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Gießen

DIE GEWALTSPIRALE DURCHBRECHEN

"Elektra" von Tarek Assam am Stadttheater Gießen



Tarek Assam kreiert aus dem Elektra-Stoff mit der Tanzcompagnie Gießen eine atmosphärisch dichte Inszenierung, die ein nachdenklicher Transfer ins Heute ist.


  • Tarek Assam / Tanzcompagnie Gießen: "Elektra" Foto © Rolf K. Wegst
  • Tarek Assam / Tanzcompagnie Gießen "Elektra": Ensemble Foto © Rolf K. Wegst
  • Tarek Assam / Tanzcompagnie Gießen: "Elektra" Foto © Rolf K. Wegst
  • Tarek Assam / Tanzcompagnie Gießen: "Elektra" Foto © Rolf K. Wegst
  • Tarek Assam / Tanzcompagnie Gießen: "Elektra" Foto © Rolf K. Wegst
  • Tarek Assam / Tanzcompagnie Gießen: "Elektra" Foto © Rolf K. Wegst
  • Tarek Assam / Tanzcompagnie Gießen: "Elektra" Foto © Rolf K. Wegst

Es zieht sich wie eine Spur durch Tarek Assams Werk: die Beschäftigung mit ikonischen Figuren der klassischen Literatur. Das beginnt in der Antike, zieht sich über Shakespeare bis Poe. Für das erste große Tanzstück nach dem Corona-Lockdown wählte er Elektra, eine der großen Frauengestalten der griechischen Mythologie. Kaum eine Geschichte hat so viele Literat*innen und Komponist*innen veranlasst, eigene Versionen zu kreieren. Immer kreisend um die Frage: Sind Gewalt und Rache tatsächlich ein unabänderlicher Fluch? Und vor allem: Wie kommt man aus dieser Spirale heraus? Mit der Tanzcompagnie Gießen lotet er die Gefühlslagen aus.

Der rote Faden der Geschichte wird im Tanzstück durchaus erzählt. Der langjährige Trojanische Krieg endet, König Agamemnon kehrt heim. Das Willkommen ist zwiespältig: seine Tochter Elektra freut sich, aber er scheint sie nicht zu kennen, seine Frau Klytämnestra hat einen neuen Partner gefunden und lehnt ihn ab. Sie töten Agamemnon in der intimen Situation des Bades. Das Entsetzen der Tochter ist groß, Elektras Trauer schlägt um in Rachegefühle. Ihr Bruder/Freund Orest unterstützt sie bei dem Doppelmord. Die Folgen sind absehbar: Trauer muss Elektra tragen, wie Eugene O’Neills Bühnenversion überschrieben ist.

Die atmosphärisch dichte Inszenierung wird wesentlich von einer durchgängigen Soundkulisse geprägt. Der Musiker und Komponist Patrick Schimanski kombiniert Geräusche und Stimmfetzen, herkömmliche Musikinstrumente werden kurz angespielt. Der Sound erzeugt eine Grundgefühl, das von Unruhe und Angst geprägt ist, ohne dass die Tanzenden permanent den treibenden Rhythmen folgen. Dennoch ist der Tanz eng verwoben mit der Komposition, Akzente und auffällige Geräusche werden in Bewegungen umgesetzt.

Das Bühnenbild besteht aus einem Halbrund von Metallstangen, die sich bewegen lassen. Sie bilden eine Grenze, die man durchschreiten kann. Auf die man auch heftig einschlagen kann, wie es Elektra am Ende tut. In der Mitte des Bühnenraums befindet sich eine Art kreisrunde Mauer, die bei entsprechender Positionierung der Drehbühne ein Badebecken zeigt. Annett Hunger hat diesen symbolischen Bühnenraum geschaffen. Für die Kostüme transportiert sie antike Gewänder in die Jetztzeit, bringt lang fließende Halbröcke oder weite Hosen mit kurzen Kleidern und raffinierten Oberteilen asymmetrisch zusammen.

Das Licht von Luigi Kovacs markiert die verschiedenen Gefühlsräume: Es produziert eine warme Abenddämmerung, das Blutrot in den Mordszenen und gleißende Kälte beim Aufkommen der Rachegefühle. Eindrücklich sind die Videos von Martin Przybilla. Zu Beginn wird das Publikum mit dem unverwandten Blick der Elektra-Tänzerin Madeleine Salhany vom Bühnenvorhang herab konfrontiert. Gegen Ende bewegt sich ihr Kopf ruckartig hin und her, das Video ist dabei auf die Metallstangen projiziert, was eine zerbrochene Aura suggeriert.

Giovanni Fumarola als Agamemnon gibt den traumatisierten Kriegsveteranen, der von Alpträumen gequält wird, er überzeugt mit großer Sprungkraft und seiner besonderen Art blitzschneller Binnenbewegungen. Magdalena Stoyanova stellt mit ihrer hohen Bühnenpräsenz die Königin Klytemnästra dar, ist herrisch, kühl und abweisend, aber auch verführerisch. Den neuen Mann an ihrer Seite tanzt Floriado Komino. Michael D’Ambrosio gibt den leichtfüßigen Orest, der Elektra beim Doppelmord unterstützt.

Äxte als Symbol der direkten Gewalt tauchen immer wieder auf, zuerst wird damit auf einen Holzklotz geschlagen, dann das verzweifelte Aufbegehren von Elektra, die auch auf den Metallstangenvorhang einschlägt und damit ein laut klirrendes Scheppern hervorruft. Doch sie bleibt allein. Ihr innerer Monolog wird durch einen zusätzlichen kleinen Kreis aus Metallstäben visualisiert. Das gesellschaftliche Leben findet außerhalb statt, wird laut und lebhaft. Eine Chronistin (Chiara Zincone), die bislang in ihr Tablet notierte, wird nun ersetzt von einer Art Bloggerin, die ihr Filmchen mit anderen teilt. Aber niemand hilft Elektra, alle starren nur auf ihre Displays. Ein nachdenklich stimmender Transfer ins Heute.

Veröffentlicht am 27.09.2021, von Dagmar Klein in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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