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Gießen

ENTFESSELTER SOMMERNACHTSTRAUM

Die Tanzcompagnie Gießen stemmt sich mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ gegen den Corona-Blues



Die Choreografin Susanna Curtis bringt den klassischen Stoff aus neuer Perspektive und wunderbar schräg auf die Bühne.


  • Magdalena Stoyanova Foto © Rolf K. Wegst
  • Heimliche Liebe durch die Wand: Michael d´Ambrosio und Julie de Meulemeester Foto © Rolf K. Wegst
  • Waldgeister in "Our play is" Foto © Rolf K. Wegst
  • Chiara Zincone in "Our play is" Foto © Rolf K.Wegst
  • Jeremy Curnier und Magdalena Stoyanova Foto © Rolf K. Wegst
  • Gleidson Vigne Foto © Rolf K.Wegst

Dieser Tanzabend wurde vor einem Jahr im Schatten der Corona-Pandemie erarbeitet, die Premiere fiel dem zweiten Lockdown Anfang November zum Opfer. Darüber waren alle Beteiligten sehr traurig, allen voran Susanna Curtis, die das Stück als Gastchoreografin mit der Tanzcompagnie Gießen einstudiert hatte. Aber jetzt kommt „Our play is“ mit umso größerer Wucht auf die Bühne. Die sechs Tänzer*innen wirken geradezu entfesselt. Sie schauspielern, tanzen und toben, erzählen und jauchzen auf der taT-studiobühne des Stadttheater Gießen, dass einem beim Zuschauen fast schwindlig wird.

Die Idee war vorgegeben: Den Sommernachtstraum von Shakespeare aus der Sicht der Handwerker darzustellen. Die sechs Akteur*innen sollen das Liebesdrama Pyramus und Thisbe aufführen, deren Liebe anfangs nur heimlich, durch eine Wand getrennt stattfindet. Bei der Verabredung im Wald ist ein Löwe der große Verhinderer: Erst erschreckt Thisbe, sie flieht. Ihr heruntergefallener, blutbefleckter Schal suggeriert Pyramus ihren Tod, er stürzt sich daraufhin in sein Schwert. Sie findet ihn tot vor, nimmt das Schwert und suizidiert sich ebenfalls. So romantisch die Liebe, so tragisch ihr Ende.

Mit Susanna Curtis wurde die perfekte Choreografin gefunden. Als Engländerin ist ihr Shakespeare vertraut, als studierte Sprachwissenschaftlerin kann sie mit Texten umgehen, als Tänzerin bedient sie die Sprache des klassischen Ballett wie des Contemporary Dance, als Mitglied einer Renaissance-Musik- und Tanzgruppe beherrscht sie die historischen Tanzschritte, als Klinik-Clownin ist sie firm in Pantomime und Timing, das für komische Momente von zentraler Bedeutung ist. Aktuelle Bezüge werden so beiläufig wie prägnant eingesetzt: ein Spray zum Desinfizieren der Hände und anderer Körperteile, der obligatorische Mund-Nase-Schutz, Abstand halten mithilfe eines Zentimetermaßbands.

Curtis lässt die Handwerkergruppe auf einer Theaterbühne agieren, das Equipment wird quasi permanent hin- und hergeschoben. Die Sechs stehen für die unterschiedliche Abteilungen im Theater wie Regie, Licht, Bühnenbild, Kostüm, Maske, tatkräftiger Helfer. Ihre Charaktere bleiben das Stück über konstant. Jeremy Curnier gibt den Regisseur, der versucht Ordnung und Struktur in die Proben zu bringen. Doch schon die grundlegende Überlegung „Our play is …“ lässt sich gedanklich-theoretisch nicht ausführen, da alle sogleich in Aktivismus und Geplapper verfallen. Seine Verzweiflung ist urkomisch.

Der kraftvolle Gleidson Vigne zeigt die erste Version des Liebesdramas als Solo. Pantomimisch stellt er alle Figuren und das Geschehen dar. Und schon tauchen die Feen und Geister des Waldes auf, mit bunten Masken geschmückt wispern und kichern sie, machen sich lustig über das menschliche Theater. Als nächster macht Michael D’Ambrosio sich wichtig als Bühnenbildner. Mit dem Bauplan in der Hand weist er die anderen beim Bau einer Wand aus vielen Einzelelementen ein. Und dann steht sie doch falsch herum. Das ist Slapstick pur.
Die einzelnen Wandelement sind genial gebaut, es sind fast offene Würfel. Mit ihnen können unterschiedliche Eindrücke von geschlossen oder transparent vermittelt werden. In einer Szene fühlt man sich sogar an die Kachelwände der Corona-Zoom-Konferenzen erinnert, in einer anderen werden sie zum Ausdruck von Intimität und Zweisamkeit, wenn die Akteure hinein kriechen wie in ein Bett oder ein gemeinsames Bad. Nicht nur das Licht ist zur Schaffung der Atmosphäre wichtig, auch die Musik. Renaissance-Musik wird umgemünzt zur Persiflage des vornehmen Gesellschaftstanzes, Mendelsohn-Bartholdys Hochzeitsmusik animiert zu übertriebenen Heiratsszenen, sphärisch-rhythmische Klangwelten (Werner Heider) untermalen jeweils die Übergänge in die Feenwelt des Waldes.

Es gibt auch die ruhigen, berührenden Szenen. Das sehnsuchtsvolle Liebesgeflüster von Pyramus und Thisbe durch die löchrige Wand hindurch (d’Ambrosio und Julie de Meulemeester) oder deren Versuch sich aus dem Gefängnis der Konventionen zu befreien, symbolisiert in einen großen, Reifrock (Curnier und Magdalena Stoyanova). Chiara Zincone peppt das Geschehen gegen Ende auf durch bunt-verrückte Kostüme, macht das ganze zur Modenschau und zum „Good Stuff“ Popmusik-Wettbewerb. Es wird laut und schräg, quirlig und heftig. Ausstatterin Denise Schneider dürfte ihre Freude gehabt haben.
Das Premierenpublikum war begeistert. Es wurde nicht zu viel versprochen: „Our play is“ bringt Tanz-Theater-Spaß für die ganze Familie.

Nächste Vorstellungen: 27.11., 25.12.2021, weitere Termine in Planung

Veröffentlicht am 12.11.2021, von Dagmar Klein in Homepage, Gallery, Kritiken 2021/2022

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