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Paris

"EIN BALLETT PER SKYPE EINZUSTUDIEREN IST UNMÖGLICH"

Ein Gespräch mit Pierre Lacotte über sein neues Ballett "Rot und Schwarz" nach dem Roman von Stendhal



Nach den Schließungen und Unsicherheiten, die sich durch Rentenstreiks und Coronakrise ergaben, schafft Lacotte nun ein ehrgeiziges Werk für die Pariser Oper: ein Ballett, das von einem Meisterwerk der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts inspiriert ist.


  • Pierre Lacotte Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris
  • "Le Rouge et le Noir" Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris
  • "Le Rouge et le Noir" Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris
  • "Le Rouge et le Noir" von Pierre Lacotte Foto © Svetlana Loboff/ Opéra National de Paris

Pierre Lacotte (geb. 1932), ehemaliger Solist der Pariser Oper und international anerkannter Choreograph, ist vor allem für seine gekonnten Rekonstruktionen von Balletten des 19. Jahrhunderts bekannt, beispielsweise „La Sylphide“, „La Fille du Danube“ (Die Tochter der Donau), „Nathalie ou la laitière suisse“ (Nathalie oder das Schweizer Milchmädchen), „L’Ombre“ (Der Schatten), „Le Lac des fées“ (Der Feensee) und „La Gitana“ (alle nach Filippo Taglioni), „Giselle“ (nach Jean Coralli und Jules Perrot), „Le Papillon“ (Der Schmetterling, nach Marie Taglioni), „Marco Spada“ (nach Joseph Mazilier), „Paquita“ (nach Mazilier und Marius Petipa), und „La fille du Pharaon“ (Die Tochter des Pharao, nach Petipa). Neben diesen vom romantischen und klassischen Repertoire inspirierten Werken hat er mehrere Ballette von Fokine rekonstruiert und eigene geschaffen, darunter einige Adaptionen bekannter literarischer Werke wie Shakespeares „Hamlet“, „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas und Stefan Zweigs „24 Stunden im Leben einer Frau“.

Nach den Schließungen und Unsicherheiten, die sich durch Rentenstreiks und Coronakrise ergaben, schafft der 89-jährige Lacotte nun ein ehrgeiziges Werk für die Pariser Oper: ein Ballett, das von einem Meisterwerk der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts inspiriert ist, Stendhals „Rot und Schwarz“. In diesem Roman aus dem Jahr 1830 erzählt der Autor die Geschichte von Julien Sorel, dem Sohn eines Zimmermanns aus der Provinz, der sich durch besondere Intelligenz und Ehrgeiz auszeichnet. Er wird zum Vormund der Kinder des Bürgermeisters seiner Heimatstadt, M. de Rênal, und zum Geliebten von dessen Frau. Nach einem unglücklichen Aufenthalt im Priesterseminar von Besançon tritt er in die Dienste des Marquis de la Mole, dessen Tochter Mathilde er verführt. Der Marquis ist gezwungen, in die Heirat seiner Tochter mit Julien einzuwilligen. Um den Skandal einer solchen so unstandesgemäßen Hochzeit zu verringern, sorgt der Marquis dafür, dass Julien geadelt und zum Husarenleutnant ernannt wird. Julien sieht bereits eine Zukunft vor sich, die seine kühnsten Erwartungen übertrifft. Er sagt sich: „Mein Roman ist fertig“ - als ein Brief von Frau de Rênal an den Marquis, in dem sie Juliens früheres Verhalten ihr gegenüber anprangert, seinem kometenhaften Aufstieg ein Ende setzt. Der junge Mann rächt sich, indem er mitten in der Messe zwei (nicht tödliche) Pistolenschüsse auf seine ehemalige Geliebte abfeuert, wofür er zum Tode verurteilt wird.

Das folgende Interview mit Pierre Lacotte fand zwei Wochen vor der Premiere des neuen Balletts statt.

Warum haben Sie diesen Roman als Inspiration für Ihr Ballett gewählt?

Ich habe „Rot und Schwarz“ zu meiner Schulzeit gelesen, und dann mehrmals wieder. Der Roman hat mir sehr gut gefallen, weil er voller faszinierender Ideen und Persönlichkeiten war. Ich dachte schon immer, daraus könne man ein fantastisches Ballett machen, weil die Protagonisten so markant und so unterschiedlich sind. Das heißt, man kann sie in verschiedenen Stilen charakterisieren. Da es sich um ein völlig neues Werk handelt, konnte ich ein ganz freies Vokabular erfinden, das klassische, neoklassische und moderne Elemente vereint... Die Idee gefiel mir immer besser und ich sprach schließlich mit Aurélie Dupont darüber. Sie war begeistert.

Wie sind Sie vorgegangen, um diesen langen und komplexen Roman so zu kondensieren und anzupassen, dass man ein Ballett daraus machen konnte?

Zunächst einmal musste ich natürlich den langen Roman kürzen und die Ereignisse und Figuren auswählen, die ich beibehalten wollte. Ich beschloss, zwei wichtige Änderungen vorzunehmen, um die Geschichte leichter verständlich zu machen und sie an eine Kunst ohne Worte anzupassen. Im Roman wendet sich das Schicksal von Julien Sorel zweimal wegen eines Briefes. Beim ersten Mal handelt es sich um einen anonymen Brief an Monsieur de Rênal, der Juliens Verhalten gegenüber dessen Frau anprangert. Den zweiten Brief schreibt Madame de Rênal an den Marquis de la Mole, um Juliens Heirat mit dessen Tochter Mathilde de la Mole zu verhindern. Im Ballett steckt Elisa, das Dienstmädchen von Mme de Rênal, hinter beiden Briefen und bringt sie an ihre Empfänger. Jedes Mal, wenn Julien im Ballett denunziert wird, ist Elisa der Grund dafür; sie ist gewissermaßen der Motor der Handlung. Ihr Motiv ist klar: Sie ist in Julien verliebt. Als sie sieht, dass er versucht, Madame de Rênal zu verführen, ist sie sehr eifersüchtig und traurig. Sie beschließt, einen Brief zu schreiben und ihn M. de Rênal zu bringen. Dies ist inspiriert von dem Moment im Roman, in dem Elisa Julien bei einem Rivalen denunziert. In meinem Ballett bleibt sie nicht bei den Rênals, sondern folgt Julien nach Paris, wo sie in den Dienst des Marquis de la Mole tritt und Juliens Heirat mit Mathilde durch einen weiteren Brief verhindert. Sobald Julien sich mit einer anderen Frau einlässt, zerstört sie die Beziehung, um ihn eines Tages für sich allein zu haben.

Die zweite Änderung besteht darin, dass ich die Zahl der Priester, die einen wichtigen Einfluss auf Juliens Leben haben, auf zwei reduziert habe: den Abbé Chélan und den Abbé Castanède. Der eine schützt Julien, während der andere zu seinem Untergang beiträgt. Der Abbé Chélan empfiehlt ihn M. de Rênal als Erzieher für seine Kinder, vermittelt ihn an das Priesterseminar in Besançon, als er die Familie de Rênal verlassen muss, verschafft ihm eine Stelle beim Marquis de la Mole und bleibt ihm bis zum Schluss ein treuer Freund. Der Abbé Castanède, Leiter des Priesterseminars von Besançon, kann Julien nicht ausstehen, weil er ihn für arrogant und überheblich hält; seiner Meinung nach fehlt es Julien an Glauben und Gehorsam. Als Elisa von der Verlobung zwischen Mathilde de la Mole und Julien erfährt, eilt sie zum Abbé Castanède, um die Hochzeit zu verhindern. Der Abbé befiehlt Madame de Rênal, einen Brief an den Marquis zu schreiben, in dem sie erklärt, wie Julien sich ihr gegenüber verhalten hat. Madame de Rênal weigert sich, aber er besteht darauf, und sie schreibt schließlich den Brief. Sie glaubt plötzlich, Julien vor sich zu sehen mit einer anderen Frau, und das kann sie nicht ertragen. Elisa nimmt den Brief und übergibt ihn dem Marquis, der Julien befiehlt, sein Haus sofort zu verlassen.

Wie sehen Sie den Charakter von Julien und dessen Entwicklung? Gibt es in Ihrem Ballett Hinweise auf die Sozialkritik Stendhals und die Verbindung zwischen Juliens Verhalten und der Gesellschaft, in der er lebt?

Julien will in der Gesellschaft aufsteigen; deshalb verachtet er Elisas Annäherungsversuche und will der Geliebte von Madame de Rênal werden. Elisa leidet sehr darunter, aber Julien denkt nur an seinen Ehrgeiz. Später will er Priester werden, weil er das für einen Weg hält, in der Gesellschaft voranzukommen. Doch schließlich wird ihm klar, dass er sich opfern muss, um Priester werden zu können, und dazu ist er nicht bereit. Der Abbé Castanède nimmt daran Anstoß und behandelt ihn streng. Im Kloster träumt Julien von Frau de Rênal und wird sich klar darüber, dass sie eine außergewöhnliche Person war.

Nach seiner Verhaftung wegen versuchten Mordes ist klar, dass er sich entwickelt hat. Er ist sehr froh zu erfahren, dass er Madame de Renal nicht getötet hat, und als sie ihn im Gefängnis besucht, erklärt er ihr seine wahre Liebe. Während des Prozesses behauptet er, dass ihn die Gesellschaft seit seiner Kindheit daran gehindert hat, dass er aus seinem armseligen Milieu herauskommt. Dennoch gesteht er seine Schuld ein und fordert die Todesstrafe. Sein Schicksal zeigt, wie fragil damals die Position derjenigen war, die es geschafft hatten, aus ihrem sozialen Milieu auszubrechen: Julien kommt fast an die Spitze der Aristokratie, und plötzlich ist alles vorbei. Er wird ständig von den anderen verurteilt, und in seiner Heimatstadt gibt es viel Eifersucht, weil er nach Paris geht und die Tochter eines Marquis heiratet. Am Ende, als Julien alles verloren hat und zum Tode verurteilt wird, wendet sich die öffentliche Meinung zu seinen Gunsten, und die Menge ist traurig und wütend über Juliens Hinrichtung.

Ich habe großes Glück: Die vier Tänzer, die als Julien besetzt sind, Mathieu Ganio, Germain Louvet, Hugo Marchand und Mathias Heymann, sind alle außergewöhnlich. Sie sind sehr unterschiedlich, aber sie haben vergessen, wer sie sind, um Julien zu werden, mit seinen schlechten und guten Eigenschaften. Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich in die Rolle hineinversetzen und nur eine Idee im Kopf haben sollen: „Ich bin Julien Sorel“. Nach einem Monat spürte ich eine wundersame Veränderung. Auch die anderen Solist*innen schlüpften in die Haut ihrer Figuren, und alle Tänzer*innen des Corps de ballet wissen, wie wichtig es ist, welche Situation durch die Ensembleszenen ausgedrückt wird. Für die Tänzer*innen war es interessant, je nach Kontext verschiedene Stile zu tanzen, von klassisch bis modern. Sie sind sowohl Tänzer*innen als auch Schauspieler*innen; das ist notwendig, um die Geschichte zu erklären. Wenn sie die Choreographie gut kennen, sage ich ihnen, dass sie in ihr leben und ihre Interpretation der Figur zum Ausdruck bringen können.

Wie haben Sie die Musik gefunden?

Ich habe viel gesucht, und plötzlich bin ich auf Massenet gestoßen, dessen Sensibilität und Aufrichtigkeit ich sehr schätze. Anfangs dachte ich, diese Wahl könnte riskant sein, da es bereits ein Ballett von Kenneth MacMillan mit dem Titel „Manon“ zu Massenets Musik gibt. Allerdings habe ich andere Stücke gewählt und das Ergebnis ist völlig anders und entspricht genau dem, was ich wollte. Es gibt sogar Momente, in denen man den Eindruck hat, dass die Musik für das Ballett geschrieben wurde.

Wie haben Sie die Bühnenbilder und Kostüme ausgewählt?

Wie ich es schon seit vielen Jahren tue, habe ich die Bühnenbilder und Kostüme meiner Ballette selbst entworfen. Am Anfang der Vorstellung sieht man ist ein großes Buch, das aufgeschlagen wird, und man liest den Titel „Rot und Schwarz“. Man blättert um und da steht „Julien Sorel“. Gleichzeitig sehen wir den Tänzer, der Julien spielt, im Sägewerk seines Vaters. Ich wollte, dass die Kulissen in schwarz-weiß gehalten sind, wie Buchillustrationen der Zeit, während die Figuren in Farbe sind. Man kann sich vorstellen, dass sie aus dem Buch kommen, um ihre Geschichte zu erzählen, und dass sie am Ende des Balletts in ihr Buch zurückkehren.

Wie hat sich die Coronakrise auf diese Produktion ausgewirkt?

Am Anfang war es kompliziert mit Corona, weil ich per Skype arbeiten musste und ein Ballett per Skype einzustudieren ist unmöglich. Aber ich habe es versucht! Zum Glück können wir jetzt in den Studios des Palais Garnier proben und die Premiere findet in zwei Wochen statt. Es ist wunderbar, dass die Oper trotz dieser schwierigen Zeit das Geld für die Bühnenbilder und Kostüme aufgetrieben hat; das war nicht einfach, denn es ist eine große Produktion. Wir sind alle sehr neugierig und gespannt darauf, wie es sein wird und wie das Publikum dieses Werk aufnehmen wird.

Veröffentlicht am 15.10.2021, von Julia Bührle in Leute

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Kommentare zu ""Ein Ballett per Skype einzustudieren is ..."



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