HOMEPAGE



Wien

DIE GEBURT DER KULTURTECHNIK

Madeleine Fournier / O D E T T A mit „Labourer“ beim Impulstanzfestival in Wien



Ein langer, tiefer Schrei eröffnet das Stück, eines von neun Produktionen im Rahmen der [8:tension] Young Choreographers' Series bei Impulstanz 2021.



von Johanna Hörmann

Eine Frau mit rosigen Wangen sitzt auf einem Hocker und blickt ins Publikum. Sie gibt tiefe unartikulierte Laute von sich. Etwas ist hier im Gange. Ist es Lust, ist es Schmerz? Im Hintergrund ertönt barocke Musik und vermischt sich zunehmend mit dem Stöhnen der Frau, das ihre mühevolle Arbeit erahnen lässt, die – so scheint es zunächst – in schmerzhafte Geburtswehen mündet. Die Zuschauenden schmunzeln, denn dieser Akt der Anstrengung ist nicht frei von Ironie. Oder ist es doch der surrende Klang einer Maschine, die auf hohen Touren läuft? Sicher ist nur, hier wird gerade etwas geboren. Ein langer, tiefer Schrei eröffnet das Stück, eines von neun Produktionen im Rahmen der [8:tension] Young Choreographers' Series bei Impulstanz 2021.

Erst nach dieser gelungenen Präambel beginnt die eigentliche (choreografische) Arbeit. Mit Kulturtechniken des Pflügens und Pflegens mit und durch den weiblichen Körper wird das Bewegungsvokabular der Französin kultiviert. Daraus entsteht ein mechanisches, gleichzeitig sehr feinmotorisches Bewegungskonzept. Madeleine Fournier beschäftigt sich in dieser Soloarbeit spezifisch mit dem pas de bourrée als kodifiziertes und zeitloses Bewegungselement, das sie mit alltäglichen Praktiken und Gesten (das Wiegen eines Kindes) sowie Themen um Sexualität, Mutterschaft und Arbeit miteinander verflechtet. Die Tänzerin spielt immer wieder mit der Begriffsklärung von ‚Kultur‘ etymologisch verbunden mit dem Ackerbau (‚cultura‘) und verhandelt zyklische Bewegungen, die Arbeit auf dem Feld, den Kreislauf der Natur mit ihren wiederkehrenden Schrittkombinationen. Ein Wechselspiel aus Schöpfung und Erschöpfung.

Die einzigen farblichen Akzente in dem Setting bilden ein blauer zusammengeraffter Vorhang und die roten Handschuhe. Von beiden Seiten wird das weiße Feld flankiert von mechanischen Trommeln (automatisiert von Clément Vercelletto), die sorgsam die steppenden und trippelnden Bewegungen der Tänzerin akzentuieren. Diese Figur, die leichtfüßig und schlüpfrig in drei Schritten ihr Formelement findet, dabei ganz in schwarz gekleidet, scheint geradezu aus einem surrealistischen Gemälde entsprungen zu sein.

Diese sich wiederholende Bewegungsstruktur wird schließlich unterbrochen und Fournier startet eine Filmvorführung mit einem alten Projektor. Als florales Zwischenspiel, das Herzstück des Abends, entwächst hier historisches Filmmaterial aus der Bühnenlandschaft. Auf der Leinwand mutieren wissenschaftliche Bilder des rasanten Pflanzenwachstums („le mouvement des plantes et des fleurs“) eindrucksvoll zu poetischen Bewegungskompositionen. Fleischliche Blüten und flinke Kletterstängel, die sich zart und sinnlich in Zeitraffer drehen, demonstrieren einen erstaunlichen, nicht-menschlichen Tanz. Ein dramaturgisch wirkungsvoller Griff gelingt mit diesem traumhaften Einschub.

Nach dem inszenierten Tanz der Pflanzen kehrt die Choreografin in einer weißen Tunika auf die Bühne zurück und gleitet, streichelt, singt. Das Stück Labourer der Nachwuchschoreografin Madeleine Fournier säht die Imaginationen des Publikums und ist dabei reich an Symbolik, die aber subtil und abstrakt bleiben will. Fournier legt hier nicht nur die Verwandtschaft von Kultur, Ackerbau und Gebären performativ frei, sondern präsentiert auch Nicht-Menschliches als Co-Aktion des Stücks. Der Mensch als alleiniger Kulturschöpfer ist jedenfalls fraglich.

Veröffentlicht am 08.08.2021, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2020/2021

Dieser Artikel wurde 816 mal angesehen.



Kommentare zu "Die Geburt der Kulturtechnik "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    "KÜNSTLERISCHE ÖKOSYSTEME"

    Saburo Teshigawara wird von der Biennale Venedig mit dem Goldenen Löwen für das Lebenswerk ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 13.01.2022, von tanznetz.de Redaktion


    ERSTE FRAU AN DER SPITZE

    Das San Francisco Ballet ernennt Tamara Rojo zur künstlerischen Leiterin
    Veröffentlicht am 12.01.2022, von tanznetz.de Redaktion


    VORSCHLÄGE GESUCHT

    Auslobung Deutscher Tanzpreis 2022
    Veröffentlicht am 04.01.2022, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DAS STÜCK MIT DEM SCHIFF

    Am 28. Januar 2022 präsentiert des Ensemble des Tanztheaters - nach coronabedingter Verlegung - Das Stück mit dem Schiff von Pina Bausch aus dem Jahr 1993 auf der Bühne des Opernhauses in Wuppertal.

    Das Stück mit dem Schiff, vor 25 Jahren zuletzt in Saitama/Japan gespielt, wurde 2020/21 in einer altersgemischten Besetzung, aber überwiegend den Jungen des Ensembles neu einstudiert.

    Veröffentlicht am 03.12.2021, von Anzeige

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    VOM DURCHHALTEN IN CORONA-ZEITEN

    Das Wiener Staatsballett und seine Akademie unter Martin Schläpfer

    Veröffentlicht am 18.01.2022, von Andrea Amort


    WAS HAT ES BEWIRKT? WAS BLEIBT?

    Eine Interviewreihe zum Förderprogramm DIS-TANZ-SOLO

    Veröffentlicht am 14.01.2022, von tanznetz.de Redaktion


    LIEBE, SCHMERZ, MELANCHOLIE

    «Monteverdi», Christian Spucks jüngste Produktion für das Ballett Zürich, greift ans Herz

    Veröffentlicht am 17.01.2022, von Marlies Strech


    TANZVERMITTLUNG MEETS SCROLLYTELLING

    Interviewreihe zum Förderprogramm DIS-TANZ-SOLO: Arnd Wesemann, Tanzjournalist

    Veröffentlicht am 13.01.2022, von Anna Beke


    POLARISIERUNG STATT VERMITTLUNG

    Das Stuttgarter Ballett trennt sich von Musikdirektor Mikhail Agrest

    Veröffentlicht am 18.01.2022, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP