KOEGLERJOURNAL 2004/2005



Stuttgart

ZWEI LEBEN IN EINEM – MIT DISZIPLIN ALS GENERALNENNER

Maja Langsdorff: „Ballett – und dann? Lebensbilder von Tänzern, die nicht mehr tanzen“


Dies ist sicher eins der klügsten, aufklärerischsten, verständnisvollsten und einfühlsamsten Ballettbücher, die in den letzten Jahren veröffentlicht worden sind - Maja Langsdorff: „Ballett – und dann? Lebensbilder von Tänzern, die nicht mehr tanzen“ (Books on Demand, Norderstedt 2005, 289 Seiten, ISBN 3-8334-1796-X, 19.80 € - bei Komplikationen im Buchhandel zu beziehen via Internet: www.maja-langsdorff.de oder unter maja-langsdorff@centermail.net.). Man wünscht es sich in die Hand jedes Mädchens und jedes Jungen, die davon träumen, einmal eine andere Sylvie Guillem oder ein anderer Rudolf Nurejew zu werden. Und da sie meist noch zu jung sind, wenn sie mit dem Tanzen beginnen, sich über die Konsequenzen einer professionellen Tänzerkarriere im Klaren zu sein, wünscht man sich, dass zumindest ihre Eltern zur Kenntnis nehmen, was die lebenserfahrene Stuttgarter Journalistin, die einst selbst Tänzerin war, ihnen mitzuteilen hat. Für die Juniorentänzerinnen und -tänzer in den Anfangsjahren ihrer Bühnenengagements aber sollte das Buch zur Pflichtlektüre erklärt werden – um zu verhindern, am unausweichlichen frühen Ende ihrer aktiven Karriere in eine abgrundtiefe Lebenskrise zu stürzen.
Am klarsten hat es von den 27 hier porträtierten Ehemaligen Debby Prince, Ehefrau des heute als Pianist, Dirigent und Assistent der musikalischen Leitung der Württembergischen Staatstheater Stuttgart tätigen Amerikaners Glenn Prince (selbst einmal Tänzerin in Charleroi, Karlsruhe und München) auf den Punkt gebracht: „Es ist nicht am Ende des Balletts, wo man sich Gedanken machen sollte. Das sollte schon bei den Eltern beginnen, bei der ganzen Erziehung.“ Und ihr Mann pflichtet ihr bei: „Die Vorbereitung für das Leben nach dem Tanz findet noch vor dem Profileben als Tänzer statt.“ Eine Voraussetzung bringen indessen so gut wie alle auf diesem Gebiet Ambitionierten mit: eine weit über das normale Mass gehende Disziplin. Die wird ihnen von Beginn der ersten Stunde an eingebläut. Und das ist auch gut so – und hilft ihnen, mit den unausweichlich auf sie zukommenden Krisen fertig zu werden. Disziplin ist das Wort, das in diesem Buch am häufigsten vorkommt.
Alles andere ist höchst unterschiedlich in den Lebensläufen, denen die Autorin hier nachspürt – ungemein feinfühlig auf die so verschiedenen Sozialisationen und Persönlichkeitsstrukturen eingehend (und sie noch dazu so spannend präsentierend, dass man sie wie 27 literarische Kurzporträts liest). Es ist aber auch verblüffend, hier so kompakt zu erfahren, aus welchen individuell so ganz und gar verschiedenen Gründen sie dazu gekommen sind, Tänzer werden zu wollen, wie sie mit den strapaziösen Anforderungen dieses Berufes (den die meisten als Berufung empfinden) umgehen, nicht zuletzt mit den ständigen Verletzungsgefährdungen und am Ende ihrer Karriere dann mit dem totalen Perspektivwechsel auf das „Leben danach“. Wobei man einen ungeheuren Respekt vor ihrer Lebensleistung gewinnt.
Verblüffend auch - gerade auch für die Betroffenen selbst - in welchen Berufen und Aktivitäten sie in ihrem zweiten Leben unterkommen. Sehr häufig weit entfernt vom Tanz - bis zur Protokollchefin der Sächsischen Staatskanzlei. Stuttgarter Ballettfreunde begegnen hier manchem vertrauten Namen. Sehr hilfreich sind auch die Informationen im Anhang mit dem Kleinen Tanz-ABC, den Literaturverweisen, den Adressen und Ansprechpartnern inklusive der Internet-Links. Hätte die Autorin die Zahl ihrer Porträts auf dreißig abgerundet, hätte sie noch auf drei zusätzliche, außerordentlich interessante Alternativen aufmerksam machen können: die eines Stuttgarter Solisten, der ein höchst erfolgreicher Musical-Darsteller geworden ist, die jenes überaus populären Ostberliner Tänzerstars, der heute als ein inzwischen vermögender Textilkaufmann in der ganzen Welt herumjettet und diejenige eines ehemaligen Ballettdirektors und Festsspielleiters, für den gerade eine funkelnagelneue Manager-Dozentur an einer Schweizer Universität eingerichtet worden ist.

Veröffentlicht am 01.12.2004, von oe in koeglerjournal 2004/2005

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