HOMEPAGE



Berlin

AUF ENTDECKUNGSREISE

Tanz im August in Berlin: „Postcolonial Spirits“ und „CosmicWander“ von Choy Ka Fai



Der multidimensionale One-Man-Show "Postcolonial Spirits" gelingt die Entfaltung seiner potenziellen Brisanz nicht vollständig, während die Ausstellung "CosmicWander" des Berliner Künstlers aus Singapur zu einer beeindruckenden Entdeckungsreise einlädt.


  • Tanz im August - Postcolonial Spirits von Choy Ka Fai
  • Tanz im August 2021 - Ausstellung Choy Ka Fai Foto © Dajana Lothert
  • Tanz im August - Postcolonial Spirits von Choy Ka Fai Foto © Dajana Lothert
  • Tanz im August 2021 - Ausstellung Choy Ka Rai Foto © Dajana Lottert
  • Tanz im August 2021 - Postcolonial Spirits von Choy Ka Fai Foto © Dajana Lothert

„You are invited to expand yourself“ steht auf dem Fläschchen, das jeder Besucher, jede Besucherin vor der Vorstellung erhält. Nein, nichts Geistiges; die Ingredienzien – Kurkuma, Ingwer, Galgantwurzel, Palmzucker, Zitronengras, Limetten, Tamarinde, vermischt mit etwas Kokoswasser – lassen keine Halluzinationen aufkommen, und auch die „übersinnliche Präsenz“ von Raden Mas Sosro, die das Programmheft verheißt, ist ohne ein geschultes Sensorium kaum wirksam. Kurz: die „Postcolonial Spirits“, von Choy Ka Fai im Rahmen von „Tanz im August“ im Berliner Hebbeltheater angekündigt, manifestieren sich eher auf gewohnt theatrale Weise: als One-Man-Show von Vincent Riebeek, als Telepräsenz mit dem zwischenzeitlich aus Singapur zugeschalteten Dolalak-Interpreten Andri Kurniawan sowie diversen historischen Film- und Fotoeinblendungen. Alles immer wieder moderiert von dem multidisziplinären Kunstwerker selbst, der sich hier sowohl für Konzept als auch für Dokumentation, Erzählung und Regie verantwortlich zeigt.

Obwohl Choy seit langem in Berlin lebt, ist ihm Singapur nach wie vor nahe. Alle seine Projekte, selbst die Lecture Performance „Nation: Dance Fiction“ vor genau zehn Jahren, kreisen letztlich um Grenzerfahrungen – und der Dolalak-Tanz seiner Heimat eignet sich dafür in ganz besonders. Schon im Kostüm lässt er koloniale Einflüsse erkennen. Das Langarm-Shirt-Modell mitsamt seinen Epauletten erinnert an die Uniformen niederländischer Soldaten, wird aber mit bunten Fäden bestickt und quastenhaft „entfremdet“. Den Schal, auf Java als traditionell um die Taille gebunden, kennt man auch aus anderen Zusammenhängen. Sonnenbrille, Schiebermütze und Socken geben dem Outfit allerdings ein popartiges Aussehen, zu dem auch das choreografische Material gut passt. Manche Bewegungen lassen an Martial Arts denken. Die schüttelnden Schulter- und Hüftbewegungen dienen indes ganz offensichtlich als Mittel der Trance, in die einzelne Tänzer immer wieder verfallen.

Vincent Riebeek, den man vor allem als Partner von Florentina Holzinger kennt, zeigt sich am Ende als versierter Dolalak-Interpret, und seine Auseinandersetzung damit ist insofern auch schlüssig, als der Niederländer die eigenen Vorfahren zu eben jenen Kolonial-Klientel zählt, von denen an diesem Abend immer wieder die Rede ist. Das gibt seiner Deutung einen Hintergrund, den man sich noch konziser gewünscht hätte. Allzu sprunghaft erweist sich davor ein Solo-Einsprengsel aus dem Ballett „Scheherazade“ von Michail Fokine, dem sich per Stream noch Andri Kurniawan als androgyne Zobeide zugesellt: ein Clash der Kulturen, der eigentlich genug Sprengkraft birgt, hier aber nicht wirklich Brisanz besitzt. Vieles bleibt an diesem Abend in einer glamourösen Beliebigkeit befangen.

Ungleich eindrucksvoller ist die „Entdeckungsreise“ in unterschiedliche Bewusstseinszustände, die Choy Ka Foi unter dem Titel „CosmicWander: Expedition“ im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst unternimmt: eine Geister-Schau, bei der es einem ganz physisch die Schuhe auszieht, sofern man sich nicht ohnehin barfüßig auf das bebende Plateau wagt. Umringt wird es von einer 6-Kanal-Videoinstallation, in der Choy per Motion-Capture einen Homunkulus in Beziehung setzt zu ganz verschiedenen Elementen. Eins der fünf Kapitel ist auch den „postkolonialen Geistern“ gewidmet und damit auch dem Dolalak – erlebbar gemacht in überaus intensiven Bildern und nachwirkenden Klängen. Und das noch bis zum 22. August.

Veröffentlicht am 17.08.2021, von Hartmut Regitz in Homepage, Kritiken 2020/2021

Dieser Artikel wurde 1020 mal angesehen.



Kommentare zu "Auf Entdeckungsreise"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    "KÜNSTLERISCHE ÖKOSYSTEME"

    Saburo Teshigawara wird von der Biennale Venedig mit dem Goldenen Löwen für das Lebenswerk ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 13.01.2022, von tanznetz.de Redaktion


    ERSTE FRAU AN DER SPITZE

    Das San Francisco Ballet ernennt Tamara Rojo zur künstlerischen Leiterin
    Veröffentlicht am 12.01.2022, von tanznetz.de Redaktion


    VORSCHLÄGE GESUCHT

    Auslobung Deutscher Tanzpreis 2022
    Veröffentlicht am 04.01.2022, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MERCE CUNNINGHAM CENTENNIAL

    Merce Cunningham Centennial heißt ein dem großen Choreographen gewidmeter Tanzabend, der am Freitag, 21.1. und am Samstag, 22.1.2022, jeweils um 19.30 Uhr auf den Pfalzbau Bühnen gastiert.

    Der 2009 im Alter von 90 Jahren verstorbene Tänzer und Choreograph Merce Cunningham war Teil der amerikanischen Tanzavantgarde, die die Aufbruchstimmung des modernen Amerika widerspiegelt.

    Veröffentlicht am 11.01.2022, von Anzeige

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    EIN KLASSIKER, NEU INTERPRETIERT

    „Dornröschen“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 22.12.2021, von Annette Bopp


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    WENN DIE TANZZUKUNFT WINKT

    Zur Silvesterpremiere des Tanzabends „Rising“ im Nationaltheater Mannheim

    Veröffentlicht am 02.01.2022, von Isabelle von Neumann-Cosel



    BEI UNS IM SHOP