KOEGLERJOURNAL 2005/2006



Stuttgart

EIN BLICK ZURÜCK II.

Zum zehnten Todestag von Nicholas Beriozoff


Einen Ballettmann seines Typs gibt es heute nicht mehr! Wie es ja auch den Typ von Ballettkompanie nicht mehr gibt, denen er sein halbes Leben lang verbunden war. Geboren als Nicholas Beriozoff am 16. Mai 1906 in Kaunas, Litauen, ausgebildet an der Ballettschule des Nationaltheaters in Prag, wo er auch sein erstes Engagement als Charaktertänzer hatte, kehrte er schon bald nach Kaunas zurück, wo es ihn aber nur kurz hielt. 1936 ging er zu René Blums Ballet de Monte Carlo, 1938 zum Ballet Russe de Monte Carlo, 1944 zum Ballet International des Marquis de Cuevas, 1948 zum englischen Metropolitan Ballet, 1951 zum englischen Festival Ballet und so fort und so fort – ein Mann, der, wenn man ihn nach seinem Wohnsitz fragte, prompt „Hotel“ antwortete – nicht etwa „Im Hotel“, denn sein Sprachmix aus Litauisch, Russisch, Englisch, Französisch und Deutsch muss man sich ungefähr so vorstellen wie das berüchtigte Trappatoni-Deutsch, bloß dass Beriozoffs Mix aus viel mehr Sprachen bestand. Dafür nannte man ihn in aller Welt und auf allen Kontinenten liebevoll den „Papa“. 1957 bis 59 war er Ballettchef in Stuttgart, als der er mit seinen Inszenierungen der Klassiker und der Fokine-Ballette sozusagen Pionierdienste für Cranko leistete, den er als Gastchoreograf mit dem „Pagodenprinzen“ nach Stuttgart einlud – nicht ahnend, dass Cranko ihn schon bald als Chef ablösen würde. Ein bißchen gekränkt war er schon, wenn man später immer so tat, als wäre Stuttgart vor Cranko eine Ballettwüste gewesen. Doch hat er sich mit seinem Weggang von Stuttgart schnell abgefunden und ist dann ja auch in Zürich – relativ sesshaft geworden, wo seine Frau Doris Catana eine Ballettschule hatte. In Zürich war er noch einmal langfristiger Ballettchef, nämlich von 1964-71, was ihn aber nicht daran gehindert hat, auch weiterhin in der ganzen Welt ein gern gesehener Gast zu sein – hauptsächlich als Einstudierer der Klassiker, aber auch als unbedingte Autorität des Fokine-Repertoires.
Beriozoff war ein ungemein leutseliger Mann, immer gut drauf, von einer ausgesprochen Herzensfreundlichkeit – weswegen er überall gut gelitten war – eben der „Papa“ des internationalen Balletts. Ich wüsste heute in der ganzen Welt keinen, der sich ihm vergleichen könnte – und schon gar nicht natürlich als der wirkliche Papa von Svetlana Beriosova, dieser wunderbaren Ballerina, für die – nicht nur – Cranko und MacMillan einige ihrer schönsten Ballette kreiert haben. Heute vor zehn Jahren ist er in Zürich gestorben, wahrlich ein Weltenbummler des Balletts.

Veröffentlicht am 18.02.2006, von oe in koeglerjournal 2005/2006

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