KRITIKEN 2006/2007



München

DER TANZ BIN ICH

Dance: Medienkünstlerin Tamiko Thiel im i-camp



Welche Bilder hat eine Asiatin vor Augen, wenn sie an den Westen denkt? Mariko stellt sich vor, der ganze Westen sei wie Venedig - so, wie manche Europäer China und Japan vermischen, wenn es um Asien geht. "Man schafft sich mit der Vorstellungskraft eine Welt, die so nicht existiert", sagt Tamiko Thiel. Für die Installation "The Travels of Mariko Horo - In the Land of Barbarian" hat die in München lebende Medienkünstlerin die Piazza San Marco mit dem Palazzo Ducale und der Basilica San Marco im Originalmaßstab nachgebaut. Auf der Leinwand gleiten Engel mit asiatischen Gesichtern vorüber; ihre Flügel fächern sich auf, alles strömt.
Thiel sitzt an den Reglern von Bild- und Tonspur und hat zugleich die beiden Tänzer im Blick, die sich im harten Kontrast zu der flutenden Bilderwelt bewegen: zuckend, stockend, hart. Asiatische Butoh-Tänzer wollte sie haben. Nun arbeitet sie mit Ishide Takuya zusammen, der Mitglied des Ensembles von Tatsumi Hijikata war, dem legendären Begründer des Butoh, und mit Shinichi Iova-Koga, der wie Tamiko Thiel mit einem japanischen Elternteil in den USA aufgewachsen ist. Butoh, dieser "Tanz der Finsternis", in dem sich die Tradition des deutschen Ausdruckstanzes und des japanischen Volkstanzes vermischt, steht bei Tamiko Thiel für die Integration des Westlichen ins Östliche. "Butoh", erklärt Iova-Koga, "heißt, eine bestimmte Perspektive auf das eigene Leben zu haben." Butoh, so Takuya, sei der Tänzer selbst. Zum ersten Mal integriert Thiel Tanz in ihre virtuellen 3D-Welten. "Meine Welt hat eine bestimmte Logik", sagt sie, "Tanz hat eine andere. Ich lerne jetzt, wie man gut zusammenarbeiten könnte." Schnell wird die Kombination von Bild und Tanz zu komplex. "Wir müssen alles viel, viel einfacher machen, kürzen." Die Qualität der Szenen steht fest, alles andere improvisieren die Tänzer. Dabei lassen sie sich von den Bildern Thiels anregen: Etwa ein Stuhl, der Takuya an Folterszenen erinnert. Krachend schlägt er zwei in Kreuzesform gehaltene Holzscheite aufeinander. "Der Körper hat seine eigenen Geschichten", ist Iova-Koga überzeugt. "Er findet sie in sich und bringt sie hervor." In Thiels Video gibt es keine Menschen, nur stilisierte Figuren. Bei den Aufführungen sind die Tänzer das Bindeglied zwischen Virtualität und Realität.
(Aufführungen heute, 11. und 12. November von 20.30 Uhr an im i-camp; Besichtigung der Installation 15.30 bis 18.30 Uhr.)

Veröffentlicht am 10.11.2006, von Katja Schneider in Kritiken 2006/2007

Dieser Artikel wurde 2766 mal angesehen.



Kommentare zu "Der Tanz bin ich"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    MITREIßENDE TURBULENZEN

    "Der Schneesturm" von Andrey Kaydanovskiy
    Veröffentlicht am 21.04.2021, von Vesna Mlakar


    SCHMETTERLINGE

    "Butterfly Brain" von Curtis & Co. – dance affairs
    Veröffentlicht am 20.04.2021, von Dagmar Klein


    DIE SCHWÄNE LEBEN

    "The Dying Swans Project" von Eric Gauthier als Video-Serie bei YouTube und 3sat
    Veröffentlicht am 18.04.2021, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DANCE 2021

    Das (vorläufige) Festivalprogramm

    DANCE, das internationale Festival für zeitgenössischen Tanz der Landeshauptstadt München, zeigt vom 6. bis 16. Mai mit Vorstellungen und Beiträgen zu rund 20 internationalen Produktionen die breite Vielfalt und neuesten Entwicklungen des zeitgenössischen Tanzes.

    Veröffentlicht am 08.04.2021, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben

    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    LIAM SCARLETT IST VERSTORBEN

    Ein tragisch früher Tod

    Veröffentlicht am 18.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    DIE FRAGE, NICHT DIE ANTWORT

    Martin Schläpfer choreografiert „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms

    Veröffentlicht am 03.07.2011, von Angela Reinhardt


    VON DEN STARS LERNEN

    Die digitale „Dance Masterclass“ verrät Tricks und Kniffe

    Veröffentlicht am 20.03.2021, von Annette Bopp


    ZUR SPRACHE GEBRACHT

    Gedichtband „Kinder - Tanzgedichte“ erschienen

    Veröffentlicht am 11.01.2021, von Sabine Kippenberg



    BEI UNS IM SHOP