Anna Karenina (Neumeier) in der zweiten Saison, Hamburg Ballett, 23.09.2017 

Ralf Reck, 24.09.2017 01:13:42

Es war überwältigend, mit treffender Charakterisierung der zahlreichen Personen des Tolstoi-Romans. Es ist einfach genial, wie Neumeier die im Roman beschriebenen Gefühlswelten tänzerisch zum Ausdruck bringt, zum Beispiel die des romantischen Sozialisten Lewin, wenn er zu Cat Stevens (alias Yusuf Islam) "Moonshadow" auf dem Heuballen liegt und träumt oder das großartige Sensenballett im zweiten Teil, welches Levins etwas illusionistische Vorstellungen von der Landwirtschaft widerspiegelt. Aleix Martinez ist als Lewin tänzerisch und darstellerisch einfach großartig, auch seine Kitty (Emilie Mazon), die ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Ivan Urban beeindruckt erneut als (im Vergleich mit der Romanfigur) durchaus sympathischer und empathiefähiger Karenin. Maria Huguet scheint seit der letzten Aufführung im Juli an seiner Rolle als Serjoscha nicht nur interpretatorisch, sondern auch körperlich gewachsen zu sein; es ist schon imponierend, wie „der kleine Junge“ seine deutlich größere Mutter (Anna Laudere) hebt und mit ihr tanzt. Anna Laudere schmilzt in den Händen ihres geliebten Wronski (Edvin Revazov) wie Butter; ganz besonders beeindrucken der Schwarz-Weiß Pas de deux auf Kittys Verlobungsfeier und der italienische Pas de deux am Anfang des zweiten Aktes.

Krankheitsbedingt wurde der Muschik nicht von Karen Azatyan sondern von Alexandre Riabko getanzt. Ich fand ihn überzeugender, es war spannender, seiner Interpretation dieser Art Geisterrolle zuzuschauen, auch schien er mir im Zweiertanz mit Anna Laudere (Italienakt) präziser. Jedenfalls gelang es Riabko, dieser etwas aus dem Rahmen fallenden, und so bei Tolstoi nicht vorkommenden Rolle etwas von einem Todesengel zu geben (dem sich Anna letztlich hingibt). Mayo Arii tanzte eine perfekte Gräfin Iwanowna, die weiß, wie sie den seiner Gattin nachtrauernden Karenin an sich heranzieht. Auch Dario Franconi überzeugte als chronisch untreuer Stiwa, der seine Frau Dolly aber auch nicht verlieren will. Es liegt wohl in der Familie, jedenfalls bemerkt er als erster., durchaus mit einem gewissen Vergnügen, die Nähe zwischen seiner Schwester Anna und Wronski. Einer der zahlreichen Höhepunkte ist der zu Herzen gehende Teil „Dollys Entscheidung“, in der es Patricia Friza nicht übers Herz bringt, ihre um sie werbenden Kinder (Gabriel Alain, Merit Laenger, Elisa Muller, Liv Kukla, Caspar Sasse; alle von der Hamburger Ballettschule) zu verlassen. Zu erwähnen wäre noch Yaiza Coll, die in einer Szene des letzten Teils Tatjana (untergemischte Aufnahme der Briefszene aus Eugen Onegin mit der Sopranistin Anna Netrebko) spielt.

Es ist alles in allem ein großartiges, wenn auch ob der zahlreichen Personen langes Ballett. Aber auch Tolstoi hatte seinen Roman ja nicht als einmalige Wochenendlektüre konzipiert. Bei diesem Stück scheinen sich stehende Ovationen eingebürgert zu haben, zumindest im Parkett. Der Beifall war langanhalten, Blumen gab es für den jungen Tänzer Maria Huguet und für Anna Laudere. Die weiteren Vorstellungen in diesem jahr sind bereits ausverkauft. Mit Glück gehen aber einige Tage vor der Aufführung, manchmal auch noch am selben Tag, Karten an die Kasse, was man im Internetauftritt der Hamburgischen Staatsoper einsehen (und sie dann telefonisch bestellen) kann.

zuletzt geändert von Ralf Reck, 24.09.2017 13:33:04



 

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