KOEGLERJOURNAL 2000/2001



Ludwigsburg

NIGEL CHARNOCK UND MICHAEL RIESSLER MIT "FEVER"


Er gehört zu den schrillsten Persönlichkeiten der schwulen englischen Off-Szene, die sich im Post-Thatcher-Zeitalter längst aus dem Untergrund in das grelle Licht der Öffentlichkeit emanzipiert hat. Und sich inzwischen bis in die Karlskaserne der Ludwigsburger Schlossfestspiele vorgewagt hat. Und das ist gut so, schien nach siebzig Minuten der Beifall des Publikums ihn zu bestätigen: Nigel Charnock, als Schauspieler, Tänzer, Rezitator und Entertainer ein Theater-Hansdampf - nicht nur in allen Bühnengassen, sondern auch im Auditorium, wenn er durch die Gänge und Sitzreihen tobt, dass die Leute die Köpfe einziehen vor der Berserkergewalt, die sie da attackiert. Performer nennt man so einen ja wohl heutzutage.

Aber Charnock ist nur die eine Seite der Show, die unter dem von Shakespeare geborgten Titel "fever" für beträchtlich erhöhte Temperaturen in der Reithalle sorgt. Die andere ist links auf der Bühne in Gestalt des Virus Streichquartetts präsent, mit ihrem Leader Michael Riessler, Komponist. Klarinettist und Saxophonist in Personalunion - als Musiker ebenso ein Allroundman wie sein sich abstrampelnder, sozusagen mit seinem und auf seinem Körper musizierender Partner, der mit dem musikalischen Erbe der Purcell & Co. ebenso rabiat umgeht wie das Charnock mit Shakespeares Sonetten tut. Zusammen, einer auf den anderen eingehend, sich gegenseitig die Bälle zuspielend, bieten sie einen sinnbetörenden Motion-Sound-Mix. quer durch die Jahrhunderte und die Medien - quasi als Zusammenfluss von Themse und Rhein nach der Klimakatastrophe, die die Temperaturen in den GAU hat schnellen lassen - oder doch zumindest die Temperaturen dessen, was früher einmal Liebe hiess - damals, bei Shakespeare und Purcell -, und was heute zu drei Buchstaben verkürzt ist, dafür aber in Versalien geschrieben wird: SEX. Man mag bedauern, dass man vor lauter Schauen und dem Bombardement des Trommelfells mit den nicht nur von den Instrumenten, sondern auch von dem Körper Charnocks, seinen Herzschlägen, seinem Röcheln, Zischen, Schreien - einmal ganz abgesehen von seinen Worten - seinen auf den Boden getrommelten Staccati (die sich stellenweise zu markerschütterndem Flamenco-Gestampfe intensivieren) -, seinen Vibrationen, die veitstanzartig von ihm Besitz ergreifen und sich wellenartig durch seinen ganzen Body pflanzen, - dass über all diesem akustischen und visuellen Getöse man den Sinn der Shakespeareschen Verse kaum noch apperzipieren kann: dass hier einer die Qualen und Ekstasen von Shakespares "My love is like a fever" in einen physischen und psychischen Extrem-Exhibitionsimus treibt. Er tut es mit einer Körperbeherrschung und einer Hochspannungsenergie, deren nicht nachlassende Stromversorgung mindestens ebenso beeindruckt wie die Power seiner Lungen und seines Kehlkopfes.

Der Mann ist wirklich ein Phänomen, ein Elementarereignis, das über das Publikum geradezu hereinbricht, das sich seiner nicht erwehren kann. Formidabel! Als hätte sich Nigel Charnock entschlossen. das steiflippige "Very British" der Margaret Thatcher mit dem hedonistischen "Down Under" des Tony-Blair-Zeitalters zu konterkarieren, das damit nicht mehr den Commonwealth-Partner Australien meint.

Veröffentlicht am 20.06.2001, von oe in koeglerjournal 2000/2001

Dieser Artikel wurde 7410 mal angesehen.



Kommentare zu "Nigel Charnock und Michael Riessler mit " ..."



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    "WIR MÜSSEN FÖRDERUNG KÜNFTIG UMDENKEN IN KONTINUITÄT"

    Ein Gespräch mit Antje Pfundtner und Anne Kersting von "Antje Pfundtner in Gesellschaft"
    Veröffentlicht am 07.05.2021, von Annette Bopp


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ABSCHIED VON URSULA BISCHOFF-MUßHAKE

    Die unermüdliche Tanzpädagogin starb im Alter von 94 Jahren
    Veröffentlicht am 25.03.2021, von Gastbeitrag



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ARTICULATE! ACTIVATE! PROTEST!

    ONLINE-SYMPOSIUM: Politische Artikulation in Tanz und Literatur im Rahmen von DANCE 2021

    Inwiefern kann gerade in politischen Krisenzeiten das spezifische Körperwissen des Tanzes zur Entwicklung einer politischen Sprachlichkeit, Agency und Krisenbewältigung beitragen? In welchen Erzählformen äußert sich heute das Politische?

    Veröffentlicht am 22.04.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben

    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    LIAM SCARLETT IST VERSTORBEN

    Ein tragisch früher Tod

    Veröffentlicht am 18.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg

    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    BLONDE PERÜCKEN

    Reut Shemesh präsentiert "Cobra Blonde", ein Projekt mit der Tanzgarde der Karnevalsfreunde der katholischen Jugend Düsseldorf am Tanzhaus NRW

    Veröffentlicht am 11.04.2021, von Gastbeitrag


    ZUR SPRACHE GEBRACHT

    Gedichtband „Kinder - Tanzgedichte“ erschienen

    Veröffentlicht am 11.01.2021, von Sabine Kippenberg



    BEI UNS IM SHOP