KOEGLERJOURNAL 2004/2005



Stuttgart

THOMAS POESCHEL: „ABRAXAS – HÖLLEN-SPECTACULUM – VON HEINRICH HEINE BIS WERNER EGK“


Merkwürdiger Fall! Ein grossformatiges, mit vielen Abbildungen (und Fussnoten) versehenes 418-Seiten Konvolut, auf glanzvollem Papier gedruckt, im Herbst 2002 erschienen und bisher, trotz angemessener Bemusterung der einschlägigen Medien, ohne jegliche Rezensionsresonanz. Schlichtweg ignoriert – das ist Thomas Poeschel: „Abraxas – Höllen-Spectaculum, Ein zeitgeschichtliches Libretto des deutschen Nationalmythos von Heinrich Heine bis Werner Egk“, im Verlag Hentrich & Hentrich, In memoriam Marcel Luipart (ISBN 2-933471-20-6), € 49,-.

Der Autor ist ein Filmregisseur, Jahrgang 1958, der einen Kurzspielfilm mit Luipart gemacht hat, lange Gespräche mit ihm geführt hat und 1991, zwei Jahre nach Luiparts Tod, einen dokumentarischen Film über ihn und das „Abraxas“-Ballett anhand von Aufführungsfotos beendet hat. Er lebt heute mit seiner Familie in Spanien.

Es ist ein ganz und gar originelles Buch, das, ausgehend von Heinrich Heine und seinem 1847 für London geschriebenem „Abraxas“-Libretto, ein ungeheuer komplexes Netzwerk über den Stoff als Spiegel der historischen Verhältnisse in Frankreich, Deutschland und Europa (mit Seitenblicken auf Amerika) und den Nachwirkungen des sogenannten Münchner „Abraxas“-Skandals bis ins Jahr 1997 (200. Geburtstag von Heine) ausbreitet. Es ist nicht zuletzt eine Reflexion des Autors – sehr im Sinne Heines – über die bleiernen Jahrzehnte der deutschen Nachkriegs-Restauration während der Adenauer- und Kiesinger-Ära nach dem Zweiten Weltkrieg.

Im Mittelpunkt steht die Kreation der Münchner „Abraxas“-Uraufführung mit Werner Joseph Mayer (alias Werner Egk) und Marcel Fenchel (alias Luipart) als Protagonisten – nicht zu vergessen schliesslich Dr. Alois Hundhammer, den bayerischen Kultusminister. Aber Poeschel holt viel, viel weiter aus, und so kommen die Ballets Russes von Diaghilew samt ihren Nachfolgeorganisationen, besonders das Ballet Russe de Monte-Carlo mit Massine und René Blum, aber auch das KDF-Ballett Derra de Morodas ins Spiel, die deutsche Besatzung von Paris mitsamt der Salon-Hautevolée um Lifar, der Münchner Ballett-Neubeginn nach 1945 mit dem Orlikowsky-Thriller des Mordanschlags auf Kölling und die Tournee-Kompanie mit Helge Pawlinin. Luiparts Karriere und seine „Abraxas“-Originalchoreografie erfahren eine geradezu apotheotische Verklärung – Egks hemmungsloser kulturpolitischer Opportunismus eine ebenso gnadenlose Verdammung (wie sie Heine nicht ätzender formuliert hätte).

Nun bilde ich mir ein, eine Menge über die deutsche und internationale Ballettszene zu wissen – nicht über den originalen Münchner „Abraxas“, doch von der Berliner Einstudierung von Janine Charrat an. Gleichwohl macht mich Poeschel immer wieder staunen über die vielen zusätzlichen Informationen, die er ausgegraben hat – nicht zuletzt darüber, dass Goebbels und Göring nach dem Endsieg Les Ballets de la Nouvelle Europe planten mit Residenz in der Berliner Kroll-Oper (die genau dem heutigen Reichstag gegenüber lag). Schliesslich war ich verblüfft, über die Parlaments-Debatte im Anschluss an den „Abraxas“-Skandal zu lesen – viel zu ausführlich, wie ich meine, aber staunend über das Niveau, auf dem debattiert wurde. Ich meine, in der ganzen deutschen Parlamentsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg – weder in München noch in Bonn oder Berlin - ist je wieder auf diesem Niveau über Kulturpolitik diskutiert worden.

Umso erstaunlicher, dass das Erscheinen dieses singulären Buches so total ignoriert worden ist – dass man fast auf den Gedanken kommen könnte, es sei bewusst boykottiert worden (namentlich von den Egk-Erben). Wieso es aber auch von unseren Fachpublikationen so beharrlich totgeschwiegen wird, ist mir vollends unbegreiflich. Da kann ich mir gut ausmalen, wie Thomas Poeschel, offensichtlich ein Nachfahr Heinrich Heines, in seinem spanischen Exil – nicht gerade in einer Matratzengruft kampierend, sondern sagen wir in einem alten andalusischen Landhaus des Nachts seinen finsteren Gedanken über Deutschland nachsinnt.

Veröffentlicht am 09.09.2004, von oe in koeglerjournal 2004/2005

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