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Berlin

BAROCK BERLIN

“An Evening-length Performance” von James Batchelor and Collaborators bei Tanz im August



Der australische Choreograf James Batchelor schafft Harmonie in der Verbindung von barockem und zeitgenössischen Tanz.


  • James Batchelor "An Evening-length Performance": George Hampton-Wale (l) & Jacqueline Trapp (r) Foto © Dieter Hartwig
  • James Batchelor "An Evening-length Performance": Jacqueline Trapp (l) & James Batchelor (r) Foto © Dieter Hartwig
  • James Batchelor "An Evening-length Performance": James Batchelor Foto © Dieter Hartwig
  • James Batchelor: "An Evening-length Performance": Giorgia Ohanesian Nardin , Jacqueline Trapp , James Batchelor & George Hampton-Wale (v.l.n.r.) Foto © Dieter Hartwg
  • James Batchelor "An Evening-length Performance": Jacqueline Trapp , George Hampton-Wale , James Batchelor & Giorgia Ohanesian Nardin (v.l.n.r.) Foto © Dieter Hartwig
  • James Batchelor "An Evening-length Performance": Jacqueline Trapp (l) & George Hampton-Wale (r) Foto © Dieter Hartwig
  • James Batchelor "An Evening-length Performance": Jacqueline Trapp (l) & James Batchelor (r) Foto © Dieter Hartwig

von Lilith Borchert

Vier Tänzer*innen stehen im Festsaal der Sophiensaele. Sie sehen sich um, inspizieren mit langsamen Kopfbewegungen und erhabenem Blick das Publikum um sich herum. Manchmal wird mit einer Person aus dem Publikum Augenkontakt gesucht und dann gehalten. Die neonfarbenen Accessoires der Tänzer*innen hätte es nicht gebraucht – man kann gar nicht weggucken. Es geht hier um Sehen und Gesehenwerden.
Die Tänzer*innen tragen Tanktops aus Netzstoff, Trainingshosen, Basketballshirts, leuchtende Socken, oversized in Nylon und Polyester. Die Berliner Szene blitzt durch.

An ihren Armen ist eine Art Puffärmel aus Kunststoff aufgerafft. Sie verlängern den Arm ab kurz über dem Ellbogen nach unten und weiten sich in Richtung Hände aus. Die Ärmel stellen sich im Laufe der Performance als besonders raffiniert gewähltes Kostüm (George Hampton-Wale) heraus. Je nach Bewegung, Haltung und Rhythmus erzeugen sie Assoziationen: lange Röcke, schwingende Gewänder, Flügel, Handschuhe und nehmen uns in verschiedene Atmosphären und Epochen mit. Dabei unterstützen sie die Bewegungsqualität der unterschiedlichen Schritte. Die Ärmel schwingen mit, erweitern die Linien der Arme zu geometrischen Formen, machen die Abstände zwischen den Tanzpaaren präsent, zeigen Raumrichtungen an.

Der Tanz verwebt hier auf intelligente und subtile Weise höfisch-barockes Schrittmaterial mit Bewegungen, die uns aus dem zeitgenössischen Tanz, dem Gesellschaftstanz oder dem Ballett bekannt sind. So flechtet sich hier und da ein Hüftschwung ein, Wiegeschritte, Chassé und Walzer werden nach und nach immer größer, ausladender, individueller. Ist das die Entwicklung der Tanzgeschichte in wenigen Minuten?
Jeder tanzt für sich, alle tanzen zusammen. Man hat das Gefühl die vier Tänzer*innen erforschen gemeinsam das Potenzial des barocken Materials um des Tanzes willen - Repräsentation, Prestige und Inszenierung spielt hier keine Rolle.

Alle zeigen sich dabei gleichwertig, individuell und natürlich. Das schließt sich mit dem höfischen Schrittmaterial nicht aus, so beweist es der Abend von vorne bis hinten. Denn es gibt in James Batchelors Hoftanz keine Trennung von Geschlechterrollen, keine künstlichen Gesten, keine bürgerlichen Normen.
Besonders schön an „An Evening-length Performance“ ist: Der Abend spaltet nicht, sondern findet Harmonie. Er macht sowohl den barocken Tanz als auch Bewegungen des aktuellen Zeitgeistes stark. Und auf einmal scheint der höfische Tanz ganz nah. Und nicht nur das, sondern sogar ziemlich zeitgemäß und progressiv.

Veröffentlicht am 15.08.2021, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2020/2021

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