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Gießen

AUSFLUG MIT DIGITALEN EXPERIMENTEN

Das Festival TanzArt ostwest mit dem diesjährigen Auftakt in Gießen



Performances in der Tiefgarage und Video-Projektionen an die Theaterfassade: Das Festival TanzArt ostwest hat in Gießen Bewährtes weitergeführt und Neues ausgetestet.


  • Festival TanzArt ostwest 2021, Theaterfassade Foto © Rolf K. Wegst
  • Festival TanzArt ostwest 2021, Tiefgarage Foto © Dagmar Klein
  • Festival TanzArt ostwest 2021, Tiefgarage Foto © Rolf K. Wegst
  • Festival TanzArt ostwest 2021, Theaterfassade Foto © Dagmar Klein
  • Festival TanzArt ostwest 2021, Rathaus-Fassade Foto © Rolf K. Wegst

Zweimal musste das Festifal TanzArt ostwest in Gießen abgesagt werden, wie überall wegen des Corona-Lockdowns. Die „entbehrungsreiche Zeit für uns Tanzfreundinnen und -freunde“, so die Gießener Oberbürgermeisterin und Kulturdezernentin Dietlind Grabe-Bolz, fand am vergangenen Wochenende ein Ende, Dank des „hartnäckigen Engagements“ von Ballettdirektor Tarek Assam, wie sie sagte. Er hat das TanzArt ostwest-Festival einst mit ins Leben gerufen und organisiert es seit seiner ersten Spielzeit 2002/03 in Gießen.

Es war eine Mischung aus Live-Performances in der Tiefgarage des Rathauses, Video-Mapping auf die Theaterfassade und Filmprojektionen auf eine riesige LED-Wand, die auf dem Rathaus-Vorplatz stand. Ermöglicht wurde die aufwendige Veranstaltung durch das Corona-Kulturförderprogramm des Landes Hessen; beantragt hatten die Stadt und das Stadttheater gemeinsam. Assam stellte ein Team von Solo-Selbstständigen zusammen, mit denen er gemeinsam die „Gießener Auftritte“ organisierte, die in fünf Kulturpaketen an den Wochenenden noch bis Ende September laufen. Gezeigt werden dann Videoarbeiten von diversen Künstlerinnen und Künstlern aus Gießen und dem Umland, auch weitere zum Tanz.

Zwar hat der mittelhessische Sommer nicht gut mitgespielt, aber es war ein erster Schritt zurück ins kulturelle Leben mit einem Hauch von Normalität. Die Tiefgarage des Rathauses war bereits beim letzten TanzArt-Festival 2019 Austragungsort für die Reihe Overlab, bei der Studierende der Theaterwissenschaft in Gießen und Frankfurt ihre Arbeiten vorstellten. Selbst die Neonröhren und die ausfahrenden Autos störten die Vorstellungen kaum.
Zur Eröffnung am Donnerstag zeigten Profis neue Arbeiten. Zuerst gab es eine faszinierende Hommage an den Jazztrompeter und Komponisten Miles Davis, dargeboten von dem Tänzer und Choreografen Tschekpo Dan Agbetou (Bielefeld). Tänzerisch elegant und leichtfüßig hat er eine neue Form des Erlebens von Jazz-Musik geschaffen. Er lässt Miles Davis auf der Bühne wiedererstehen über Ton und Pantomime, am Ende singt er einen berührenden Trauersong mit Kopfstimme. Das zweite Stück steuerte Irene Kalbusch (Eupen) bei, langjährige Kooperateurin des TanzArt-Netzwerks: Das Tanz-Duo Gold Mayanga und Nona Munnix zeigten die vorsichtige Begegnung von zwei erschöpften oder enttäuschten Menschen. Am späten Abend ging es vor dem Stadttheater weiter: mit einem Live-Auftritt der Tanzcompagnie Gießen (TCG) auf der Theateraußentreppe und anschließendem Video-Mapping auf der Fassade des Jugendstil-Gebäudes. Zu sehen waren Soli, die jedes TCG-Mitglied in der Corona-Zeit für sich kreiert hat.

Von Freitag bis Sonntag waren auf der großen LED-Wand Tanzfilme zu sehen, in großartiger Qualität und Brillanz. Zu erleben waren Filmbeiträge von TanzArt-ostwest-Partnern aus Deutschland, Europa und China. Die meisten Beiträge waren eigens für das Festival in Gießen produziert worden, worauf einige Beteiligte in ihrer Anmoderation hinwiesen.
Am Freitagabend bezauberte die Akademie-Abschlussgruppe aus Llubliana/Slowenien (Mentorin Rosanna Hribar). Das Skopje Dance Theater aus Nordmazedonien beeindruckte mit einem Ensemblestück, das durch hautfarbene Kostüme und rhythmischen Trommelsound sehr ursprünglich wirkte. Emotional ernste Themen berührten Marie Goeminne Dans (Amsterdam) mit dem Beitrag über das Trauern und Dans.Klas (Wien) mit dem Wunsch nach Berührung. Einstige Gastchoreografen schickten Kurzfilme: Lucyna Zwolinska (Polen) ein Solo im Kornfeld, Tiago Manquinho ein Stück mit seiner Gruppe actOn.

Der Samstag stand auf dem Berliner Platz unter dem Motto „EAST MEETS WEST“, wozu auch ein Ausschnitt aus der TCG-Produktion „CROSS!“ (2018) gehörte, bei der Artisten aus Shenzhen/China mitgewirkt hatten. Von der Shenzhen Arts School war ein eigens produzierter Film zu sehen, der neoklassisches Ballett zeigte, choreografiert von Direktor Huang Quicheng. Vom Theater St. Gallen kam ein tänzerischer Parcours durch den dortigen Theaterbau, der, im Stil des Brutalismus erbaut, mittlerweile denkmalgeschützt ist. Die perfekte Schwarz-Weiß-Ästhetik schien inspiriert von Architekturfotografie (Choreografie: Kinsun Chan).
Steffen Fuchs, Ballettdirektor am Theater Koblenz, schickte einen Gruß nach Gießen, bevor Mitglieder seiner Compagnie zu Bachs Goldberg-Variationen tanzten. Ebenso übermittelte Annett Göhre, Ballettdirektorin am Theater Plauen-Zwickau, einen Gruß nach Gießen, bevor ein Ausschnitt aus dem Handlungsballett „Die Geschichte vom Soldaten“ zu sehen war. Politisch Stellung bezog Gregor Zöllig, Leiter des Tanztheaters Braunschweig, der die Erfahrung von Isolation und Solidarität während des Corona-Lockdowns thematisierte. Weitere Beiträge kamen von Ariadni und Ifgenia Toumpeki (Zypern), von Roberto Scafati mit der Tanzakademie-Klasse Rom, dem Ballett des Theater Hagen, aus Ulm und Bremerhaven.

Am Sonntag war der Fokus auf Menschen im Lockdown gerichtet. Es waren fast intime Momente, die dort aufschienen, eingehüllt in die Dunkelheit des regenfreien Abends. Alle Projekte waren durch Stipendien aus der Corona-Zeit unterstützt worden. Der Gießener Theaterfotograf Rolf K. Wegst hatte gleich zu Beginn im Blick, wie „Vom Lockdown zurück zur Normalität“ aussehen könnte. Er fotografierte die Mitglieder der Tanzcompagnie Gießen bei den Proben und bat sie darum, einige Fragen zu beantworten: Welchen Einfluss hat der Lockdown auf dein Leben? Fehlt dir der Kontakt zum Publikum, zu den Kollegen? Welche Erfahrungen nimmst du mit aus dieser Zeit? Die Foto-Slide-Show, bestehend aus Fotos plus Texten, ist auf youtube abrufbar. Es folgte „Ascent“ vom Spellbound Contemporary Ballet aus Italien (Choreografie: Mauro Astolfi) und „Dodging“ der Boys* in Sync, die das Eingesperrtsein in ein Zimmer locker nehmen und experimentieren. Die Stimmung bei Max Levis hingegen ist traurig; die Begegnung zweier Männer in karger Landschaft führt offenbar zum Zusammenbruch.

Der künstlerische Leiter Tarek Assam zog ein erstes Resümee: „Wir sind froh, dass das erste Wochenende der Gießener Auftritte wie geplant stattfinden konnte und es keine kurzfristigen Einschränkungen wegen steigender Inzidenzzahlen gab. Wir hoffen auf besseres Wetter für die kommenden September-Wochenenden. Bei den TanzArt-Netzwerk-Partnerinnen und Partnern bedanke ich mich, dass sie sich auf das Experiment eingelassen haben, soviel Arbeit und Zuneigung in die für Gießen erstellten Videos gesetzt haben. Insgesamt haben wir mit dem digitalen Festival für Gießen Neuland betreten, müssen sicher an einigen Stellen nachjustieren. Wir vom Planungsteam fühlen uns wie Pioniere und Entdecker.“

Veröffentlicht am 01.09.2021, von Dagmar Klein in Homepage, Gallery

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