PREMIEREN



Berlin

ZUSAMMENKOMMEN IN SENSORISCHEN LANDSCHAFTEN

Die neue Arbeit von Eszter Salamon spielt mit intensiver Körperlichkeit und der Schönheit von Berührung



Am 19. Oktober 2021 feierte mit „MONUMENT 0.9: Replay“ im HAU1 in Berlin Premiere. Der knapp zweistündige Abend baut auf der Gruppenperformance „Reproduction“ von 2004 auf und entwirft unter den Blicken der Zuschauenden eine freimütige Abhandlung über die Lust.


Artikel aus Berlin vom 22.10.2021
  • „MONUMENT 0.9: Replay“ von und mit Eszter Salamon Foto © Pippa Samaya

Als Publikum werden wir zu Beginn des Stücks auf die Hinterbühne geleitet und die fünf Performer*innen (Ghyslaine Gau, Arantxa Martinez, Pol Pi, Lola Rubio und Eszter Salamon) liegen bereits zentral im Raum auf dem rechteckigen Korkbodenbelag, während wir an allen vier Seiten Plätze finden. Am Rand der Bühnenfläche befinden sich zwei große flache Sitzsäcke, die später als Inseln oder als Zufluchtsorte dienen. Außerdem schweben an den Seiten verteilt vier Spiegel schräg über der Bühne, so dass die exponierten Körper teils auch aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden können. Dass es hier um Körperlichkeit und Intimität geht, wird sehr schnell klar. Die gesamte Zeit des Stücks über sind die Performer*innen unbekleidet und diese Nacktheit ist zentral, denn die Arbeit widmet sich der Haut als dem größten Organ und „als Ort des Spürens, der Schwingungen und des Kontakts“, wie im Ankündigungstext bereits zu lesen ist. Dass das Publikum ringsherum verteilt und sehr nah am Geschehen dran ist, ist konzeptuell ebenfalls relevant. Es soll ein gemeinsamer Raum für Zuschauer*innen und Performer*innen entstehen. Da wir als Zuschauende mit Kleidung und Maske dem Geschehen auf Sitzkissen von den flachen Tribünen aus beiwohnen, ist es natürlich vor allem eine theatrale Beobachtungsperspektive, die uns teilhaben lässt. Innerhalb dieser müssen wir vor allem unsere voyeuristische Position verhandeln. Auch Hören kann eine Form von Berührung sein, wird später über Lautsprecher eingesprochen.

Die gesamte Choreografie besteht aus sehr langsamen Bewegungen, die vor allem zu Beginn hauptsächlich auf allen Vieren kriechend oder liegend, also stets in Bodennähe, stattfinden. Ausgerichtet auf ein immer wieder wechselndes Gegenüber, bewegen sich die fünf Körper zielstrebig aufeinander zu, um sich dann über oder untereinander zu schieben und wieder zu lösen. Dabei scheint jeder physische Berührungspunkt bewusst wahrgenommen und gesetzt zu sein. Niemals sehe ich eine einfach weggezogene Hand. Es ist immer ein Entlangstreifen und Entlanggleiten der Glieder und somit auch der Hautflächen, bis sie sich eben, ob der gegenläufigen Bewegungsrichtungen, trennen. Dieses Vorüberziehen und das zeitlich begrenzte Eintauchen in die Wärme und den Hautkontakt, der sichtlich genossen wird, prägt die intensive Stimmung des Stücks auf sinnliche Weise.

Die auditive Ebene ist zu Beginn von zurückhaltendem, windigem Säuseln geprägt und bringt später die Stimmen der Performer*innen wie auch Audioaufzeichnungen in das sensorische Spiel des Stücks. Zunächst sind Geräusche zu vernehmen, die an durchaus leidvolles Wolfs- oder Hundejaulen erinnern. Ob sie von den Performer*innen selbst oder vom Band kommen, kann ist anfangs nicht mit Sicherheit zu differenzieren. Auch weil die Gesichter der Darsteller*innen lange abgewandt bleiben und das Erzeugen der teilweise kraftvollen Töne nicht unbedingt körperlich erkennbar ist. Doch in einer der Szenen entwickelt sich deutlich eine Art Rufgesang zwischen zwei der Performer*innen und im Verlauf dieses Miteinanders erheben sich beide das erste Mal vom Boden in eine aufrechte Position. Sie lehnen sich aneinander oder halten sich mit ausgestreckten Armen. Es wirkt wie das gemeinsame Ausprobieren dieser vertikalen Ebene und spätere Narrative der Audiospur unterstützen eine Lesart der Evolution und Menschwerdung. „In the beginning there was touch. Then you touched“ heißt es und auch die assoziativen Abhandlungen über Bakterien, Moos und Unterwasserwesen zeichnen dieses Bild des Werdens. Das Thema des Menschwerdens wohnt der intensiven Körperlichkeit naturgemäß inne. Einerseits sind es die lebensnotwendigen Berührungen, die unsere körperlichen Sehnsuchtsorte und emotionalen Landschaften mitgestalten, anderseits ist die Frucht dieser intensiven körperlichen Begegnungen natürlich hin und wieder auch selbst neues Leben.

Dass die Intimität und Nähe der Körper lange Zeit nicht explizit sexuell gelesen werden musste, beschreibt eine besondere Qualität der Arbeit. War es von Beginn an intim und sinnlich forschend zwischen den nackten Körpern, entwickelt sich diese Ebene der Berührungen erst im letzten Drittel der zwei Stunden auch zu einer konkret sexuellen. Die verschiedenen Sexpositionen, die die Körper in wechselnder Zusammensetzung durchgehen, wirken alsbald übertrieben und somit teils ironisch. Gesten wie das lustvolle an den Haaren Ziehen, greifen bewusst stereotype Bilder von Verlangen, aber eben auch von Macht auf. Ob das noch Kunst ist oder schon Sex, ist vielleicht eine Frage, die sich einige der Zuschauenden in ihrer Auseinandersetzung mit der bereits erwähnten voyeuristischen Position stellen mussten. Ich selbst habe sie für mich dahin gehend beantwortet, dass es diese Unterscheidung gar nicht braucht. Körperlichkeit und Berührungen auch in sexueller Dimension derart offen, verletzlich und schamlos zu verhandeln, ist eine Kunst.

Jenny Mahla


„MONUMENT 0.9: Replay“ von und mit Eszter Salamon ist noch bis zum 22. Oktober 2021 im HAU1 zusehen.

Veröffentlicht in Premieren, Homepage, Gallery, Kritiken 2021/2022

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