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Berlin

REDEBEDARF

Diskussion zu Macht und Diskriminierung im Kulturbetrieb am Berliner Staatsballett



„Wir müssen reden“ – unter diesem Motto steht eine fünfteilige Diskussionsreihe beim Staatsballett Berlin. Der Abend zum Thema „Macht und Diskriminierung im Kulturbetrieb“ war besonders gut besucht.


  • Diskussion am Berliner Staatsballett zu Macht und Diskriminierung im Kulturbetrieb Foto © Bernd Feuchtner

Es diskutierten Dr. Mariama Diagne (Leitung Gesellschaft für Tanzforschung, gtf), Dr. Dorion Weickmann (Süddeutsche Zeitung, tanz), Friedrich Pohl (dancersconnect, GDBA), Alan Barnes (Ballettmeister, Choreograph, Tänzer), Maren Lansink (Themis Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt e.V.), Prof. Dr. Thomas Schmidt (Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt, HfMDK) und Annemie Vanackere (HAU Hebbel am Ufer, Intendantin und Geschäftsführerin), moderiert von Claudia Henne (Tanzjournalistin).

Die Pandemie habe die schlimmen Dinge wieder zunehmen lassen, berichtete Maren Lansink von der Themis-Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt. Hier kann man sich beraten und unterstützen lassen, wenn man in den darstellenden Künsten diskriminiert wird. Es habe durchaus Leiter*innen gegeben, die sich Jobs gegen sexuelle Gefälligkeit bezahlen ließen. Es gäbe noch immer den Mythos, Künstler*innen müssten gebrochen werden, um zu blühen – ein Hebel für Unterdrückung, denn erst mal sei jeder in seiner Gewalterfahrung allein. Solche Dinge seien zu behandeln sei schwierig, da in den Branchen jeder jeden kennt und dann meist mehr als ein Ruf zum Teufel geht. Die Politik, die doch die Aufsicht hat, sei in diesen Angelegenheiten ahnungslos und halte im Zweifel an den von ihr bestellten Machthaber*innen fest.

Am Theater gelte noch das alte Meister-Lehrling-Verhältnis mit absoluter Unterwerfung, fügte Dorion Weickmann hinzu. Auch seien die Missbräuche oft ein offenes Geheimnis, bei dem viele Bescheid wussten, bevor eine Sache an die Öffentlichkeit kommt. Friedrich Pohl, früher Tänzer beim Ballett der Rheinoper, schlägt in die gleiche Kerbe: künstlerische Begeisterung habe flache Hierarchien, doch den Akteuren drohe dann oft Erschöpfung. Alan Barnes hat bei William Forsythe in Frankfurt andere Erfahrungen gemacht: „Power flew through the company“. Forsythe war nicht interessiert an Macht und kooperierte ganz unkompliziert mit seinen Tänzer*innen. Der künstlerische Erfolg war der der gesamten Company. Bis die Politik das alles wieder zerschlug.

Auch Amelie Vanackere berichtet von anderen Modellen: In den Niederlanden war sie es gewohnt, sich alle vier Jahre evaluieren zu lassen. Das zwinge eine Leitung zum Nachdenken. Die Kollektive hätten sich im Zug von Selbstermächtigung mehr Unabhängigkeit von den Institutionen erstritten. Unbefristete Verträge seien selbstverständlich gewesen. In Deutschland seien alle noch zu autoritätsfixiert. Durch Corona hätten sich allerdings auch Arbeitsprozesse entkompliziert. Hier lasse sich noch einiges Unterdrückungspotential entschärfen. Pohl pflichtete ihr und Barnes bei: Künstler*innen seien Mitautor*innen, deshalb brauche es einen neuen Vertrag am Theater. Kunstfreiheit müsse für alle gelten, nicht nur für die Intendant*innen und Regisseur*innen, die damit ihren Machtmissbrauch legitimieren.

Prozesse führten zwangsläufig immer wieder zu Irrtümern, führte Mariama Diagne aus, dies Wissen müsse die Grundlage sein für die Behandlung der Machtverhältnisse. Man müsse Instrumente entwickeln, die Veränderung ermöglichen. Schwierig sei die Solidarität unter den Künstler*innen deshalb, weil in den darstellenden Künsten der Körper der Träger der Kunst sei. Die Kunstfigur auf der Bühne sei gleichzeitig ein Mensch mit allen Konkurrenzproblemen. Am radikalsten äußerte sich der per Video zugeschaltete Tanzprofessor Schmidt. Der Konkurrenzdruck sei das Disziplinierungsmittel, das die Einzelpersonen ohnmächtig mache, statt Solidarität zu entwickeln. Man müsse mit den angehenden Künstler*innen von Anfang an die Grenzen besprechen, die zu setzen sind. Doch die Hochschulen seien leider politisch blind. Seine Forderung war der*die informierte Künstler*in. Dann könnten auch die Ensembles bei der Intendantenwahl kompetent teilnehmen. Sie sollten die Exekutive wählen, die ihnen dann verantwortlich ist: An die Spitze der Hierarchie müsse das Ensemble gesetzt werden. Im Übrigen müsse es vom Staat eine Grundversorgung für Künstler*innen geben, um sie unabhängig zu machen.

Wenn nur der*die Intendant*in geschasst wird, macht es der*die nächste genauso weiter – deshalb war die Forderung nach neuen Verträgen und Strukturen einvernehmlich. Auch die Einbindung der Öffentlichkeit, um die Probleme von allen Seiten angehen zu können, war Konsens. Gewerkschaftler Pohl fasste die Forderungen für sich so zusammen: 1. die jetzt schon bestehenden Rechte durchsetzen durch Transparenz und Schulung; und 2. die Pyramide kippen und das Vertragsrecht ändern. Das könnte dem neuen Personal Türen öffnen. „Wir sind weiter als wir denken,“ sagte Friedrich Pohl.

Nicht angesprochen wurde der eigene Diskriminierungsfall des Staatsballetts, der Kreise in ganz Deutschland, aber auch bis nach England und in die USA gezogen hat. Eine Tänzerin of colour hatte eine Ballettmeisterin des rassistischen Mobbings beschuldigt und auch den anderen Abteilungen des Hauses entsprechendes Verhalten vorgeworfen. Die Intendanz erteilte der Ballettmeisterin, die vom Tagesspiegel mit dem Attribut „Deutsche mit Ostbiographie“ diskriminiert wurde, drei Abmahnungen, während die Tänzerin eine Entschädigung von 16 000 Euro erhielt. Zwei Tage vor der Diskriminierungs-Diskussion hatte Birgit Walter in der Berliner Zeitung eine umfängliche Verteidigung der Ballettmeisterin veröffentlicht, die mit den Sätzen endet: „Pathetisch erklärte sie (die Tänzerin, bf) nach ihrem Prozess im April: „Ein kleiner Sieg für mich, aber ein großer Schritt für die Ballettwelt.“ Nein, kein großer Schritt. Nur ein charakterloser Auftritt, den sich die Leitung des Staatsballetts hier leistet. Sie hat keine saubere Aufklärung in der Compagnie geleistet und wirklichen Rassismus in der Gesellschaft verharmlost."

Veröffentlicht am 09.11.2021, von Bernd Feuchtner in Homepage, Themen

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Kommentare zu "Redebedarf"



    • Kommentar am 09.11.2021 21:19 von Horst Vollmer
      Lieber Herr Feuchtner, mir scheint, Sie müssen das Ende Ihres Berichts prüfen und vielleicht korrigieren, nämlich dort, wo er, gegen Ende, den Text von Birgit Walter in der „Berliner Zeitung“ vom 2. November 2021 darstellt und zitiert. Der Text von Frau Walter steht online nur als Teaser zur Verfügung, nicht in Gänze. Immerhin erfährt man auf www.berliner-zeitung.de aber, worum es darin geht; Zitat: „Wie sich das Staatsballett Berlin von einer schwarzen Tänzerin unter Druck setzen lässt, Ansehen riskiert und gegen eine loyale Ballettmeisterin vorgeht.“ In ihrem Beitrag (der mir zwar nicht mehr vorliegt, den ich aber gut zu erinnern meine) hat Frau Walter, wie Sie richtig erwähnen, die Sicht der beschuldigten Ballettmeisterin dargestellt (und dazu Fakten genannt und Umstände beschrieben, die ich sehr überzeugend fand und es mir zumindest fraglich erscheinen lassen, ob die von der Tänzerin geschilderten Vorgänge sich tatsächlich so ereignet haben, wie sie in die Öffentlichkeit getragen wurden – aber das nur nebenbei). Ihr Bericht stellt nun jedoch dort einen falschen Zusammenhang her, wo er den Eindruck erweckt, das Zitat („Pathetisch erklärte sie…“) aus Frau Walters Text stamme von der erwähnten Ballettmeisterin. Diese Passage in Frau Walters Text bezieht sich jedoch auf die Tänzerin, die den Vorwurf des rassistischen Mobbings erhoben hatte; mit dem Statement „Ein kleiner Sieg…“ war sie nach dem erwähnten Prozess in den TV-Berichten des RBB zu sehen. Durch diesen falschen Bezug in Ihrem Bericht wird auch der dann folgende falsch. Denn Frau Walters Worte „Nur ein charakterloser Auftritt…“ sind nicht auf das Verhalten „des“ Staatsballetts gegenüber der Tänzerin gemünzt, sondern geben wieder, wie Frau Walter das Verhalten „des“ Staatsballetts gegenüber seiner Ballettmeisterin bewertet (die offenbar vor Gericht erwirkt hat, dass die gegen sie ausgesprochenen Abmahnungen aus ihrer Personalakte gelöscht werden müssen). – Sie nehmen mir diese kleine, aber vielleicht nicht ganz unerhebliche Korrektur nicht übel, nicht wahr? Mit bestem Gruß: Horst Vollmer
    • Kommentar am 10.11.2021 10:19 von Bernd Feuchtner
      Lieber Horst Vollmer, Sie haben völlig recht! Danke für den Hinweis! Habe den Anschlussfehler korrigiert. Herzliche Grüße, Bernd Feuchtner
    • Kommentar am 10.11.2021 10:52 von Klaus Kieser
      Lieber Horst,

      vielen Dank für diese Klarstellung, ohne die in der Tat das Zitat in Bernd Feuchtners Beitrag nicht recht verständlich ist.

      Wer Birgit Walters Recherche lesen möchte, hat hier den Link:

      https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/ploetzlich-ueberall-rassismus-li.191786

      Und hier eine Zusammenfassung der Gerichtsverhandlung vom 25. Oktober 2021:

      https://ballett-journal.de/staatsballett-berlin-barbara-schroeder-chloe-lopes-gomes-stiftung-oper-gericht/

      Da drängt sich schon die Frage auf, warum sich die Berliner Kulturpolitik, allen voran Senator Lederer, derart vorführen ließ. Oder kam ihm vielleicht die Inszenierung von Frau Lopes Gomes gerade recht?

    • Kommentar am 11.11.2021 16:48 von Horst Vollmer
      Lieber Klaus,



      schon klar, dass Politiker Agenden haben. Aber welchen Nutzen im Sinne welcher Agenda könnte Herr Lederer hier gehabt haben?



      Ob er ein „Freund“ von Kollektiven wie dem Staatsballett ist, weiß ich nicht. Meine von ihm gesammelten Eindrücke scheinen mir aber in diese Richtung zu deuten. Wie er (gleich zweimal) die ins personalpolitische Schleudern geratene Volksbühne befriedete. Wie er die Leitungen anderer Institutionen schützte (Barenboim, als er in öffentliches Kreuzfeuer geriet!), festigte und bestätigte. Wie er nach dem Scheitern des Duos Öhmann / Waltz Ruhe in die Sache brachte, um in ebensolcher Ruhe eine neue Lösung zu finden. Das scheint ihn mir eher als einen Bewahrer der großen Strukturen auszuweisen. (Ganz zu schweigen von den Gelegenheiten, bei denen ich ihn auf einem Stammplatz in den oft unkonventionellen, aber durchaus nicht avantgardistischen Konzerten des Orchesters der Komischen Oper Berlin sah).



      Natürlich hat Herr Lederer eigene Ziele, und die liegen eher im Bereich des freien, unabhängigen kulturellen Schaffens in Berlin. Und zumindest einmal hat er öffentlich das Konzept Öhmann / Waltz für das Staatsballett verteidigt: In der Sitzung des Ausschusses für Kulturelle Angelegenheiten vom 9. März 2020, in der es nach dem Öhmann/Waltz-Desaster um Situation und Zukunft des Ensembles ging.



      Link: https://www.parlament-berlin.de/ados/18/Kult/protokoll/k18-048-wp.pdf



      Was man dabei aus dem lesenswerten Wortprotokoll nicht entnehmen kann: Wie der sprachliche und mimische Subtext Lederers selbst den tanzpolitischen Forderungen seiner Parteikollegin Regina Kitteler und der (unwidersprochen) als Vertreterin des Dachverbandes Tanz Deutschland auftretenden Expertin Claudia Feest die Spitze nahm, durch deren Statements und Aussagen unverkennbar ein Unbehagen mit dem schlichten „Da-Sein“ und „So-Sein“ eines Ensembles wie des Staatsballetts hervorschien.



      Diese Eindrücke sind es, weshalb ich Herrn Lederer eher zuschreibe, die Bedeutung der großen Institutionen für die kulturelle Verfassung der Stadtgesellschaft zu schätzen – und wenn es nur deshalb so wäre, weil er weiß, dass die freien, unabhängigen Kulturschaffenden im luftleeren Raum agieren, wo sie allein agieren.



      Deshalb: Welchen Nutzen im Sinne welcher Agenda könnte sich Herr Lederer von der Causa des angeblichen Rassismus beim Staatsballett Berlin versprochen haben?



      Mit herzlichem Gruß:

      Horst
    • Kommentar am 14.11.2021 12:34 von Berlintänzerin
      Hallo aus Berlin! Warum wurde der eigene Diskriminierungsfall des Staatsballetts nicht besprochen? Was sagt das Ensemble denn zu diesem Fall?

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