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Ludwigshafen

ANARCHISCH, ORGANISCH UND BEDRÜCKEND AKTUELL

Die São Paulo Dance Company ist zu Gast in Ludwigshafen



Goyo Montero bescherte in seiner Rolle als Gastchoreograf der São Paulo Dance Company einen fulminanten Auftakt für ein mutiges Gastspielprogramm.


  • "Anthem" von Goyo Montero Foto © Charles Lima

Menschen können nur als Teil einer organischen, funktionierenden Gemeinschaft überleben. Wenn sie ihre kollektive Identität verlassen, verleugnen und zerstören, gehen sie zugrunde. Dem spanischen Choreografen Goyo Montero reichen zwanzig Minuten für den augenfälligen Beweis dieser These. In der Choreografie „Anthem“ schickt der Nürnberger Ballettdirektor mit akustischer Unterstützung durch eine stimmige Auftragskomposition seines bewährten Hauskomponisten Owen Belton zwölf Tänzer*innen der São Paulo Dance Company auf eine Reise ins eigene Verderben. Anfangs belebt die zugleich androgyn und anarchisch gestylte Truppe in faszinierend organischer Eintracht die Bühne. Als Hoffnungszeichen dürfen die hoch erhobenen Hände flirrend winken, aus den fließenden Unisono-Bewegungen schälen sich Einzelne heraus und mischen sich unaufwändig wieder in den Gemeinschafts-Sog. Auf einmal gibt es Pärchenbildung – anfangs fängt die Gruppe die Absonderungen noch auf, aber die Sprengkraft der Vereinzelung wird immer mehr spürbar. Eine militärisch anmutende Hymne, auf die der Titel des Stücks gemünzt ist, verwandelt die Gruppe in leicht gruselige Marionetten und lässt sie in mechanisches Marschieren verfallen. Ein kleiner Streit reicht für die Bildung gegensätzlicher Lager aus, und schnell werden ebenso erbitterte wie sinnlose Kämpfe ausgetragen. Am Ende gibt es keine Sieger, sondern nur Opfer.

Augenfälliger hätte man die Folgen einer zutiefst gespaltenen menschlichen Gesellschaft nicht zeigen können – die 2019 entstandene Choreografie wirkt bedrückend aktuell. Goyo Montero bescherte in seiner Rolle als Gastchoreograf der São Paulo Dance Company einen fulminanten Auftakt für ein mutiges Gastspielprogramm. Erstmals für die Compagnie choreografierte die Brasilianerin Cassi Abranches; ihr 20-Minuten-Stück „Agora“ widmete sich aufs Eleganteste dem großen Thema Zeit. Anfange tickt nur die Uhr die Sekunden weg, und vierzehn Tänzer*innen in harmonischen Erd- und Gewürzfarben – die Damen in schwingenden Hängerchen – wiegen sich im Takt. Ganz unauffällig übernimmt die von Rhythmus und Percussions bestimmte Komposition von Sebastián Piracés die Bewegungsregie, und plötzlich vergeht die Zeit ganz unterschiedlich schnell - mit variierender Intensität, aber immer höchst attraktiv anzuschauen.

Henrique Rodovalho ist in seinem Stück „It could only be with you” sozusagen der brasilianischen Seele auf der Spur. Die 2005 entstandene und für die Compagnie ganz neu einstudierte Arbeit interpretiert einen Klassiker der brasilianischen Musik: das Bossa Nova-Album „Elis & Tom“ aus dem Jahr 1974. Einfühlsam setzt der Choreograf den in Brasilien erfundenen Musik- und Tanzstil, den man vielleicht als poetische Schwester des allgegenwärtigen Sambas bezeichnen könnte, in Szene. Schade nur, dass die poetischen Texte für deutsche Ohren unverständlich blieben.

Die São Paulo Dance Company, die seit ihrer Gründung 2008 mit schöner Regelmäßigkeit in Ludwigshafen gastiert, hat in der Chemiestadt offensichtlich einen ziemlich großen Fanclub. Der stürmte die Vorstellung im Pfalzbau geradezu und ließ sich die Lust am Feiern der brasilianischen Gäste auch durch die beängstigende Corona-Lage nicht nehmen.

Veröffentlicht am 26.11.2021, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2021/2022

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Kommentare zu "Anarchisch, organisch und bedrückend aktuell "



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