KRITIKEN 2003/2004



Berlin

14. THEATERFEST POTSDAMER PLATZ BERLIN

Gastspiel Les Grand Ballets Canadiens de Montréal


Der Israeli Ohad Naharin (Jg. 1952) zählt zu den kreativsten Tanzschöpfern weltweit. Mit seiner eigenen Batsheva Dance Company Tel Aviv gastierte er 2002 in Berlin. Am vergangenen Wochenende präsentierte die 30-köpfige franko-kanadische Company open air mit „Minus One“ (Uraufführung Montréal 2002) eine temporeiche achtzigminütige Tanzrevue, in der Naharin höchst unterschiedliche Sequenzen aus acht Tanzstücken der letzten zwanzig Jahre scheinbar beliebig zusammenstellt. Man könnte meinen, mehrere Choreografen hätten diesem Projekt zugearbeitet. Bruchstücke, die doch um ein Thema kreisen, das bereits vor dem eigentlichen Beginn der Vorstellung angerissen wird, wenn ein selbstverliebter Alleinunterhalter im schwarzen Anzug Cha-Cha tanzend in exzentrischer Körperpräsentation vergeblich nach dem Beifall der platznehmenden Zuschauer giert. Leben wie Tanz brauchen Partner. Furios und beklemmend der Anfang: Wenn alle Tänzerinnen und Tänzer in schwarzen Anzügen im Halbrund auf weißen Stühlen in der dreizehnstrophigen Pessach-Hymne grölend mitsingen und sich bei steigerndem Tempo im Rausch kollektiver Körperwellen entkleiden, dann widersteht nur einer dem Massensog und verweigert sich dem Ritual nach vorn fallend. Jede Welle eine Salve in seinen Rücken. Dieser militanten Bewegungsexplosion folgt Bewegungskomik im Duett von Frau und Mann zu irischer Folklore. Sie fliehen voreinander, rennen, gehen, schupsen, robben auf Knien. In ihrer Furcht vor gegenseitiger Nähe bleiben sie menschliche Zwerge. Aus einer vertikalen Reihe lösen sich kurzzeitig Solisten, aus dem Off erzählen sie von sich und vom Tanz, der der Kranken, dem Stuntman, der Nägelschneiderin, dem Biertrinker, dem Namenlosen überleben hilft und dabei die Floskel „my body“ gekonnt auf „my“, „my“, „my“ akzentuiert. Vor lauter Egozentrik scheint der Tanz in ihren Körpern zu ersterben. “I´m not good with relationships, here is my e-mail address” – ein Lacher geht durchs Publikum. Dass der Tanz nicht nur den eigenen Körper spiegelt, sondern die Gemeinsamkeit feiert, beweist die Mittelszene. Sie sprengt die Isolation im doppelten Sinne, denn die Tänzerinnen und Tänzer holen sich Tanzpartner aus dem Parkett, die sie zum Jubel der Zuschauenden zum Dance with me Cha-Cha-Cha animieren. Fünfzehn Paare tanzen im gleichen Takt, ausgelassen, leicht, fest umschlungen. Hier könnte eigentlich finito sein, doch Naharin bleibt sich treu und kontert die Tanzseligkeit durch eine Folge nachdenklicher Frauensoli auf Arvo Pärts schwebende „Fratres“. Verlorene Schönheiten in dunklen Korsagen, mal auf dem Kopf stehend, festgenagelt, dann sprungstark, mit flehenden Armen den eigenen Körper ertastend, allein mit sich im dunklen Raum; ehe die Letzte verlischt, dreht sie sich zögernd um und ihr nachdenklicher Blick gleitet ins Parkett auf dem Marlene-Dietrich-Platz. Das Finale ist eine getanzte offene Frage, nah am Zeitgeist.
Zu Doris Days auch musikalisch verzerrtem arrangiertem Walzerlied „Que será, serᓠtanzt jeder und jede für sich, ein absurd grandioses Panoptikum hüpfender Einzelkämpfer voll gekloonter Energie. Que será? Nichts bleibt wie es ist, so Ohad Naharin, im zeitgenössischen Tanz wie im Leben. Das unterstreichen Naharin und die sympathische Company aus Montréal. MINUS ONE – ein dynamischer Tanzcocktail, der Unterhaltung mit Nachdenklichkeit, Schmerz mit Komik mixt.

Veröffentlicht am 06.09.2004, von Karin Schmidt-Feister in Kritiken 2003/2004

Dieser Artikel wurde 8709 mal angesehen.



Kommentare zu "14. Theaterfest Potsdamer Platz Berlin"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion


    MALEN MIT DEM MENSCHEN IN ZEIT UND RAUM

    Am heutigen Sonntag wird Hamburgs Ballettintendant 80 Jahre alt. Happy Birthday, John Neumeier!
    Veröffentlicht am 24.02.2019, von Annette Bopp


    TANZ MUSS EINE NACHVOLLZIEHBARE LOGIK HABEN

    "Er… Sie… und andere Geschichten" von Renate Graziadei und Arthur Stäldi
    Veröffentlicht am 22.02.2019, von Volkmar Draeger



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MÜNCHNER TANZBIENNALE DANCE STELLT FESTIVALPROGRAMM 2019 VOR

    16. Internationales Festival für zeitgenössischen Tanz der Landeshauptstadt München vom 16. bis 26. Mai 2019

    Das Programm der 16. Münchner Tanzbiennale haben Dr. Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Landeshauptstadt München, und Festivalleiterin Nina Hümpel auf der heutigen Pressekonferenz im Münchner Literaturhaus vorgestellt.

    Veröffentlicht am 07.03.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    MALEN MIT DEM MENSCHEN IN ZEIT UND RAUM

    Am heutigen Sonntag wird Hamburgs Ballettintendant 80 Jahre alt. Happy Birthday, John Neumeier!

    Veröffentlicht am 24.02.2019, von Annette Bopp


    THOMAS HARTMANN GESTORBEN

    Der ehemalige Direktor des Semperoper Balletts verstarb am 23.02.

    Veröffentlicht am 27.02.2019, von tanznetz.de Redaktion


    DEMIS VOLPI WIRD BALLETTDIREKTOR UND CHEFCHOREOGRAF DES BALLETTS AM RHEIN

    Zur Spielzeit 2020/21 tritt der Choreograf die Nachfolge von Martin Schläpfer an

    Veröffentlicht am 15.03.2019, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP