HOMEPAGE



Regensburg

GETANZTE DREIFALTIGKEIT UND EGO-PUPPE

Internationale AidsTanzGala in Regensburg



Maskierte Besucher*innen feiern im voll besetzten Regensburger Velodrom das hochklassige, spannende und vielseitige Programm der 18. Benefiz-Tanzgala zugunsten der Aids-Hilfe


  • Pablo Navarro Muñoz: "Requiem" Foto © Michael Scheiner
  • Thomas Noone: "After the Party" Foto © Michael Scheiner
  • Wubkje Kuindersma: "Two and Only" mit Timothy von Poucke und Jozef Varga Foto © Michael Scheiner
  • Gauthier Dance: "Mires" Foto © Michael Scheiner
  • Marco Goecke: „Tué“ mit Giada Zanatto Foto © Michael Scheiner

Regensburg. Nach einer durchfeierten Nacht kann der morgendliche Blick in den Spiegel manchmal heftige Gefühle bis gar hin zum Würgereiz auslösen. Wie würden die Reaktionen erst ausfallen, wenn man aufwacht und sich selbst neben sich liegen hat? Mit seiner Soloproduktion „After The Party“ choreografierte der in Spanien lebende Thomas Noone einen Mann, der nach unzähligen (Party-)Gesprächen ermattet auf einem Stuhl zusammenbricht.

Auf der fokussiert beleuchteten Bühne des Regensburger Velodroms erhebt er sich peu á peu aus seiner kauernden Stellung. Und mit ihm sein Alter Ego, eine lebensgroße Puppe mit seinen Gesichtszügen und nacktem Oberkörper. Verdutzt schaut er sie, sie ihn an. Sie bewegt die Arme, tastet über seinen Körper, öffnet den Mund, sagt etwas. Es beginnt ein unhörbarer Dialog, der sich fortsetzt in reduziertem Tanz, starker Gestik und ungläubigen Blicken aus den großen runden Augen ins Publikum. Noone schafft es in kurzer Zeit, die Aufmerksamkeit ganz auf sein Alter Ego zu ziehen.

Zeitweise dominiert diese fantastische Figur die körperhafte Auseinandersetzung mit dem Tänzer, sitzt ihm regelrecht im Nacken und auf der Brust. Ein absurdes, komisches, dabei außerordentlich intensives Spiel zwischen tänzerischer Dynamik und latenter Erschöpfung, bis der Gummi-Noone am Ende wieder zerknautscht verschwindet. Es ist einer der packendsten Eindrücke der an starken Auftritten keineswegs armen 18. Internationalen AidsTanzGala.

Den Beginn machen die weiß gepuderten und geschminkten Rei Okunishi und Filippo Buonamassa mit einem kleinen Vorabhäppchen aus Georg Reischls neuer Choreografie „Mozart, Mozart“. Premiere ist im kommenden Frühjahr (5. März). Mit puppenartigen Bewegungen macht das Duo darauf richtig Appetit.

Visuell ähnlich spektakulär wie Noone wirkt das bewegende Solo von Pablo Navarro Muñoz, welches er mit bloßem Oberkörper und zwei silbrigen Röhren tanzt. Wie eine Ziehharmonika lassen sich diese weit auseinanderziehen, drohen den Tänzer zu verschlingen, wie die Schlangen den Laokoon in der berühmten Figurengruppe. Unterlegt von Musik Mozarts zeigt Muñoz mit seiner hochdramatischen tänzerischen Auseinandersetzung einen Ausschnitt aus Guiseppe Spotas Choreografie „Requiem“, die ebenfalls erst im neuen Jahr in Gelsenkirchen mit seiner MIR Dance Company uraufgeführt wird.

Eindrucksvoll und voller Leidenschaft das Duett „Two And Only“. Choreografin Wubkje Kuindersma hat es dem jungen Tänzer Timothy von Poucke und Jozef Varga praktisch auf den Leib geschrieben. Die beiden großartigen Tänzer des Dutch National Ballett interpretieren die Einzigartigkeit einer Beziehung zu maskulinem Countryfolk, dass einem der Atem stocken kann. Sich gegenseitig aufzufangen und voreinander zu drücken, lassen sie mit gleicher Perfektion und dynamischen Hingabe erspüren.

Durch ein zwingendes „Look at me!“, unterlegt von einer stark perkussiven Musik, lenken drei anfänglich verschleierte Tänzerinnen der Dance Company Theaterhaus Stuttgart in „Mires“ die Aufmerksamkeit auf das Phänomen Zeit. Sidney Elizabeth Turtschi, Barbara Melo Freire und Louiza Avraam verkörpern mit uhrzeigerartigen Armbewegungen Schicksalsgöttinnen, Nornen wie sie in der nordischen Mythologie heißen, hinreißend getanzte Dreifaltigkeit. Die sehr prägnante, teils scheinbar im repetitiven Minimalismus erstarrte Musik ist vermutlich speziell für das Tanzstück „Mires“ geschrieben und verlieh dem mitreißenden Tanz zusätzlich eine motorische Magie.

Aus eigenen Mitteln finanziert, raste die freie Gruppe Human Fields aus Berlin mit ihrer Choreografie „Place To Be“ in den Corona-Lockdown. Dennoch präsentieren Dor Mamlia und Dariusz Sewery Nowak zusammen mit Jin Young Won ihr sehr dynamisches Tanzstück um den Wandel als einzige wirkliche Konstante des modernen Lebens, wie alle beteiligten Künstler*innen und Gruppen unentgeltlich bei der Tanzgala. Zwischen teilnehmender Beobachtung, Ruhe und wirbelnden Körpern bleibt nichts wie es ist – auch wenn es schmerzt, trennt oder zusammenbringt.

„Tué“ ist eine abstrakt wirkende Choreografie, die Marco Goecke vom Ballett der Staatsoper Hannover mit Musik der französischen Sängerin Barbara geschaffen hat. Mit flatternden Händen feiert Giada Zanotto damit eine Preisverleihung an Prinzessin Caroline von Monaco. Den Abschluss des ungemein spannenden und vielseitigen Abends macht noch einmal das Regensburger Ensemble mit einem Ausschnitt aus der gemeinsamen sozialen Choreografie „Summertime“, einer realitätsnahen Freiluftproduktion vom letzten Sommer, die sich offensiv mit dem Thema Nähe und Berührung auseinandersetzt.

Ein großartiger, ungemein abwechslungsreicher Abend, der Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer als Schirmherrin fast der Sprache beraubte, weil sie kaum Worte fand, um ihre Faszination auszudrücken. Zusammen mit dem wortgewandten Moderator Peter Jungblut vom Bayerischen Rundfunk dankte sie den Sponsor*innen, die seit Jahren viel dazu beitragen, dass die Benefizveranstaltung erfolgreich Mittel für die Aids-Hilfe einfährt. Seit 2003 sind dabei fast 270.000 Euro zusammengekommen. Abwechselnd werden damit das C.A.R.E.-Health-Center im südindischen Namakkal und ein Aids-Projekt in Südafrika sowie mit einem kleinen Teil jährlich der Nothilfefonds der Aids-Beratungsstelle Oberpfalz gefördert. Das diesjährige Ergebnis wird noch bekannt gegeben.

Veröffentlicht am 17.11.2021, von Michael Scheiner in Homepage, Gallery, Kritiken 2021/2022

Dieser Artikel wurde 313 mal angesehen.



Kommentare zu "Getanzte Dreifaltigkeit und Ego-Puppe "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    KÜNSTLERISCHE KOLLEKTIVITÄT

    Grupo Oito zeigen mit „Break & Connection“ im Berliner Oyoun ihre Weiterentwicklung als kreative Gemeinschaft
    Veröffentlicht am 29.11.2021, von Volkmar Draeger


    MIT DEINER ENERGIE WIRST DU DIE ENGEL ZUM TANZEN BRINGEN

    Ein Nachruf auf Monika-Maria Krauß-Saez
    Veröffentlicht am 18.11.2021, von Gastbeitrag


    ZWISCHEN SEXUALITÄT, SPIRITUALITÄT UND FERMENTATION

    Ein Gespräch mit David Bloom
    Veröffentlicht am 12.11.2021, von Gastbeitrag



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    THANK YOU VERY MUCH

    Vorhang auf für die glitzernde und geheimnisvolle Welt der Tribute-Artists!

    Die Choreografin Claire Cunningham und ihr internationales Ensemble renommierter Performer*innen mit Behinderung gastieren vom 03. – 05. Dezember in den Sophiensælen.

    Veröffentlicht am 26.11.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    REDEBEDARF

    Diskussion zu Macht und Diskriminierung im Kulturbetrieb am Berliner Staatsballett
    Veröffentlicht am 09.11.2021, von Bernd Feuchtner


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    REDEBEDARF

    Diskussion zu Macht und Diskriminierung im Kulturbetrieb am Berliner Staatsballett

    Veröffentlicht am 09.11.2021, von Bernd Feuchtner


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    IN BERLIN FÄLLT WEIHNACHTEN AUS

    Das Staatsballett Berlin streicht „Nussknacker“ aus seinem Programm

    Veröffentlicht am 30.11.2021, von Bernd Feuchtner



    BEI UNS IM SHOP