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Berlin

ZWISCHEN SPÄTI UND ZAUBERWALD

"Stages of Crisis" von Constanza Macras/DorkyPark bei Tanz im August



Ist das das Theatertreffen? Nein, wir sind in einem Märchen gelandet, das uns unsere absurde Realität vor Augen hält.


  • "Stages of the Crisis" von Constanza Macras bei Tanz im August in Berlin Foto © Thomas Aurin
  • "Stages of Crisis" von Constanza Macras Foto © Thomas Aurin
  • "Stages of the Crisis" von Constanza Macras bei Tanz im August in Berlin Foto © Thomas Aurin

von Lilith Borchert

Ein Tänzer, der eben noch nackt war, steht in einem funkelnden Glitzerkleid auf der Bühne. „Ist das das Theatertreffen?“ fragt er das Tanz im August-Publikum, das sich so langsam auf den Plätzen der Freilichtbühne in den Gärten der Welt eingefunden hat.
Nein. Das hier ist die Veranstaltung der Übriggebliebenen. Das Theater ist ausgestorben, es existiert nicht mehr. „Es war einmal“ und wenn du Theater sehen möchtest, dann musst du heimlich in den Wald gehen. Denn nur noch dort treffen sich ein paar Theaterenthusiasten, um zu tanzen. Oder man geht eben in die Gärten der Welt in Berlin-Marzahn. Und jetzt fragt sich das Berliner Tanzpublikum gemeinsam mit den Tänzer*innen von DorkyPark: Sitzen wir zusammen in der Arche Noah oder in der sinkenden Titanic? Welche Zukunft hat das Theater?

Liegt die Zukunft im Digitalen? Der schlaue Fuchs in Constanza Macras Märchen erklärt dem Protagonisten, „dem Jazz-Teacher“, er würde Paris überhaupt nicht mehr verlassen. Er würde nicht mehr fliegen müssen und dies wirke sich natürlich sehr gut auf seinen CO2-Fußabdruck ab. (Wir denken an Jérôme Bel). Auch die sieben Zwerge sind zu ECO-Aktivisten geworden. Sie treffen sich gegen Lebensmittelverschwendung im Hinterhof bei der Bio-Company, um Essensreste aus der Mülltonne zu fischen. Schneewittchen jedoch geht es leider gar nicht gut. Sie ist verschuldet, kokst zu viel und nimmt Antidepressiva. Dabei träumte sie doch nur von einer Vier-Zimmer-Wohnung und Brust-Implantaten. But „there is still hope!” Und: Irgendwann laufen wir zusammen, weil uns einfach nichts mehr halten kann. Durch den Monsuuuun.

Auf eine gute Fee oder Robin Hood für alle armen Jazz-Teacher und verlorenen Schneewittchens dieser Welt lässt sich warten. Für den Jazz-Teacher gibt es trotzdem ein gutes Ende. Er braucht nämlich keine gute Fee und ernennt sich später einfach selbst zum Intendanten des Staatstheaters und obendrein zum neuen König des Königreiches. Wieder gelingt es Constanza Macras auf witzige Weise Zustände – hier den Theaterbetrieb und dessen hierarchische Strukturen - zu kommentieren.

„Stage of Crisis“ kreiert fließend bildstarke Atmosphären, die irgendwo zwischen Berliner Späti und Zauberwald stehen. Macras nimmt das Publikum dabei eineinhalb Stunden in eine scheinbare Märchenlandschaft mit, die sich immer mehr als die eigene Realität entpuppt. Denn das ist nicht das Theatertreffen. Das hier ist unsere, uns doch sehr vertraute Realität, gezeichnet von Kapitalismus, Wirtschaftskrisen, Patriarchat, Klimawandel, Ausbeutung und leeren Supermarktregalen. Pasta und Selfies sind auch dabei.

Der Tanz ist das ganze Stück über kraftvoll, virtuos, lebendig. Das Spektrum ist dabei unglaublich vielfältig: Mal sieht man die Tänzer*innen sich prunkvoll in Glitzer über die Bühne drehen, dann in märchenhaften Gewändern höfisch über die Bühne schreiten, später animalisch übereinander herfallen, sich zombieartig durch die leeren Supermärkte bewegen, twerken, shaken oder Gymnastik machen.
Besonders präsent wird der Tanz gegen Ende. Die Tänzer*innen von DorkyPark laufen zwar nicht gemeinsam durch den Monsun in ein Happy End, aber sie tanzen im Einklang, berühren sich, finden zueinander.
Die „Stage of Crisis“ ist humorvoll, klug, spielerisch - und vor allem hat sie es geschafft, altbekannte Themen auf neuartige und amüsante Weise zu präsentieren. Ein Besuch heute Abend noch lohnt sich!

Veröffentlicht am 14.08.2021, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Zwischen Späti und Zauberwald"



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