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Hannover

HARMONIE IN VIELFALT

Anne Nguyens „À mon bel amour“ beim Festival Tanztheater International in Hannover



Anne Nguyen und die Compagnie par Terre zeigten die Deutsche Erstaufführung von „À mon bel amour“, ihrer Ode an die Tanzformenschönheit, die sich allerdings über ihre Schönheit wenig hinausentwickelt.


  • Anne Nguyen & Compagnie par Terre: "À mon bel amour" Foto © Patrick Berger
  • Anne Nguyen & Compagnie par Terre: "À mon bel amour" Foto © Patrick Berger
  • Anne Nguyen & Compagnie par Terre: "À mon bel amour" Foto © Patrick Berger

Schön sind sie schon mal alle: Anne Nguyen bietet für ihr jüngstes Stück „À mon bel amour“, das jetzt beim Festival Tanztheater International in Hannover seine Deutsche Erstaufführung erlebte, drei Tänzerinnen und fünf Tänzer verschiedenster Tanzstile auf. Sie tauchen zunächst als puckernder Pulk aus dem stroboskoplichtdurchblitzten nebligen Dunkel der Orangerie-Bühne auf und entfalten schon bald ihre individuellen Fähigkeiten. Dann schreiten sie in ihrem speziellen Stil nach vorn an die Rampe, lächeln die Zuschauer*innen einzeln an, ein bisschen flirtig sogar, und strahlen selbstbewusst in ihrer Vielfalt.

Das reicht von dem klassisch gestreckten Körper Tom Resseguiers, der mit lupenreinen Entrechats, Pirouetten und Arabesques den hämmernden Rhythmus genauso zu bedienen weiß wie Pascal Luce mit seinen roboterhaften Bewegungen, der als Popping bezeichneten Unterart des Hip-Hop. Der großgewachsene Stéphane Gérard im Schottenrock gibt sich den feminin fließenden Haltungen des Voguing auf dem Laufsteg hin und greift auch mal aus zu den flatternden Armbewegungen der Cheerleader. Arnaud Duprat im Jacket formt stumm Texte oder Schreie, als sei seine Popping-Maschine sprachfähig. Andréa Moufanda bewegt sich mit abgewinkelten Unterschenkeln über den Boden, zeitgenössisch im Ausdruckswillen wie die aufrechte Sibille Planques. Hip-Hopper Fabrice Labrana bedient die Kunststücke seiner Zunft wie Headspin oder Einarm-Waage hier nicht. So bleibt die Gruppe beim gemeinschaftlichen Roboter-Lauf fast homogen, und doch zeigen sich in der Ausführung durch den Balletttänzer oder den Mode-Poser die individuellen Färbungen.

Jeder bekommt sein Solo hier, manchmal gibt es kurze Begegnungen. Die kleine Sonia Bel Hadj Brahim lässt beim Waaking die Finger winken und die Arme wirbeln und wird von Luce überragt, der sie schützend umfängt wie ein großer Bruder. Klassiker Resseguier stößt nach dem Solo mit Duprat zusammen, der ihn freundschaftlich in den Arm nimmt. Sie stecken auch mal alle die Köpfe zusammen wie vorm großen Spiel, werfen die Arme hoch wie zum Hallelujah oder winken Farewell. Und stehen dann wieder jeder für sich über die Bühne verstreut.

Nguyen zeigt aber niemanden im Konflikt mit sich oder den anderen. Und das macht die Stunde Tanzpower dann doch etwas gleichartig. Es ist ja nicht immer so einfach, seinen Stil zu finden, Kurs zu halten, trotzdem achtsam für die anderen und ihre Lebensformen zu sein. Davon erzählt die Choreografin aber nicht. Ihr Bild von der Harmonie in Vielfalt ist weder von innen noch von außen gefährdet, sie hinterfragt die unterschiedlichen Konzepte entgegen der Ankündigung gerade nicht. Keine*r bedrängt sich hier in Konkurrenz. Dadurch ist das Stück bei aller Energie und Schönheit auch etwas spannungslos. Es entwickelt sich nichts. Auch am etwas klanglosen Blackout-Ende sitzen wir wie schon am Anfang begeistert von den schönen Möglichkeiten tänzerischer Selbstgestaltung. Ach wäre die Welt doch Bühne!

Veröffentlicht am 12.09.2021, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2021/2022

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Kommentare zu "Harmonie in Vielfalt"



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