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Hamburg

EIN KLASSIKER, NEU INTERPRETIERT

„Dornröschen“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett



John Neumeier hat sein 40 Jahre altes „Dornröschen“ gründlich überarbeitet – zum Guten, aber auch mit problematischen Details. Drei verschiedene Besetzungen werden zu sehen sein.


  • „Dornröschen“ von John Neumeier, Hélène Bouchet, Sasha Trusch Foto © Kiran West
  • „Dornröschen“ von John Neumeier, Ida Praetorius, Sasha Trusch Foto © Kiran West
  • „Dornröschen“ von John Neumeier, Sasha Trusch, Hélène Bouchet, Matias Oberlin Foto © Kiran West
  • „Dornröschen“ von John Neumeier, Linnea Heikkilä, Christopher Evans, Niurka Moredo Foto © Kiran West
  • „Dornröschen“ von John Neumeier, Ensemble Foto © Kiran West
  • Dornröschen“ von John Neumeier, Sasha Trusch Foto © Kiran West
  • „Dornröschen“ von John Neumeier, Jacopo Belussi, Sasha Trusch, David Rodriguez, Ida Praetorius, Florian Pohl, Matias Oberlin Foto © Kiran West
  • „Dornröschen“ von John Neumeier, Xue Lin, Christopher Evans Foto © Kiran West
  • „Dornröschen“ von John Neumeier, Anna Laudere, Ida Praetorius, Sasha Trusch Foto © Kiran West
  • „Dornröschen“ von John Neumeier, Ida Praetorius, Sasha Trusch Foto © Kiran West

Es ist eines der großen Verdienste des Hamburger Ballett-Intendanten, dass er schon sehr früh in seiner Karriere begonnen hat, die großen Klassiker der Ballett-Literatur neu zu sehen und von allem Ballast zu befreien. Das gilt auch für sein „Dornröschen“, das 1978 erstmals in Hamburg gezeigt wurde. Und wie kein anderer versteht es John Neumeier, moderne Aspekte mit zeitlosen inhaltlichen Wahrheiten und der klassischen Tanztradition zu verschmelzen. Das ist auch in dieser nun noch einmal gründlich überarbeiteten Fassung nicht anders.

Neumeier holt den Prinzen in das Hier und Jetzt, indem er ihn in Jeans und Hemd auftreten lässt. Aurora ist eine junge Frau, der er im Wald (oder Park) begegnet und in ihr eine Sehnsuchtsfigur erkennt, die Frau als Ideal. Neumeier orientiert sich hier an einer Vorlage des spanischen Philosophen José Ortega y Gasset (1883-1955), der zur Frage „Was ist Philosophie?“ mit seinem Blick als Mann einst schrieb: „Im Schlummergrund der weiblichen Seele ist die Frau, wenn es eine Frau im echten und vollen Sinne ist, stets die schlafende Schöne im Lebenswald, die geweckt sein will. Im Grund ihrer Seele birgt sie, ohne darum zu wissen, vorgebildet die Gestalt eines Mannes; es ist dies nicht das individuelle Bild eines Mannes, sondern ein gattungsmäßiger Typus männlicher Vollkommenheit. In stetem Schlafzustand, schlafwandlerisch bewegt sie sich unter den Männern, denen sie begegnet, indem sie deren physische und geistig-seelische Gestalt neben jenes präexistente und bevorzugte Muster hält.“ Man muss sich dieser Sicht von Neumeier auf das Geschehen bewusst sein, wenn man verstehen möchte, wie er sein „Dornröschen“ konzipiert hat. Es ist eben nicht die verklärende Sicht auf den Prinzen, der die Prinzessin erlöst, sondern es ist die Spiegelung eines Ideals, versteckt in einem traditionellen Märchen, transponiert auf die Moderne.

Deshalb ist bei ihm auch nicht Aurora der Dreh- und Angelpunkt des Balletts, sondern Prinz Désiré, der bei einem Jagdausflug in den Wald die ideale Erscheinung einer Frau schaut – ein Erlebnis, das ihn öffnet für einen anderen Blick auf die Welt, „und sein Machogehabe weicht einer Sensibilität, einer inneren Sehnsucht und Verletzbarkeit, die ihn auf die Liebe vorbereiten“, wie John Neumeier selbst im Programmheft schreibt. Aurora ihrerseits entwickelt sich aus dem gehätschelt-verzogenen Adelsspross zur nachdenklichen jungen Frau, die bereit ist, sich der Liebe in all ihren Höhen und Tiefen zu öffnen. Diese Sicht auf „Dornröschen“, gepaart mit dem Wortinhalt von Dorn (= Carabosse, die böse Fee) und der Rose (= die gute Fee) als Polarität macht dieses Ballett so heutig, so tiefgründig und auch so sehenswert.

Ganz zu schweigen von der Qualität der Darsteller*innen. Allen voran Sasha Trusch als Prinz Désiré, der das dreieinhalbstündige Opus von Anfang bis Ende mit seiner unglaublichen Bühnenpräsenz, seiner Ernsthaftigkeit, aber auch seinem Ungestüm und letztlich auch seiner maskulinen Ausstrahlung zusammenhält. John Neumeier hat für ihn mehrere neue Soli choreographiert – hier kann Sasha Trush all sein Können entfalten, vor allem in einem großen Solo am Ende des Stücks, bei dem er auf der Bühne förmlich explodiert und das Publikum zu einem riesigen Zwischenbeifallssturm hinriss.

Ida Praetorius als Aurora war die Premieren-Aufregung als neue Erste Solistin des Ensembles noch anzumerken – diese Rolle ist alles andere als ein einfacher Start, den sie dennoch mit der ihr eigenen, sympathischen Bescheidenheit zu meistern wusste. Ihre Aurora hat eine feine Zurückhaltung, und es wird spannend sein zu sehen, wie die anderen Besetzungen (Madoka Sugai, Emilie Mazon und Alina Cojocaru) sich davon absetzen.

Hélène Bouchet ist eine ätherisch-zarte und hoch grazile Rose – einzigartig ihre Arme, ihre Haltung und Linie! Neu konzipiert hat Neumeier die Rolle der Königinmutter für Patricia Friza, die diese in wunderbarer Intensität verkörpert – großes Kino! Matias Oberlin verleiht dem „Dorn“ die ihm eigene Attacke, an seiner Seite drei großartige Dornen in Personen von Aleix Martinez, David Rodriguez und Ricardo Urbina. Der einzige Fehlgriff Neumeiers besteht allerdings darin, beim Geburtstagsfest Auroras die böse Fee in einen Muslim zu verkleiden – so etwas darf heute eigentlich nicht mehr passieren. Und auch die anderen drei Prinzen, die um Auroras Hand werben, sind in ihren schwarz-weißen Anzügen eher nur Staffage. Schade.

Herausragend dagegen Xue Lin und Christopher Evans im berühmten Pas de Deux des „Blauen Vogels“ – beide entwickeln hier eine große Strahlkraft, wie auch Christopher Evans als Hofzeremonienmeister Catalabutte über sich hinauswächst.

Bühnenbild und Kostüme stammen – wie schon in der ersten Fassung – vom Großmeister aller Stage Designer, von dem einzigartigen Jürgen Rose, der für diese Neuinszenierung an seine Ausstattung noch einmal Hand angelegt und manches noch einmal feiner herausgearbeitet hat, was dem Ganzen guttut.

Markus Lehtinen führte das Philharmonische Staatsorchester mit sicherer Hand durch die Untiefen der Tschaikowsky-Partitur. Daniel Cho als Konzertmeister arbeitete seine Soli ebenso souverän wie bewegend heraus.

Veröffentlicht am 22.12.2021, von Annette Bopp in Homepage, Gallery, Kritiken 2021/2022

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