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Dresden

DIESES SPIEL IST BITTERER ERNST

„Chotto Xenos“ nach „XENOS“ von Akram Khan richtet sich an Kinder



Die Schicksale einsamer Kolonialsoldaten im Grauen des Ersten Weltkrieges zeigen Kolonialpolitik mit deren Missachtung fremder, unterdrückter Menschen.


  • "Chotto Xenos" Foto © Jean Louis Fernandez
  • "Chotto Xenos" Foto © Jean Louis Fernandez
  • "Chotto Xenos" Foto © Jean Louis Fernandez
  • "Chotto Xenos" Foto © Jean Louis Fernandez

Zur deutschen Erstaufführung im Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau, bewusst für 10.00 Uhr am Vormittag angesetzt, sind keine Kinder gekommen. Nicht gut.
Wie soll das möglich sein, eine Tanzproduktion für Kinder und Familien nach Akram Khans so verstörendem wie zutiefst berührendem Solo „XENOS“, für Menschen von 8 bis 99 Jahren, wie es das Europäische Zentrum der Künste HELLERAU anlässlich der deutschen Erstaufführung ankündigte, zu realisieren? Diese Frage stellte sich selbst Sue Buckmeister, als Choreografin und Regisseurin verantwortlich für diese Adaption des Solos von Akram Khan, nun mit dem Titel „Chotto Xenos“, eben geeignet für Kinder.

Für die deutsche Erstaufführung wählte man das Europäische Zentrum der Künste in HELLERAU, hier hatte auch im April 2018 die Erstaufführung des Solos „XENOS“ von Akram Khan stattgefunden. Damals noch in der Verantwortung des Intendanten Dieter Jaenicke, dem es ohnehin durchgehend gelungen war immer wieder bedeutende Kompanien des zeitgenössischen Tanzgeschehens bei gänzlich unterschiedlichen Ansprüchen und ästhetischen Ausrichtungen nach Dresden zu bringen.

Große Enttäuschung, sie sind nicht da die Kinder, nun nicht ganz, zwei Familien sind gekommen, mit ihren Kindern. Aber 90 Plätze, für Dresdner Schülerinnen und Schüler reserviert, bleiben leer.

Aber warum, die Frage stellt sich doch ernsthaft, gibt es keine freundliche Begrüßung seitens der Leitung dieser Dresdner Institution von Europäischem Rang, bei der dieses Missverständnis geklärt wird, den Künstlern herzlich gedankt wird, wenn sie nun mit vollem Einsatz diese so außergewöhnlich wie letztlich großartige, aktuelle Bearbeitung des Originals aufführen, aus dem nun, wie man in größter Konzentration und emotionaler Berührung in einer besonderen Stunde wahrnehmen kann, ein ganz eigenes Kunstwerk geworden ist.

In „Chotto Xenos“ wird aus dem Spiel bitterer Ernst. Wie ein Kind faltet der in Ndola, Sambia, geborene Tänzer Kennedy Junior Muntagna die Hände zur Pistole, schießt in die Luft. Bald hält er die „richtige“ Waffe in der Hand. Bald nimmt der junge, fast noch kindhafte Tänzer anonyme Befehle aus dem Schalltrichter eines alten Grammophons entgegen, zu dessen knisternder Musik er im pfiffigen Tanz die Chancen seines zur frühen Männlichkeit erwachenden Körpers erspürt. Aber schon steht er im verfolgenden Lichtstrahl des Trichters, der sich zum Suchscheinwerfer wandelt, inmitten einer durch erschreckende, filmische Assoziationen, sich zu grausamster Kriegslandschaft in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges verwandelte Landschaft.

Und immer wieder dieser tänzerische Widerstand, dieses kindhafte Spiel, so absurd wie tragikomisch, wenn Kennedy Junior Muntagna die Gasmaske zur spielerischen Handpuppe werden lässt, als schmiegte sich das geliebte Hündchen an das hier in Wahrheit aller Liebe beraubten Kindes. Kennedy Junior Muntanga muss sich nicht unangemessen „kindlich“ machen, sein Spiel, sein Tanz, sein Ausdruck als junger Mann, der in dieser dunklen Stunde dem Tod immer wieder gegenüber steht, bringt viele Facetten seines individuellen Widerstandes ins Spiel. So verwandelt er die Teile der Uniform in Kostüme wie ein Kind, wenn es mit der Kleidung spielt, helfen kann dies nicht. Der Tod tanzt mit in diesem Totentanz in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges.

Aber „Chotto Xenos“ schildert nicht nur die Grausamkeit das Krieges, hier geht es ja auch um diese abgrundtiefe Einsamkeit eines jungen Menschen, der in verbrecherischer Art in den tödlichen Missbrauch einer bis heute immer noch zu oft unter den Teppich der Geschichte gekehrten Kolonialpolitik mit deren Missachtung fremder, unterdrückter Menschen. Daher ist ein Bewegungskünstler wie Kennedy Junior Muntanga aus Sambia, wo er bis zu seinem 7. Lebensjahr lebte, letztlich kein Rächer, kein Ankläger, er ist ein Erzähler, er spricht uns an, er spricht mit uns. Er erinnert uns daran, dass es keine Gegenwart, keine Zukunft gibt auf den brüchigen Fundamenten des Vergessens. Er wendet nicht den Zeigefinger auf uns. Er tanzt auf uns zu.

Und dass dieser wunderbare kleine Fremde an diesem Morgen im Hellerauer Festspielhaus eben der Künstler Kennedy Junior Muntanga war, das erfährt man auf Nachfrage. Programmzettel, bislang wegen Corona nicht vorhanden, fallen jetzt der Nachhaltigkeit zum Opfer. An der Tür klebe ja ein Zettel mit einem Code, den könne man abfotografieren. Aber da ist die Rolle des Fremden dann in doppelter Besetzung angegeben. Das fühlt sich aber dann doch – natürlich auf ganz andere Weise – so richtig fremd an.

Veröffentlicht am 28.11.2021, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2021/2022

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