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Dresden

MIT SICHERER HAND

Das Palucca Tanz Studio an der Palucca Hochschule für Tanz Dresden zeigt einen mehrteiligen Abend



Überzeugt auf ganzer Linie: Die Studierenden des Master-Studiengangs Choreografie steuern eigene Uraufführungen bei und zeigen unmissverständlich, wie eine eigene Handschrift aussieht.


  • "Ambivalent Gleams" (Choreografie: Gábor Halász) Foto © Ida Zenna
  • "Wuthering Days" (Choreografie: Brian Scalini, Tanz: Lorenzo Topino und Victor Duval) Foto © Ida Zenna
  • "Resurrección del Angel" (Choreografie: José Biondi, Tanz: Lucas van Rensburg) Foto © Ida Zenna
  • "January Seven" (Choreografie: Riccardo De Nigris) Foto © Ida Zenna

Ganze neun Choreografien zeigt die diesjährige Ausgabe des Palucca Tanz Studios im Grünen Saal der Hochschule und es lässt sich ganz klar sagen: Jede einzelne lohnt sich. Wie immer präsentieren Studierende des Bachelor-Studiengangs Tanzarbeiten von international anerkannten Choreografen, Professorinnen und Professoren der Hochschule und, besonders spannend, von Studierenden des Master-Studiengangs Choreografie mit Uraufführungen. Zu letzteren gehört auch Brian Scalini, der mit seiner Arbeit „Wuthering Days“ einen bemerkenswerten Auftakt für den Abend liefert, den man so tatsächlich von ihm durchaus hat erwarten dürfen, schließlich hat er in der Vergangenheit bereits mit seiner Arbeit „Cocoon“ auf internationalen Festivals Beachtung gefunden. Er zeigt eine Konfliktsituation zwischen einer Tänzerin und zwei Tänzern, aggressiv, energiegeladen und teilweise bedrohlich. Sein zeitgenössischer Ansatz schafft organische Übergänge, die schließlich den Konflikt auflösen und in Harmonie enden lassen.

Yamile Navarro, ebenfalls aus dem Master-Studiengang und in Dresden keine Unbekannte, setzt sich mit ihrer Arbeit „1670 Herz“ auf die Kante zwischen kommunikativen Möglichkeiten des Sprachlichen und des Körperlichen. Worte, Sätze, Laute begleiten als Fragmente eine genau so ausfallende Choreografie. Da wird so manches durchbuchstabiert, dass man sich direkt in einem Lautgedicht Ernst Jandls zu befinden scheint. Dabei bewegt sich ihr Bewegungsvokabular von anfänglichen klassischen Anleihen ganz geräuschlos hinüber zu zeitgenössischen, experimentellen Ansätzen und wieder zurück. Das Konzept geht auf.

Und dann kommt Gui Yuexuan. Auch die Chinesin studiert im Master-Studiengang und legt mit ihrem „Nothing But Illusion“ eine äußerst beeindruckende Arbeit vor, die als der Höhepunkt des Abends gelten kann. Vier Tänzer, ganz in schwarz, agieren wie isolierte kleine Teilchen eines größeren Ganzen, verhalten, reduziert. Sie laufen dem Licht davon. Das wichtigste liegt hier im Dunkel. Dabei bleibt unklar, ob diese Teilchen unabhängig agieren oder fremdgesteuert sind. Beides ist denkbar. Im Hintergrund läuft eine abstrakte Videoprojektion, ein gräuliches Flimmern, eine Matrix, wie ein Wesen für sich: „body“, „nothing“, „chemical“. Einzelne Wörter sind auszumachen, verschwinden aber zu schnell, um Sinneinheiten zu schaffen. Verschwinden werden am Ende auch die Tänzer, die von der Projektion einfach geschluckt zu werden scheinen. Hier zeigt sich eine beeindruckend reife und sichere Handschrift, angesichts derer man kaum glauben mag, dass es sich hierbei erst um die zweite choreografische Arbeit der Studentin handelt.

Einige der weiteren Arbeiten waren bereits vergangenen Sommer auf der Open-Air-Bühne auf dem Campus der Hochschule zu sehen, wie „January Seven“ von Riccardo De Nigris mit den entspannten Calypso-Rhythmen Harry Belafontes und Jon Ole Olstads „All The Way Up“. Sieht man diese Arbeiten erneut, erscheint es fast so, als würden sich die Tänzerinnen und Tänzer in der „Sicherheit der Blackbox“ wohler fühlen, als auf der Sommerbühne im Tageslicht, die ein deutlicheres Herausgestelltsein mit sich bringt. Zumindest entsteht der Eindruck zugenommener Stärke im Ausdruck. Grundsätzlich bringen das auch die choreografischen Ansätze an sich mit. Nichts ist hier betulich, kein „Ich tanze, also bin ich.“ Auch die Musikauswahl ist ganz zeitgemäß, experimentell und knackig, kein Arvo Pärth, der sonst immer für Tiefe herhalten muss, keine schweren Elegien. Stattdessen fällt der Sound für Sophie Esmeralda Vollmers Solo „Philautia“ sogar fast gefährlich poppig aus, gefährlich weil im ersten Moment so seicht wirkend, dass eine Choreografie darauf ausrutschen könnte. Tut sie aber nicht. Stattdessen zeigt sich hier eine Frau, die in ihrer Selbstbewältigung den Akt der Selbstbestätigung schafft. Das alles tut gut und verleiht dem Abend eine entspannte Leichtigkeit.

Veröffentlicht am 20.11.2021, von Rico Stehfest in Homepage, Kritiken 2021/2022

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