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Paris

NEUBEGINN GEGLÜCKT?

Pierre Lacottes „Le Rouge et le Noir“ hat seine Uraufführung an der Pariser Oper



Es ist zweifelsohne das Ereignis der Spielzeit: Pierre Lacottes lange erwartetes Ballett „Rot und Schwarz“. Die Großproduktion, die eigentlich für das letzte Jahr geplant war, sollte nun zeigen, dass das krisengeschüttelte Ballett der Pariser Oper immer noch eine der ersten klassischen Kompanien der Welt ist.


  • Amandine Albisson und Stephane Bullion in "Le Rouge et le Noir" Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris
  • Amandine Albisson und Stephan Bullion als Madame und Monsieur de Rénal Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris
  • Florian Magnenet als Julien Sorel Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris
  • "Le Rouge et le Noir" von Pierre Lacotte Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris
  • Amandine Albisson und Mathieu Ganio Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris
  • Mathieu Ganio und Myriam Ould-Braham in "Le Rouge et le Noir" Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris

Mit der Wahl von Stendhals Monumentalroman „Rot und Schwarz“ als Inspiration für sein Ballett ging Lacotte ein nicht geringes Risiko ein. Der 89-Jährige, der das Ballett gewissermaßen als sein Vermächtnis sieht, entwarf neben Szenario und Choreographie auch die zahlreichen Bühnenvorhänge (größtenteils in Schwarzweiß und von zeitgenössischen Gravuren inspiriert) und Kostüme. Als musikalische Begleitung wählte er eine Collage aus Werken von Jules Massenet.

Stendhals Roman „Rot und Schwarz“ ist ein unidealisiertes Portrait der französischen Gesellschaft im Jahr 1830. Im Mittelpunkt steht der Zimmermannssohn Julien Sorel, ein Verehrer Napoleons, der – trotz seines Atheismus – zunächst Priester werden will und dann mithilfe seiner Intelligenz und seines Charmes fast an die Spitze der Aristokratie aufsteigt. Dabei verführt er zwei adelige Damen: eine verheiratete Frau, deren Kinder er in Latein unterrichtet, und die Tochter eines Marquis, bei dem er als Sekretär arbeitet. Auf seinen kometenhaften Aufstieg folgt ein jäher Fall, und Julien endet unter der Guillotine.

Lacotte ignorierte verständlicherweise die politischen und gesellschaftlichen Umstände, die Juliens Charakter prägen und die in einem visuellen Medium schwer darstellbar sind. Allerdings kann man sich fragen, ob es unvermeidlich war, Julien als konventionellen Ballettprinzen mit etwas zweifelhafter Moral darzustellen, vergleichbar mit Albrecht in „Giselle“. In beiden aristokratischen Haushalten, in denen er sich im Roman erst langsam aus seiner untergeordneten Stellung erhebt, erscheint er im Ballett bereits als strahlender Held, der den Damen sofort ins Auge sticht und neben den Hausherren glänzende Variationen im Stil des 19. Jahrhunderts absolviert. Anders als Stendhals zwielichtiger Protagonist, der die feinen Damen um ihn aus verletztem Klassenstolz und Kalkül verführt, zeichnet Lacotte Julien als von seinen Leidenschaften getriebenen Draufgänger. Struktur und Erzählweise des Balletts entstammen ebenfalls größtenteils dem 19. Jahrhundert: hier werden virtuose Variationen aneinandergereiht, dort tanzt das Corps de Ballet ausgiebige Divertissements, die Lacotte geschickt in die Handlung einzufügen wusste. Schließlich gibt es auch einige pantomimische Passagen, die sich dem uneingeweihten Publikum kaum erschließen wollen, beispielsweise wenn Julien bei seinem Prozess erklärt, die Gesellschaft habe ihn schon immer daran gehindert, aus seinem armseligen Milieu auszubrechen.

Die Rolle des Julien schuf Lacotte für Mathieu Ganio, der die Uraufführung mit Bravour eröffnete. Er beherrschte in den ersten Szenen das Geschehen als strahlender, in der von Lacotte geschaffenen Rolle äußerst glaubhafter Julien. Leider verletzte er sich im ersten Akt und wurde durch Florian Magnenet ersetzt, der seine alles andere als einfache Aufgabe so gut erledigte, wie es unter den Umständen möglich war. Dennoch vermisste man die Eleganz und Subtilität, mit der Ganio in der Hauptprobe der Figur, um die sich das ganze Ballett dreht, das nötige Profil verlieh, und man kann nur hoffen, dass er bei der Wiederaufnahme des Balletts diese für ihn geschaffene Rolle doch noch tanzen wird.

Amandine Albisson überzeugte als etwas spröde, aber schließlich immer hingebungsvollere Madame de Rênal, vor allem in den Szenen, in der sie Julien nach ihrer Trennung erscheint wie der vergebende Geist der Giselle. Die Rolle der hochnäsigen Mathilde de la Mole, die sowohl Juliens Charme als auch seiner gespielten Gleichgültigkeit erliegt, wurde von Myriam Ould-Braham mit sylphidenhafter Koketterie interpretiert. Stéphane Bullion zeigte sich in bester Form als Monsieur de Rênal, für den Lacotte einige technisch anspruchsvolle Variationen kreierte. Hochkarätig besetzt waren auch die Rollen der beiden Äbte, Juliens Beschützer Chélan (Audric Bezard) und sein Gegenspieler Castanède (Pablo Legasa), die sich zu einigen leidenschaftlichen Tanzschritten hinreißen ließen, sowie die Dienerin Élisa (Valentine Colasante), die aus Eifersucht Juliens Verführerdasein ein Ende setzt.

Neben dem romantischen Ballett schöpfte Lacotte auch aus anderen Inspirationsquellen. In den leidenschaftlichen, mit akrobatischen Hebungen durchsetzten Pas de deux fanden sich Anklänge an die Werke von Cranko, Neumeier, MacMillan und Nurejew. Das Corps de Ballet verwandelte sich gegen Ende in eine Art Tragödienchor, dessen antinaturalistisches Bewegungsvokabular und kommentierende Funktion an Roland Petits Ballette erinnerte. Lacotte blieb Stendhal treu, der Juliens Hinrichtung nur mit einem lakonischen Satz abhandelt, indem er kein letztes Solo für den Todgeweihten schuf. Stattdessen spiegelte er den Schock in den Reaktionen des Corps de Ballet und der Frauen, die Julien liebten: Élisa, Mathilde und Madame de Rênal, die wie eine romantische Heldin an ihrem gebrochenen Herzen stirbt.

Bis es allerdings zu diesem berührenden Abschluss kommt, sind bereits dreieinhalb Stunden vergangen. Diese sind gefüllt mit allerlei opulenten Bildern, die man nicht unbedingt immer in dieser Länge genießen müsste. Die zahlreichen Bühnenbildwechsel wurden oft nicht sehr elegant überbrückt. Ganz überflüssig waren auch die Filmprojektionen, um Ortswechsel zu signalisieren, sowie die Gesichtsmasken der Statisten, die jegliche theatralische Illusion zunichte machten.

Dennoch feierte das Ballett der Oper mit dieser Produktion ein eindrucksvolles Comeback, und es ist anzunehmen, dass das Ballett sich einen festen Platz im Repertoire der Kompanie erobern wird.


Für ein Interview mit Pierre Lacotte lesen sie hier.

Veröffentlicht am 24.10.2021, von Julia Bührle in Premieren, Homepage, Gallery, Kritiken 2021/2022

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