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Bremen

WAS MÄNNER KÖNNEN

„(Little) Mr. Sunshine“ von Samir Akika / Unusual Symptoms am Theater Bremen



Lebendig, humorvoll, erotisch und berührend setzt sich Samir Akika gemeinsam mit seinem hier ausschließlich männlichen Ensemble mit eigenen Biografien und der Rolle als Darsteller auseinander.


  • "(Little) Mr. Sunshine" Foto © Jörg Landsberg
  • "(Little) Mr. Sunshine" Foto © Jörg Landsberg
  • "(Little) Mr. Sunshine" Foto © Jörg Landsberg

Türkis, weiß, orange sind die Farben dieses Abends. Drei Startblöcke an der Stirnseite eines türkisblauen Rechtecks im Zentrum der Bühne. An den Seiten weiße, gekachelte Wände, ein paar Eingänge, Nischen, zwei Liegestühle. Bis auf den Flügel und die Geige am Rand, unverkennbar ein Schwimmbad, jedoch ohne Wasser.
„22 Grad Celsius, Forecast“ wird per Beamer wie ein Wetterbericht, wie das Kapitel eines Buches, an eine Wand geworfen und gibt damit gleich die Richtung an. Hier soll ein Unternehmen in eine zielgerichtete, stabile Zukunft geführt werden.

Samir Akika ist in seinem neuen Stück noch nachdenklicher geworden, befragt sich auch selbst und letztendlich damit auch sein Publikum. Warum tun wir die Dinge, die wir tun? Machen sie uns wirklich Freude? Was ist uns warum wichtig? Die Überschriften seiner Szenen-Kapitel reichen von Metamorphosen, über Verortungen, Spaßversprechungen bis hin zur Frage nach dem Ende, wenn die Energien auch den Körper eines Tänzers immer mehr verlassen und ihn dies eines Tages umfallen lässt, wie einen vertrockneten Baum.

Bestimmte noch in früheren Produktionen eher eine im-provisiert wirkende Überfülle das Bild, so vermittelt der jetzige Bühnenraum (Greta Bolzoni: Bühne und Kostüme) Klarheit. Dabei lässt Samir Akika sich und seinen Akteuren nach wie vor viel Raum zum Spielen. Und da bleibt es – wie gewohnt – bei den „Unusual Symptoms“ nicht nur beim Tanz.
Sechs Tänzer und zwei Musiker sind im Raum verteilt, zwei beginnen im Zentrum einen Kontakttanz zu klassischen Klavierklängen. Ein Weiterer kommt mit einem Mikrofon an den Bühnenrand, begrüßt das Publikum und erzählt von sich, vom Geldwert seiner afrikanischen Identität, von seiner künstlerischen Ausbildung und macht mit allen ein Spiel mit Stimme und Applaus.
Vom Anfang bis zum Ende zeigt dieser besondere Theaterabend mit seinen Tänzerpersönlichkeiten, dass die Antwort darauf, warum Künstler*innen immer wieder auf der Bühne stehen, weitaus vielschichtiger ist, als die Sucht nach Applaus.

Die Musik von Flügel und Geige (Shane Fee und Yu Mita) ist klassisch, außergewöhnlich für Akika-Choreografien. Da tanzt einer passend zum Stil seine klassischen Figuren, die sein Partner zunächst mit Streetdance konterkariert, bis am Ende beide beides versuchen, verbinden, aber auch scheitern und wieder neu beginnen.
Zwischendurch mischen sich die zwei Musiker mit einem multilingualen Theatergerede ins Geschehen und tragen zur programmatischen Verwunderung bei. Auf einem Startblock sitzt einer und redet ohne Unterlass mit sich selbst, bis der Klang seiner Stimme zur rhythmischen Geräuschkulisse wird. Ein anderer beginnt zu singen, es entsteht ein Chor, und der löst sich in einer Tanzchoreografie auf.

Ein ebenso diverses, wie begabtes und mutiges Ensemble zeigt, was es heißt, Performer zu sein und zwar aus männlicher Sicht. Einer kämpft, einer wackelt mit der Hüfte, einer versucht es mit klassischer Leichtigkeit, einer mit bizarren Körperbildern, einer mit akrobatischen Sprüngen und einer schnattert und schnattert, wie man es gender-stereotyp nur Mädchen zusprechen möchte, andere heben und tragen sich gegenseitig, wie es im Ballett meist nur zwischen Männern und Frauen üblich ist. Klischees wirken hier nie klischeehaft, sondern eher wie Versuchsfelder dieses Lebens. Wie Fische ohne Wasser zeigen sich diese Schwimmbadbesucher auch immer wieder nackt und verletzlich.

So tanzt plötzlich einer wie ein wildgewordener alter Zwerg im bunt zuckenden Stroboskoplicht. Die Zunge, ein aufgesteckter Gummipenis, ist lang herausgestreckt, wie in der archaischen Drohgebärde der männlichen neuseeländischen Ureinwohner. Dann wechselt das Bild in ein Duo aus schwarzer und weißer Haut, das sich beinahe zeitlupenartig mit- und umeinander bewegt und dabei immer neue poetische und erotische Bilder wie Skulpturen erschafft. Dabei lösen sich die Grenzen von Schwarz und Weiß, von Geschlechtern und allen anderen Zuschreibungen auf sehr berührende Weise auf.

Immer wieder fragt „(Little) Mr. Sunshine“ nach der Sinnhaftigkeit von Kunst überhaupt, die sich in der Pandemie-zeit viele von innen und außen gestellt haben. Doch erhebt sich diese Thematik hier in die darüber hinausragenden Sinnfragen im Leben überhaupt.
In der Suche nach Antworten lassen die sechs Männer (Aaron Samuel Davis, Gabrio Gabrielli, Máté Mészáros, Marcus Alexander Roydes, Karl Rummel, Andor Rusu) regelrecht „die Hosen herunter“, und auch dieses Bild wird zum Ende des Abends mit Humor in einer Gruppenchoreografie aufgenommen. Euphorischer Applaus vom Premierenpublikum für einen inhaltlich wie künstlerisch reichen und bewegenden Abend in einem ausverkauften Haus.

Veröffentlicht am 19.10.2021, von Martina Burandt in Homepage, Kritiken 2021/2022

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