarisch tragen.
Umjubelter Gastauftritt von Daniel Camargo, charismatisch, bis 2016 Erster Solist in Stuttgart. Das besondere Paar romantisch-heldischer Handlungsballette, Alicia Amatriain und Friedemann Vogel, vertanzten die elegische Cellostimme des Andante in einer schwelgerisch empfindsamen Verhaltung, mit dem Gespür für ihre verinnerlichte Meisterschaft der Sprache, die im Außen sicher ihren intuitiven Ausdruck findet. Großer Applaus des Publikums für die formitable Leistung des Staatsorchesters Stuttgart, Leitung James Tuggle, für die beiden vorzüglichen Solisten am Klavier, Alexander Reitenbach und Andrej Jussow.
Weitere Vorstellungen Februar und Juli 2018. Unbedingt sehen und hören.


 

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