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Mannheim

(K)EIN PLATZ FÜR HOCHBEGABTE IN DER QUADRATESTADT

Zum neuen Tanzabend „Mozart“ von Stephan Thoss



Der Mannheimer Ballettchef liefert ein getanztes Narrativ für Mozarts Mannheimer Zeit: ein Themenballett voll von intensiven und fordernden Bildern über die Selbstfindung und das Erwachsenwerden des jungen Künstlers.


  • Stephan Thoss "Mozart": Lorenzo Angelini und Ensemble des Nationaltheater Mannheim Tanz Foto © Maximilian Borchardt
  • Stephan Thoss "Mozart": Jessica Liu, Lorenzo Angelini, Galiana Moscardó Foto © Maximilian Borchardt
  • Stephan Thoss "Mozart": Alexandra Chloe Samion, Lorenzo Angelini Foto © Christian Kleiner
  • Stephan Thoss "Mozart": Lorenzo Angelini und Ensemble des Nationaltheater Mannheim Tanz Foto © Christian Kleiner
  • Stephan Thoss "Mozart": Silvia Cassata, Joseph Caldo Foto © Maximilian Borchardt
  • Stephan Thoss "Mozart": Ensemble des Nationaltheater Mannheim Tanz Foto © Christian Kleiner
  • Stephan Thoss "Mozart": Lorenzo Angelini und Ensemble des Nationaltheater Mannheim Tanz Foto © Christian Kleiner

Es gibt ein paar bewährte Maßnahmen, bröckelnden Zustrom oder fehlende Akzeptanz beim Tanzpublikum umzukehren – eine davon ist die Verwendung von Musik mit höchstem Beliebtheitsgrad: Pop, Mozart, Bach. Über den Verdacht von derlei Motivation ist der Mannheimer Ballettintendant Stephan Thoss erhaben – seine Tanzsparte erfreut sich beim Publikum so großer Beliebtheit, wie das unter Corona-Bedingungen möglich ist. Tatsächlich scheint Thoss gerade ein erstaunliches Abonnement auf das große Haus des Nationaltheaters zu haben – mit der Option auf den Einsatz des Orchesters. Die letzte Spielzeit schloss er mit der leider nur wenige Male gezeigten Kreation „Crescendo“ ab; der neue Ballettabend „Mozart“ fungiert indessen als Flaggschiff im Spielplan mit ungewöhnlich viel Raum und Gewicht für einen Beitrag aus der Dritten Sparte.

Stephan Thoss erzählt nichts Beliebig-Biografisches, sondern liefert ein getanztes Narrativ für Mozarts Mannheimer Zeit. Sie fiel mit dem Gründungsjahr des Nationaltheaters (1777) zusammen; sie bot die erste Eigenständigkeit für den 21-jährigen an der Schwelle zwischen Wunderkind und erwachsenem Künstler – auf der Suche nach einer Festanstellung, die ihm zeitlebens verwehrt bleiben sollte. In Mannheim gelangen Mozart keine Meisterwerke am Stück wie später in Wien; in der Deutung von Thoss ist es dagegen die Zeit der Selbstfindung, des Erwachsenwerdens für den jungen Künstler, der so gern von der Gesellschaft akzeptiert sein möchte und sich doch nicht die Flügel beschneiden lassen will. Für diesen Konflikt sind Stephan Thoss im ersten, längeren Teil des Abends wunderbare Bilder gelungen, die den jungen Mozart (Lorenzo Angelini) als phantastisches Energiebündel profilieren. Sein fast quirliges Einnehmen der Bühne, sein schwereloses Federn und sein Innehalten quasi in der Luft machen es ihm schlichtweg unmöglich, Gleicher unter Gleichen zu sein. So hat er auch in der Gunst des Publikums die Nase vorn gegenüber Joseph Caldo, der dem älteren Mozart mit einer reiferen Präsenz bis zum tragischen Ende Gestalt verleiht.

„Mozart“ ist weniger ein Handlungs- als vielmehr ein Themenballett: Biografische Eckpunkte bieten zwar viele Tanz-Anlässe, aber vertanzt werden keine Geschichten, sondern abstrakte Themen und tiefe Gefühle. Dabei macht die typische Crux der Ach-nein-doch-nicht-Handlungsballette auch vor dieser Choreografie nicht halt: Zwar enthält der Besetzungszettel viele konkrete Einzelposten, aber ohne Detailwissen zur Mozart-Biografie wird man schwerlich beispielsweise eine Figur wie den Abbé Vogler identifizieren können. Mit wenigen Ausnahmen lösen sich die handelnden Personen nur kurz aus aus der Gruppe und verschmelzen dann wieder mit dem Ensemble; Doubles der Figuren und die Verkörperung abstrakter Themen wie „Pech“ oder „Paris, ein Versprechen“ erschweren zudem konkrete Zuordnungen. Das Ensemble (insgesamt siebzehn Tänzer*innen) agiert in gleichartigen Kostümen, stilisiert von alltagstauglich bis förmlich. Nur Alexandra Chloe Samion gibt sich eindeutig als zugewandte Mutter zu erkennen; im zweiten Teil – der nach einer kurzen Lichtpause Mozarts Nach-Mannheimer-Zeit bis zum Tod thematisiert – hat Silvia Cassata als Constanze starke Momente. Einzig die beliebte Mannheimer Ballettmeisterin Zoulfia Choniiazowa trägt als Verkörperung des dramatischen Schicksals eine passende Diva-Robe.

Eine weite offene Bühne mit Projektionsrückwand und einem stilisierten Kronleuchter aus leeren Stühlen bieten dem Bühnengeschehen einen fantastischen Raum. Wieder einmal beweist sich Stephan Thoss als künstlerischer Tausendsassa, der zusätzlich zur Choreografie für Bühne, Kostüme und Video verantwortlich zeichnet, natürlich auch für die Musikauswahl und selbst für verbindende Soundcollagen. Es erübrigt sich fast, zu betonen, dass Thoss für die Auswahl der Musikstücke einen wirkungsvollen dramaturgischen Filter eingesetzt hat. Frühe und unbekanntere Stücke wechseln ab mit Ausschnitten aus bekannten Klavierkonzerten und am Ende dem Lacrimosa aus dem unvollendeten Requiem; selbst das Mozart-Adagio von Arvo Pärt erklingt. Den Orchestergraben hat der Jānis Liepiņš, der Erste Kapellmeister des Nationaltheaters, sicher im Griff. Mit Thoss weiß er sich darin einig, Mozart an keiner Stelle aufs Liebliche, Gefällige zu reduzieren, und Kai Adomeit interpretiert die Klavierparts mit dramatischer Eindringlichkeit.

Die Hauptrolle an diesem Abend spielt das Ensemble, das fast durchweg in großer Besetzung auf der Bühne agiert, mit hoher Musikalität und in starken emotionalen Bildern. Musik beinahe bruchlos in Körperbewegungen umzusetzen ist überhaupt die große Stärke von Stephan Thoss, der den begeistert applaudierenden Zuschauern 90 fordernde, intensive und durchweg spannende Minuten beschert.

Veröffentlicht am 18.10.2021, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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