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Berlin

REIZÜBERFLUTUNG

Ayelen Parolin eröffnet mit „WEG“ das diesjährige Festival von Tanz im August in Berlin



Endlich wieder Tanz aus der Bühne! Ein verrückter, unterhaltsamer, wilder und bunter Abend, der Freude macht auf das, was in den nächsten zwei Wochen in Berlin zu sehen sein wird.


  • "WEG" von Ayelen Parolin; Daan Jaartsveld (v) Foto © Dieter Hartwig
  • "WEG" von Ayelen Parolin; Julie Bougard, Daniel Barkan, Dan Mussett, Baptiste Cazaux & Piet Defrancq (v.l.n.r.) Foto © Dieter Hartwig
  • "WEG" von Ayelen Parolin; Daan Jaartsveld(l) & Daniel Barkan (r) Foto © Dieter Hartwig
  • "WEG" von Ayelen Parolin; Daniel Barkan, Dan Mussett, Jeanne Colin, Daan Jaartsveld, Baptiste Cazaux, Piet Defrancq & Julie Bougard (v.l.n.r.) Foto © Dieter Hartwig
  • "WEG" von Ayelen Parolin; Jeanne Colin (l) & Baptiste Cazaux (r) Foto © Dieter Hartwig

CD-Hüllen werden am Klavier zerschlagen, dazu neun Körper, die sich in schillernden Kostümen zu den knallenden Klängen wild bewegen. Mal erstrahlt der Raum in Weiß, mal in Pink und mal in Grün. Mal werden die Körper zu Tieren, liegen wie Käfer auf dem Rücken und strampeln mit den Beinen. Mal scheint es, als wären Kinder auf der Bühne, die quengeln und weinen und schmollen.

All diese Eindrücke kreiert die argentinische Choreografin Ayelen Parolin mit ihrer neuen Performance „WEG“, die Tanz im August im HAU 1 in Berlin eröffnet und damit gleichzeitig ihre Deutschlandpremiere hat. Es ist ein Abend des Chaos und der Disharmonie, die immer wieder in Harmonie umschwenkt. Es passiert so viel auf der Bühne, dass es schwer ist, alles aufzunehmen. Dazu werden die Ohren auf eine Probe gestellt. Lea Petra am Klavier nutzt dieses auf sehr unkonventionelle Weise und leistet ihren klanglichen Beitrag zu dem vermeintlichen Chaos der Bewegungen der Tänzer*innen. Klang und Bewegungen zusammen ergeben dabei erstaunlicherweise eine in sich harmonische Performance.

Fragen nach Gruppe und Individuum gingen der Choreografie voraus. So sieht man über den Abend hinweg neun individuelle Körper, dich sich alle ganz eigenwillig bewegen. Oft hat dies etwas Clowneskes, wenn die Performenden ihre Gesichter zu einem extremen Grinsen oder Schmollmund verziehen, wie ein kleines Kind weinen oder die Augen aufreißen. Auch ihre Bewegungen sind manchmal sehr albern, ohne dabei an Anmut zu verlieren. Immer wieder finden sich zwei von ihnen, manchmal sogar alle neun zusammen und bewegen sich dann doch in Synchronisation. Das kann das Publikum ein wenig entspannen, wenn diese kurzweilige Einheit die Reizüberflutung an Bewegungen und Geräuschen, Farben und Lichtern für einige Momente ablöst.

Besonders der Klang nimmt bei dieser Performance viel Raum ein. Krach würden es sogar vermutlich einige nennen. Das Klavier wird von der Pianistin und Komponistin Petras für vieles genutzt, aber selten für Klavierklänge. Sie haut mit CD-Hüllen auf die Tastatur, auf das Holz und wirft sie auf den Boden. Sie klopft mit den Händen auf den Körper des Instruments und knallt den Deckel. Es tut ein wenig im Herzen weh, das mit anzusehen. Ab und zu nutzt sie dann doch die Tasten und das klingt dann wunderschön. Trotz dieser Anstrengung für die Ohren, fügt sich die Geräuschkulisse mit der Choreografie zu einem harmonischen Gesamtbild. Die Bewegungen sind perfekt auf das Knallen und Trommeln und Splittern abgestimmt, was zeigt, wie gut Pianistin und Tänzer*innen aufeinander achten, sich beobachten und lauschen. Auch das Licht, was zwischen allen Farben des Regenbogens wechselt, passt sich wunderbar an die Stimmung auf der Bühne an. Alles leuchtet so schön bunt, auch die Kostüme, dass man beinahe geblendet ist. Auch damit werden die Reizgrenzen ausgetestet.

Wenn es auch manchmal etwas anstrengend ist für Ohren und Augen, ist „WEG“ eine sehr gelungene Festivaleröffnung. Es ist ein verrückter, unterhaltsamer, wilder und bunter Abend, der Freude macht auf das, was in den nächsten zwei Wochen in Berlin zu sehen sein wird.

Veröffentlicht am 10.08.2021, von Greta Haberer in Homepage, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Reizüberflutung "



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