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München

NÄHE DURCH DIS-TANZ

Zehnjähriges Jubiläum des „Bayerischen Junior Balletts München“



Ein Rückblick auf die „Digitale Spielzeit 2021“: Mit drei kontrastreichen Programmen, einer Vernissage und jeder Menge Engagements kann die Kompanie eine erfolgreiche Bilanz ziehen.


  • Bayerisches Junior Ballett München, Ensemble Foto © Albe Hamiti

Es sollte eine fulminante Spielzeit werden mit Live-Vorstellungen und viel Publikum zum zehnjährigen Jubiläum des „Bayerischen Junior Ballett München“. Doch die Umstände ließen dies nicht zu. Stattdessen: Licht aus, in den 100-jährigen Dornröschenschlaf fallen und Dornen wachsen lassen? Nein, das war keine Option. Kreativität war und ist mehr denn je gefragt. Andere Präsentationsformate mussten her: Die digitale Technik hat auch hier Einzug gehalten und das „Bayerische Junior Ballett München“ hat sie in dieser überaus entbehrungsreichen Zeit bestmöglich genutzt. Zu Wort in Bild und Ton kam das Junior Ballett in den drei in der Muffathalle produzierten Filmen mit ihren kontrastreichen Programmen, in die Ivan Liška einführte.

Programm 1: 2.6.21: „When she knew“ (Caroline Finn)
Programm 2: 1.7.21: „Ballet 102“ (Eric Gauthier) und „Im Wald“ (Xing Peng Wang)
Programm 3: 1.8.21: „Petite Corde“ (Marek Svobotník) und „The New 45“ (Richard Siegal)

Mit diesen drei unterschiedlichen Programmen, die in den Monaten Juni, Juli und August gezeigt wurden, begeisterte das Ensemble auf der digitalen Bühne. Die Idee, die menschliche Seite der Tänzer*innen aufzuzeigen, ist naheliegend wie bestechend. Entsprechend hat die Modefotografin Albe Hamiti diesen Faden aufgenommen. Zu bewundern sind neben einem Gesamtbild des Ensembles Einzelporträts der Ensemblemitglieder, die diese als Menschen in ihrem jeweiligen Gemütszustand zeigen.

Der Blick hinter die Kulissen ermöglichte nicht nur, den Künstler*innen bei den Proben des jeweiligen Programms über die Schulter zu schauen, er gewährte auch Einblicke in die berufliche Ausbildung und den Lebensalltag der jungen Tänzer*innen. Zum Verständnis ihrer künstlerischen Arbeit, erläuterte bspw. die britische Choreografin Carolin Finn ihr Procedere, ihre Schwerpunkte und ihre Ziele für ihr Werk „When she knew…“ Das Thema Menschlichkeit und Natürlichkeit scheinen hier die Hauptrolle zu spielen. Die Choreografin ermutigt, ja fordert geradezu Authentizität und Natürlichkeit vom Ensemble, will bedeutet, den klassisch ausgebildeten Tänzer wie ein Kostüm oder Mantel abzulegen: Immer wieder fordert Finn die Tänzer*innen auf: „Don’t be a dancer!“

Zwölf der insgesamt 16 Mitglieder bringen dieses stimmungsvolle Bewegungstheater auf die Bühne, das einer strengen Struktur folgt. In Szene gesetzt wird das weltliche, galizische Volkslied „Alalà“ für griechische Lyra, musikalisch rekonstruiert von Jordi Savall. Die Tänzer*innen folgen dem musikalischen Wechselspiel zwischen Gruppen und Solisten, wiederkehrenden Stilelementen, sowie dem kanonartigen Gefüge. Bevor die „übermütige Ausgelassenheit“, die „Folia“ erklingt, einem feurig-schnellen Tanz, ebenfalls rekonstruiert von Jordi Savall, geben sich die Tänzer*innen den hochdramatischen, geistlichen Klängen von Vivaldis Klagegesängen der betrübten Töchter Jerusalems „Filiae Maestae Jerusalem“ hin. Carolin Finn gelingt es, die völlige Hingabe sichtbar zu machen.

Die Kreation „When she knew...“ lebt vom Widerstreit der inneren und äußeren Wahrnehmung, die von der Protagonistin Olivia Swintek und ihrer zweiten Identität Lotte James überzeugend mit dem sensibel agierenden Ensemble dargeboten wird. Abgestimmt auf die Tiefgründigkeit dieses Werkes sind die gedeckt gehaltenen Farben und die dezente Beleuchtung. Inspiriert zu ihrer Kreation wurde die Choreografin von einem Zitat aus Milan Kunderas „Das Buch der lächerlichen Liebe“: Darin zeigt der Autor auf, die eigene Unfähigkeit, Erlebtes in die Gegenwart einzuordnen.

Mit dem 2. Programm der Digitalen Spielzeit kommen ebenfalls zwei kontrastreiche Werke zur Aufführung, das humorvolle „Ballett 102“ von Erik Gautier und die mystisch-sinnliche Kreation „Im Wald“ von Xin Pen Wang.

Das „Ballet 102“, eine Parodie auf die 102 Positionen des klassischen Pas de Deux, ist daher weit mehr als nur eine gefällige Erfrischung. Der Choreograf selbst zählt und sagt die Positionen vor einer Geräuschkulisse an, um später die Positionen neu zu kombinieren. So weit, so gut, so langweilig? Keinesfalls: Unterhaltsam, spritzig und flink nehmen die Protagonistinnen Phoebe Schembri und Helian Potié diese Positionen ein. „Nichts leichter als das“, könnte man meinen beim Anblick dieses in schlichtem schwarzweißem Probentrikot gekleideten Tanzpaares. Doch weit gefehlt: In atemberaubender Schnelligkeit gelingt es den beiden, komplizierte Kombinationen präzise und mit sprühendem Witz meisterhaft umzusetzen. Es sind frei erfundene Positionen und Figuren, die frappierende Ähnlichkeiten zu denen der klassischen Balletten aufweisen und schmunzeln lassen: Petipa, Nijinsky, Cranko, Neumeier und Bigonzetti, denen dieses Werk gewidmet ist, wären sicherlich hingerissen von der Darbietung.

Szenenwechsel: Von der Klassik zurück zu den Wurzeln, zur Natur ist es nur ein kleiner Schritt, wie uns die sieben Tänzer in Xi Peng Wangs Choreografie „Im Wald“ eindrucksvoll vor Augen führen. Der Zuschauer wird in eine Waldwelt entführt nach fernöstlich angehauchter Musik, in der das tibetanische Weltbild der fünf Elemente wie Feuer, Wasser, Luft, Erde, Wind reflektiert wird, komponiert von der jungen Französin Camille Pépin. Es ist ein zutiefst metaphorisches, ausdrucksstarkes Werk, dem die Tänzer hier in hohem Maße gerecht werden – ein Mix aus Flora und Fauna. Die jungen Männer bewegen sich barfuß mal allein, mal in der Gruppe, mal spiegelverkehrt, mal synchron auf der Bühne. Sie können sich z.B. wie ein Baum fühlen, sich in Fauna und Flora verwandeln und über das Menschliche hinaustreten, um das Animalische und Ursprüngliche zu ergründen.

Mit zwei schwungvollen Werken verabschiedet sich die Kompanie aus der Digitalen Spielzeit 2020/21, der „Petite Corde“, einer Hommage an Jiří Kylián, und dem jazzigen Stück „The new 45“.

Großes Vorbild für Svobotníks „Petite Corde“ ist Jiří Kyliáns „Petite Mort“ („kleiner Tod“). Mit „Petite Corde“ erfüllte sich der tschechische Tänzer und Choreograf Marek Svobodník seinen Traum, ein Werk von Kylián zu tanzen. Herausgekommen ist mit „Petite Corde“ ein munteres, humoriges Werk, mit dem (sich) Svobodník) (s)eine Kreation à la Kylían schuf. Die pfiffige und witzige Choreografie, die nicht nur dem Temperament der Jugend entgegenkommt, hat sich weit über das jugendliche Publikum hinaus in die Herzen gespielt. So werden hier Requisiten plötzlich lebendig und Martini-Gläser werden beinahe zu Fußangeln: Zwischen die Zehen sind die Gläser eingeklemmt und verlangen den Tänzer*innen extreme Fußakrobatik ab.

Zu mozartlichen, perlenden Klavierklängen wird Sekt auf Rädern gereicht, wenn die Kellnerin in eleganter Manier auf Rollschuhen kurvt und mit der Champagnerflasche in der Hand ‚comme il faut’ die Gäste bewirtet. Partystimmung kommt endgültig auf, wenn sich die rot-schwarzen Umhänge zu Röcken oder Minikleidern verwandeln – zur gegenseitigen Ver- oder auch Vorführung? Dem Einen oder Anderen mag das spanisch vorkommen, kein Wunder: Schließlich sind es die Farben rot und schwarz, die Torerohosen, das südländische Feuer und die überschäumende Tanzwut, die diese Assoziationen wecken und den berühmten Funken überspringen lassen.

In diesem breiten Spektrum, das die junge Kompanie zu bieten hat, darf der Jazz nicht fehlen, daher Bühne frei für Richard Siegels Choreografie „The New 45“. Bei der Wahl des Titels spielt der Choreograf auf die kleinen Schallplatten mit den 45 Umdrehungen pro Minute an – eine runde Sache, auch die tänzerische Interpretation, die zum Mitswingen einlädt.

Nach Klassikern von Oscar Peterson, Clark, Terry, Harry Belafonte und Benny Goodman geht das Tanzen wie von selbst und genau so ist es auch gemeint. Das Werk gilt auch als eine Art Befreiungsschlag gegen „die intellektuelle“ Auseinandersetzung“ und wie Siegal einmal selbst gesagt hat, wollte er etwas „Leichtes schaffen“. Die locker sitzenden ‚Klamotten‘, um es lakonisch zu formulieren und die scheinbare Leichtigkeit täuschen nicht über die geforderte Körperbeherrschung und Musikalität hinweg. Sind es doch die Schwierigkeiten wie Drehungen, Sprünge und akrobatische Elemente, die hier wie selbstverständlich zu bewältigen sind. Normalerweise brandet hier Applaus auf als Lob und Anerkennung.

Lob und Anerkennung verdient auch die künstlerische Arbeit insgesamt. Denn ohne sie wäre der Eintritt ins Berufsleben undenkbar. Die enge Zusammenarbeit mit ausgewählten Choreograf*innen – wie hier Caroline Finn und das breite künstlerische Spektrum, dessen Resultate wir in den verschiedenen Vorstellungen erleben durften, bilden die optimalen Voraussetzungen für eine professionelle Karriere. Nicht zuletzt wirkt sich das von gegenseitigem Respekt geprägte Miteinander positiv auf die mentale Stabilität der Tänzer*innen aus. Dass die Absolvent*innen dieser Junior Company begehrt sind, hat sich auch dieses Mal trotz Corona gezeigt. Für viele beginnt nach dieser zweijährigen Ausbildungszeit der Eintritt ins Berufsleben – mit im Gepäck für die Zukunft: Impuls, Attacke, Leidenschaft, Energie und Rhythmus, wie Ivan Liška es formuliert.

Veröffentlicht am 22.08.2021, von Sabine Kippenberg in Homepage, Kritiken 2020/2021

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