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Prag

CZECH DANCE PLATFORM 2021

Freude und Erleichterung bei den zahlreichen europäischen Fachbesucher*innen der tschechischen Tanzplattform in Prag, dass es endlich wieder losgeht.



Die erste europäische Plattform seit der deutschen im März 2020 zeigte drei Tage lang ausgewählte Produktionen aus der tschechischen Szene und präsentierte dem Publikum ein vollgepacktes Tanzprogramm.


  • "Hang Out" von Eliška Brtnická
  • "Hang Out" von Eliška Brtnická Foto © Lilith Borchert
  • "And Who Is Useless Now?" von Ondřej Holba
  • "The Lion's Den" von POCKETART / Sabina Bočková & Johana Pocková
  • "The End’s Turnabout" von Michal Záhora Foto © obrat konce v.brtnicky
  • "Roselyne" von Cécile Da Costa
  • Diskussionen und Brunch Foto © Lilith Borchert
  • Diskussionen und Brunch Foto © Lilith Borchert
  • Diskussionen und Brunch Foto © Lilith Borchert

von Lilith Borchert

Es war Freude und Erleichterung zu verspüren bei den zahlreichen europäischen Besucher*innen der tschechischen Tanzplattform in Prag! Nach vielen internationalen Sommerfestivals europaweit fand in der Tschechei nun die erste europäische Plattform für Fachpublikum mit Produktionen aus dem eigenen Land statt. Drei Tage lang zeigte die Plattform ausgewählte Produktionen aus der tschechischen Szene und präsentierte dem Publikum ein vollgepacktes und breites Tanzprogramm. Dabei dominierten kleine Produktionen und es wurden vorwiegend Soli und Duette gezeigt. Gerahmt wurde das Tanzprogramm von Workshops für junge Journalist*innen, sowie von Diskussionsrunden und Artist-Talks. Das herausragend gut organisierte und hilfreiche Team, sowie die liebevolle Rundum-Betreuung der Plattformgäste trug zur erhöhten Stimmung bei.

Bei den meisten Produktionen schwangen (wenn auch nicht immer beabsichtigt) uns allen bekannte Themen der Corona-Krise mit. So spricht Cécile Da Costa etwa in Ihrer Performance „Roselyne“ mit Ihrer Zimmerpflanze. Während sie ihren Platz im Leben in Isolation und zwischen den Sofakissen sucht, versteckt sie sich immer wieder nervös und rastlos hinter ihrer Zimmereinrichtung. „Roselyne“ möchte ihr Gesicht nicht zeigen und am liebsten unsichtbar sein. Viel mehr überträgt sich aber leider auch nicht auf das Publikum.

Die Tänzerin und Artistin Eliška Brtnická wagte mit ihrer Performance „Hang Out“ im wahrsten Sinne des Wortes wesentlich mehr. Auf dem Gelände des DOX+, einer dynamische Kulturplattform im Prager Stadtteil Holešovice tanzt sie übermütig über die hohen Dächer, Schornsteine, steilen Geländer und Treppen des Zentrums für zeitgenössische Kunst, so dass einem schon beim Zusehen schwindelig wird. Raffiniert fesselt Eliška Brtnická dabei nicht nur immer wieder die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen, sondern nimmt diese auch auf eine besonders schöne architektonische Reise durch das Zentrum mit. Die als Audio-Walk konzipierte Performance stellt Fragen nach Reglementierungen im öffentlichen Raum, thematisiert den hohen Stellenwert der Sicherheit in unserer heutigen Gesellschaft und romantisiert gleichzeitig kindliche Naivität, Freiheit und das Abenteuer. Auch hier ist es nicht schwierig den Bezug zu unserer eingeschränkten und reglementieren Corona-Situation herzustellen. Letztlich erinnert die Performance aber auch an Nietzsches Artisten-Metaphysik, dass der Mensch das Dasein als Artist bewältigen muss so wie ein Seiltänzer auch den Absturz mitdenken muss. Sehenswert!

Eine der humorvollsten Produktionen auf der Czech Dance Platoform war “And who is useless now?” von Ondřej Holba. Pardon, mein Fehler! Das Stück ist gar nicht von Ondřej Holba, sondern von Wendy, der künstlichen Intelligenz, die Bach hört, selbst komponiert und über das Konzept von Katharsis nachdenkt. Erst hatte sie Bedenken mit dem jungen Tänzer und Performer Florent Golfier zusammenzuarbeiten, aber am Ende kann sie es genießen und ist froh über die Kooperation. Florent Golfier, Wendy und drei weitere „Roboter“ (sehen aus wie Spielzeuggefährten aus dem Kinderzimmer) reflektieren die Rolle von Technologie in der Kunst, tanzen über die Sim-Card-förmige Bühne des Palác Akropolis Theaters und tragen auf charmante Weise ihre noch nicht etablierten Machtverhältnisse und Vorstellungen partnerschaftlicher und künstlerischer Zusammenarbeit aus. “And who is useless now?” zeigt Roboter von ihrer besonders sympathischen und philanthropischen Seite und der Performer Florent Golfier schafft neben seinem virtuosen Tanz das Publikum zum Lachen zu bringen.

Ästhetisch und musikalisch verzaubert vor allem „The Lion's Den“ von Pocket Art, getanzt von den Tänzerinnen Sabina Bočková und Johana Pocková. Die Choreografie beeindruckt mit Synchronität, fein abgestimmten rhythmischen Akzenten auf elektronische Live-Musik von Lukáš Palán, kontrollierten Isolationsbewegungen und klaren Formen. Trotz der engen Struktur, sowie den strengen grauen Anzüge, die die beiden Tänzerinnen tragen, ist ihr Tanz ungezügelt, ausagierend, pulsierend. Die Höhle des Löwens schwingt: Bouncen, Federn, Shaken sind Teil des Programms. Nebelmaschine, Licht und die sich immer weiter zuspitzende Soundkulisse verleihen dem Abend gegen Ende Kino-Charakter und die beiden Löwinnen verschmelzen in ein unbesiegbares Zwillingspaar.

Ebenso virtuos zeigte sich die Choreografie von „The ends turnabout“ von Michal Zahora, die als einer der wenigen Gruppenchoreografien herausstach. Die Performance beginnt in totaler Dunkelheit. Nur ganz langsam geht das Licht an und wir sehen die fünf Tänzer*innen der Kompanie sich auf dem Boden winden, wie kleine Pflänzchen, die bereit sind aus der Erde zu schlüpfen. Schnell entwickelt sich daraus ein virtuoser Tanzabend mit fließend-dynamischem, harmonischem, ineinandergreifenden und immersiven Tanz, der in den Bann zieht. Soli, Duette und Gruppentänze wechseln sich dabei nahtlos ab. Die Beschreibung des Abends im Programmheft, die auf die Stagnation Europas hinweist, lässt sich mit der äußerst lebendigen Choreografie, nur schwer in Verbindung bringen. Die klassischen Kostüme, sowie die pastorale Musik-Auswahl und die natürlichen Bewegungen á la Isadora Duncan lassen jedoch eine Antiken-Rezeption vermuten. Man kann das Stück so im Sinne einer gesellschafts-historischen Übung verstehen, die Performance als ein europäisches Zusammenleben erfahren, dessen Wurzeln in der abendländischen und christlichen Kultur liegen.

Die Überfülle der präsentierten Produktionen ermöglicht dem Fachpublikum kaum alle Produktionen zu besuchen. So bleibt am Ende zu Recht das Gefühl, die beste Vorstellung vielleicht verpasst zu haben. Dann auf ein nächstes Mal in der reichen Tanzstadt Prag!

Veröffentlicht am 01.10.2021, von Gastbeitrag in Homepage, Gallery, Themen

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Kommentare zu "Czech Dance Platform 2021"



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