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Berlin

AB AUF DIE HANTELBANK

"Being Pink Ain’t Easy" von Joana Tischkau als Film



Tischkau arrangiert genüsslich Gesten und Habitus einer dem US-Rap entnommenen, überzeichneten Maskulinität. Im Rahmen des Performing Arts Festival zeigen die Sophiensaele das gelungene filmische Produkt der einstigen Liveperformance, die über das Zitieren Schwarzer Kultur und mittels bewusster Brüche weiße Männlichkeit verhandelt.


  • "Being Pink Ain't Easy" von Joana Tischka; Rudi Äneas Natterer Foto © Dorothea Tuch
  • "Being Pink Ain't Easy" von Joana Tischka; Rudi Äneas Natterer Foto © Dorothea Tuch
  • "Being Pink Ain't Easy" von Joana Tischka; Rudi Äneas Natterer Foto © Dorothea Tuch

Von Jenny Mahla

Konstruktiv über Rassismus zu sprechen, ist wie ein Muskel, den wir als Gesellschaft noch nicht trainiert haben, schreibt die Antirassismus-Trainerin und Autorin Tupoka Ogette. Wie auch Tischkaus letztes Stück „Playblack“, welches zur Tanzplattform 2020 in München eingeladen war, bietet „Being Pink Ain’t Easy“ einen hervorragenden Anlass, um konstruktiv über Rassismus ins Gespräch zu kommen. Ausgehend von der Frage, was das für ein Typ Mensch ist, der sich als weißer deutscher Cis-Mann so stark mit Hip Hop und der dazugehörigen Kultur identifiziert, dass er zu einer – zumindest für People of Color – quasi wiedererkennbaren Figur geworden ist, beschäftigt sich Tischkau scharfsinnig mit einem Phänomen sozialer Konstruktion an der Schnittstelle von Race und Gender.

Die beeindruckende Soloperformance des gänzlich in pink und weiß gekleideten Tänzers Rudi Äneas Natterer ist ein vielschichtiger Mix aus bildhaften Zitaten. Die weiten Basketball-Shorts und das überlange, ärmellose Shirt stimmen sich mit dicken Silberketten, Ringen, Tattoos sowie dem glänzenden Durag, der ursprünglich afrikanischen Kopfbedeckung, zu einem vertrauten Bild von Rappern der 1990er und 2000er Jahre ab. Die kulturgeschichtlichen Referenzen des Stücks reichen von markanten Posen aus Musikvideos und Albumcovern bekannter Schwarzer wie auch weißer Hip-Hop-Künstler bis hin zu ikonischen Bildern der europäischen Kunstgeschichte wie Michelangelos David oder römischen Statuen. Ohne Frage wird hier eine machtvolle Männlichkeit bewusst konstruiert und im monochromen pinkfarbenen Spektrum humorvoll sowie ästhetisch ausgereift in Szene gesetzt.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass die Performativität von Gender und Race hier nicht am Körper der vermeintlich „Anderen“ durchdekliniert wird, wie die Dramaturgin und Kuratorin an den Sophiensaelen Joy Kristin Kalu in einem Nachgespräch mit Joana Tischkau im Kontext des Clinch-Festivals, wo das Stück im Mai ebenfalls gezeigt wurde, herausstellt. Die Konstruiertheit sozialer Kategorien an einem weißen Cis-Mann vorzuführen und zu parodieren, ist ein spannender Ansatz, die Mechanismen der Vereinnahmung zu enttarnen, die dieser dominanten Position innewohnen. Dass mit Joana Tischkau eine schwarze Frau diesen weißen männlichen Körper bewegt und inszeniert hat, spielt für die Authentizität der Arbeit und das Empowerment Schwarzer Künstler*innen eine wichtige Rolle.

Versteht das ein weißes Publikum? Ist die Konstruktion für die, die sie unbewusst selbst performen, überhaupt lesbar? Einerseits hat es bereits einen großen Wert, nicht unbedingt die weiße Dominanzgesellschaft anzusprechen, sondern sich an ein eher queeres, afrodeutsches Publikum zu wenden. Andererseits kann die Inszenierung ein produktiver Anstoß zur Reflektion sein. Mir persönlich hat es einmal mehr bewusst gemacht, dass ich als weiße Cis-Frau eben nur einen bestimmten und vor allem auch privilegieren Blick auf die Dinge habe. Das pinkfarbene Glätteisen, mit dem sich der Performer an einem Punkt des Stücks zielsicher Weißbrot und Frühstücksspeck erhitzt, verknüpfe ich durchaus mit US-amerikanischen Schönheitsnormen und das absurde Umfunktionieren dieses Gebrauchsgegenstands ist ein Highlight für sich. Doch einige Parodien habe ich nicht verstanden oder gar gesehen, vielleicht weil ich die dazugehörigen Originale der Hip Hop Szene nicht kenne, vor allem aber wohl, weil sie mit meiner eigenen Erfahrungswelt nicht allzu viel zu tun haben. Diese Art der kritischen Selbstreflektion ist ein wichtiger Ausgangspunkt, um konstruktiv über Rassismus zu sprechen: sich die eigenen Privilegien bewusst zu machen und zuzuhören, wie es anderen geht. In diesem Sinne war es unheimlich bereichernd, das Gespräch zwischen Joana Tischkau und Joy Kristin Kalu zu „Being Pink Ain’t Easy“ online gefunden zu haben und mit ihren Kontextualisierungen das eigene rassismuskritische Muskeltraining machen zu können.

Dass Diskussionen über Kunst kontrovers sein können – vor allem, wenn es um sensible Themen wie Rassismus und Männlichkeit geht, ist ein produktives Moment gesellschaftlichen Lebens und Joana Tischkau hat im Nachgespräch angedeutet, dass ihre Arbeit durchaus gemischte Reaktionen ausgelöst hat. Bei weißen wie auch schwarzen Zuschauer*innen gab es Irritationen oder Momente des sich angegriffen Fühlens, doch genau darüber dann gemeinsam ins Gespräch zu kommen, ist der konstruktive Austausch, den wir brauchen. Künstlerische Arbeiten wie „Being Pink Ain’t Easy“ zeigen, dass diese Auseinandersetzung nicht nur ein ästhetisches Vergnügen sein kann, sondern auf kluge Weise den kollektiven Muskel und die Bewegungskompetenz der Gesellschaft trainieren kann. Ab auf die (mentale) Hantelbank also, denn der von Tupoka Ogette prognostizierte Muskelkater lohnt sich, um wirklich als Individuen und Gesellschaft stärker zu werden und nicht mehr nur maskuline Stereotypen zu performen.

„Being Pink Ain’t Easy“ ist eine Produktion von Joana Tischkau in Koproduktion mit SOPHIENSÆLE, Münchner Kammerspiele und Künstlerhaus Mousonturm im Rahmen der Tanzplattform Rhein-Main und wurde im Mai 2021 im Rahmen des Performing Arts Festival Berlin online als Video on demand gezeigt.

Veröffentlicht am 02.06.2021, von Gastbeitrag in Homepage, Kritiken 2020/2021

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