HOMEPAGE



REIGEN DER (HALB-)VERSEHRTEN

Tanzwerke Vanek Preuß dekonstruieren mit „Postheroica“ genussvoll Beethoven



Ironie ist es, die sich immer wieder erkennen lässt, die dabei aber nicht den Respekt Beethoven oder anderen „Helden“ gegenüber vom Tisch fegt. Ein Schmunzeln ist kein blödes Grinsen. Das hätte Beethoven mit Sicherheit gefallen.


  • "Postheroica" von Tanzwerke Vanek Preuß Foto © Günter Krämmer
  • "Postheroica" von Tanzwerke Vanek Preuß Foto © Günter Krämmer

Von Anfang an ist es nur noch ein kläglicher Rest des, wie es heißt „Mythos Beethoven“. Nora Vladiguerova, Dwayne Holliday und Tobias Weikamp straucheln auf die Bühne. Sie stolpern, scheinbar unkontrollierbare Krämpfe ermöglichen kaum ein Vorwärtskommen. Auch die Kostüme wirken, als wären sie irgendwann mal etwas gewesen, als hätte Beethoven in diesem Aufzug vor dem Klavier gesessen, bevor er in den Mixer geraten ist. Über allem hängt ein lautes Dröhnen aus den Lautsprechern, die Performer artikulieren sich präverbal. Bis er einbricht in dieses systemlose Durcheinander, bis Beethovens Musik erklingt. Und plötzlich, ganz langsam, wird dann doch so etwas wie eine Art System in den Bewegungen deutlich, eine Art Komposition. Dann hat es den Anschein, als ergäben die Dinge mit einem Mal Sinn, aber besser erscheint deshalb trotzdem noch nichts. Alles bleibt verkrampft, spastisch, als unterläge allem ein Unvermögen oder eine Unmöglichkeit, dem mit einem unbedingten Willen zum Ausdruck begegnet wird.

Was Tanzwerke Vanek Preuß als Outdoor-Performance am Ufer des Rheins direkt vis-à-vis der Beethovenhalle konzipiert haben, lässt die Idee der Dekonstruktion tatsächlich aus allen Poren triefen. Dabei wird aber nichts zerschmettert. Beethoven wird nicht angespuckt, sondern sorgsam und vorsichtig von einem inneren Sockel gehoben. So staatstragend Mondscheinsonate und Schicksalssymphonie auch daherkommen, hier darf gelacht werden. Das ist auch deshalb möglich, weil immer wieder ein musikalischer Wechsel zwischen Beethovens Tragik und ganz anders gelagerten, elektronischen Sounds gesucht wird. Damit wird dem Drama die Luft rausgelassen. Und das schafft Raum für Reflexionen über ganz persönliche „Helden“. Da scheint plötzlich Jesus am Kreuz zu hängen, „Drei Engel für Charlie“ posieren für ihr Filmplakat, Vogue bricht unvermittelt ins Bewegungsmuster, und an der Rampe wird die Merkelraute eingenommen. Gesten, Gesten, Gesten. So ganz einfach lassen sich „die Großen“ erkennen. Die Inhalte dahinter sind und bleiben subjektiv.

Das ist kurzweilig, weil sich die Sache selbst nicht zu ernst nimmt. Da liefern sich Dwayne Holliday und Tobias Weikamp einen Brüll-Wettbewerb, der sich einzig um den Satz „Art must be beautiful!“ dreht. Ironischer geht’s kaum. Und genau diese Ironie ist es, die sich immer wieder erkennen lässt, die dabei aber nicht den Respekt Beethoven oder anderen „Helden“ gegenüber vom Tisch fegt. Ein Schmunzeln ist kein blödes Grinsen. Das hätte Beethoven mit Sicherheit gefallen.

Veröffentlicht am 24.06.2021, von Rico Stehfest in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

Dieser Artikel wurde 628 mal angesehen.



Kommentare zu "Reigen der (Halb-)Versehrten"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    „GEPRÄGT HABEN MICH BEGEGNUNGEN“

    Die brasilianische Choreographin Lia Rodrigues wurde mit dem „Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken 2021“ ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 28.09.2021, von Claudia Henne


    WANDEL NACH 20-JÄHRIGER ZUSAMMENARBEIT

    Tarek Assam beendet Tätigkeit als Ballettdirektor am Stadttheater Gießen mit Ende der Spielzeit 2021/22
    Veröffentlicht am 06.10.2021, von Pressetext


    ERFOLG FÜR TANZ.MEDIA

    Die Mitgliederversammlung des Dachverband Tanz wählt mit größtmöglicher Zustimmung Nina Hümpel von Tanz.Media in seinen Vorstand.
    Veröffentlicht am 22.09.2021, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    „DER STURM“

    Ballett von Roberto Scafati nach William Shakespeare am Theater Trier

    Roberto Scafati inszeniert das Ballett in Zusammenarbeit mit demselben Team, das schon durch „Winterreise“ bekannt ist, sowie dem Philharmonischen Orchester der Stadt Trier unter der musikalischen Leitung von Wouter Padberg.

    Veröffentlicht am 06.10.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    KINDERBRILLE AUFSETZEN!

    Tanzplan veröffentlicht "Tanzkind" von Andrea Simon und Achim Reissner

    Veröffentlicht am 17.08.2021, von Sabine Kippenberg


    GIPFELTREFFEN

    Livestream des Triple Bills „Tänze Bilder Sinfonien“ beim Wiener Staatsballett

    Veröffentlicht am 25.09.2021, von Anna Beke


    AUSZEICHNUNGEN FÜR IVAN LIŠKA UND JIŘI KYLIÁN

    Die Republik Tschechien ehrt verdiente Choreografen.

    Veröffentlicht am 18.09.2021, von Pressetext


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    PRODUKTION, STUDIES UND TANZ FÜR JUGENDLICHE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP