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Venedig

DIE WELT IN UNSEREM KOPF

Die Filminstallation „Tom“ von Wilkie Branson bei der Biennale Danza in Venedig 2021



Wilkie Branson erzählt mit „Tom“ mehr als eine Geschichte und lockt das Publikum auf seinen ganz persönlichen Traum- und Erinnerungspfad. Emotional, unverschleiert und unartifiziell. Und die Magie, mit der sein Film verzaubert, hält von Anfang bis Ende die Spannung.


  • TOM von Wilkie Branson Foto © Wilkie Branson
  • TOM von Wilkie Branson Foto © Wilkie Branson

von Lilith Borchert

„Tom“ von Wilkie Branson ist eine beindruckende digitale Tanz-Film-Installation, die auf drei hintereinander aufgehängten Leinwänden auf die Bühne des Teatro delle Tese projiziert wurde. Der daraus entstehende immersive 3D-Tiefeneffekt in den Raum hinein, läßt das Publikum auf besondere Art und Weise in die beeindruckende Filmlandschaft von „Tom“ eintauchen.

Dabei wurden über 80 Prozent aller Elemente dieser Filmlandschaft von Wilkie Branson eigenständig als handgemachte analoge Modelle angefertigt und erst im Nachhinein mit Hilfe von verschiedenen Techniken wie etwa „Photogrammetry“ und Greenscreen-Technik digitalisiert.

Die Verschränkung von analoger Herstellung, digitaler Bearbeitung, sowie die Projektion in den Raum auf die Leinwände verwandeln Tom in eine collagenartige Welt auf mehreren Ebenen, dessen Ästhetik nur schwer in Worte zu fassen ist. Klar ist: „Tom“ schlägt auf beeindruckende und originelle Weise Brücken zwischen tänzerischer Körperlichkeit und Animation, sowie zwischen den Genres Tanz, Film und Video-Games.

Die Making-Of-Videos, die es auf Wilkie Bransons Youtube-Kanal zu sehen gibt, zeigen wie alle Sets liebevoll angefertigt wurden und wie jede einzelne im Film vorkommende Figur von ihm selbst vertanzt wurde. Außerdem erfährt man, was man während des Films schon grob erahnen konnte: Wilkie Branson ist kein Mann der Abkürzungen. Dreieinhalb Jahre dauerte es den einstündigen Film vom „Tom“ zu produzieren und fertig zu stellen. Jedes Bild (über eine Millionen Bilder im Film insgesamt) ist bis in die Tiefe ausgearbeitet. Für jede Minute des Films brauchte Branson etwa 200 Stunden Herstellung. Das Projekt hat sich gelohnt. Der Film wirkt wie ein sich immer weiter bewegendes Gemälde, das man am liebsten anhalten möchte, um jedes Detail zu erspähen.

Der Film beginnt in der Natur. Irgendwo weit draußen. Das Haus, in dem Tom wohnt, ist umgeben von Wiesen, hohen Bergen, dem weiten Meer und steilen Klippen. Die Sonne geht auf. Tom schaut melancholisch über das Wasser zum Horizont. Eine paar Augenblicke blickt er mit ähnlich traurigem Blick auf die Wand seines Zimmers wo ein Bild hängt. Die Person auf dem Foto ist ausgeschnitten. Den fehlenden Schnipsel hält er bereits in der Hand. Passen möchte das fehlende Puzzle-Teil scheinbar trotzdem noch nicht.

Tom muss sich zuerst auf eine Reise begeben. Auf eine Reise zu sich selbst. Eine Reise der Selbstfindung, die die Intention - das Leitmotiv des Films darstellt und so darf man auch an Marcel Prousts Werk „A la recherche du temps perdu“ denken und an die zentrale Bedeutung des „Erinnerns“, die auch die Welt von „Tom“ zu durchziehen scheint.

Hierfür steigt Tom in einen Zug, der ihn weit über das Wasser in ein anderes Land bringt. Der von Wasser umspülte und in die Weite hineinfahrende Zug erinnert an die ikonische Szene des berühmten japanischen Animationsfilms „Chihiros Reise ins Zauberland“ von Hayao Miyazaki. Nur geht es nicht ins Zauberland, sondern in eine Welt, die gar nicht weit weg von unserer Vorstellungskraft liegt und die der Großstadtmetropole London, in der der Künstler Wilkie Branson lebt, sehr ähnelt. Dieses Land steht ganz im Kontrast zu dem Ort, in dem er Zuhause ist. Es ist düster, grau, industriell. Tom steigt mehrmals um. Er muss sehr weit fahren. Die Landschaft wird nach und nach immer urbaner und moderner. Man sieht U-Bahnhöfe, Bahnsteige, Fahrstühle, Fabrikhallen, Hochhaus-Skylines.

Doch Tom ist nicht allein dort. Kopien seiner selbst füllen ganze Abteile, laufen in riesigen Massen über die Bahnsteige und reihen sich mit ihm auf der Rolltreppe ein. Sie alle tragen unterschiedliche Kleidung – Röcke, Krawatten, Hemden, Mäntel - alle wie auf dem Weg zu Arbeit, im Gleichschritt, eingereiht, ganz ohne Anteilnahme. Zwar tanzt hier und da und im wahrsten Sinne des Wortes einer aus der Reihe, doch alle wirken trüb, fast wie betäubt.

Toms zahllose Kopien kann man als unterschiedliche Facetten seiner selbst interpretieren. Möglichkeiten des eigenen Ichs, die auf seiner Reise an ihm vorbeiziehen. Viel zu gleichgültig jedoch ist ihr leerer melancholischer Blick, der nie den Blick des Anderen sucht. So gibt es kein Miteinander, nur ein Nebeneinander zu sehen und es lässt sich bei den Figuren nur schwer eine Erfahrung von Individualität oder Lebendigkeit feststellen. Man taucht mit Tom zusammen in eine gleichermaßen alltäglich wie traumhaft wirkende Geisterstadt ab, die gerade nach einem Jahr Covid-19, das so sehr von Isolation geprägt ist, auf das Publikum beängstigend wirken kann. Doch es gibt auch Momente der Dynamik und des Ausbruchs aus dieser oft lethargischen und trübsinnigen Welt: Nämlich im Tanz und im freien Fall.

So sieht man ein großes Fabrikgebäude. Tom tanzt darin umringt von seinem ganz eigenen Massenpublikum aus unzähligen Ich-Figuren. Bis in die Emporen des Gebäudes nach oben reihen sich die Gestalten ein. Alle seine Klone sehen ihm wie versteinert zu. Doch Toms Tanz ist kraftvoll und steht im Kontrast zu allem was ihn umgibt. Wilkie Bransons von B-Boying geprägte Choreografie schwebt, fliegt und gleitet über den Boden, befreit sich von der Schwere, der Gleichgültigkeit. Von dieser Art Befreiung möchte man mehr sehen. Aber Tom fällt von einem Hochhaus wie in einen bodenlosen Abgrund. Diesen Absturz sieht man aber nie bis zu Schluss. Wie im Traum – und der Aufprall bleibt Tom und dem Publikum erspart.

Tom wacht dann auf, an einem Baum (des Lebens?) angelehnt und da steht dieser kleine Junge und blickt ihn an. Der kleine Junge tauchte immer wieder im Film auf. Als einzige Nebenrolle, als einziges Gegenüber, das Tom letztlich bleibt. Er steht am Bahnsteig, krabbelt am Hang der Klippe hinunter, läuft am Strand entlang – ja er ist auch die herausgeschnittene Person auf dem Foto.

Die Suche nach dem eigenen oder dem inneren Kind und der Wunsch sich mit diesem zu verbinden, scheint Tom bis zum Ende anzutreiben. Und so ist Tom wohl noch nicht ganz verloren. Denn die Erinnerung existiert und bleibt ihm lebendig. Am Ende tanzen sie gemeinsam. Tom und der kleine Tom. Tom “is not the same as before” and “not in the same place anymore”. Ist das ein Happy End? Nicht wirklich. Aber wunderschön und berührend.

Es bleibt zu hoffen, dass diese eindringliche 3D-Tanz-Film-Installation den Weg noch zu weiteren Festivals oder Ausstellungen findet. Schon das Making Of-Video und der Trailer zeigen deutlich wie individuell und sehr speziell „Tom“ eine tänzerische Traumwelt lebendig werden lässt.

Veröffentlicht am 01.08.2021, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2020/2021

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