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Prag

DIE SCHÖNHEIT ERWACHT, DAS BÖSE LEBT WEITER

"Dornröschen" von Marcia Haydée nach Petipa aus Prag



Die aktuelle Neueinstudierung des Prager Nationalballetts in künstlerischer Verantwortung des Choreologen Pablo Aháronian in der Inszenierung des Prager Ballettdirektors Filip Barankiewicz.


  • The Czech National Ballet "Sleeping Beauty" Foto © Serghei Gherciu
  • The Czech National Ballet "Sleeping Beauty" Foto © Martin Divíšek
  • The Czech National Ballet "Sleeping Beauty" Foto © Martin Divíšek
  • The Czech National Ballet "Sleeping Beauty" Foto © Martin Divíšek
  • The Czech National Ballet "Sleeping Beauty" Foto © Martin Divíšek
  • The Czech National Ballet "Sleeping Beauty" Foto © Sergej Gherciu
  • The Czech National Ballet "Sleeping Beauty" Foto © Serghei Gherciu

Es dürfte nach wie vor eine der anspruchsvollsten, vor allem aber immer wieder im zeitlichen Kontext neu zu erlebenden Interpretationen dieses im Januar 1890 im St. Petersburger Marientheater uraufgeführten Balletts von Peter Iljitsch Tschaikowsky sein, die Marcia Haydée 1987 mit dem Stuttgarter Ballett zur Uraufführung brachte. Kaum zu glauben, dass diese choreografische Inszenierung vor nunmehr 34 Jahren erstmals getanzt wurde, vor allem nicht angesichts der aktuellen Neueinstudierung des Prager Nationalballetts in künstlerischer Verantwortung des Choreologen Pablo Aháronian in der Inszenierung des Prager Ballettdirektors Filip Barankiewicz, seit seiner Stuttgarter Zeit bestens vertraut mit dieser außergewöhnlichen Interpretation eines Klassikers: Nunmehr höchst erstaunlich, im durchaus auch beunruhigenden Licht gegenwärtiger Assoziationsmöglichkeiten.

Das Böse stirbt nicht. So Marcia Haydée selbst zu ihrer Sicht auf dieses Märchen, vor allem im Hinblick auf die Verkörperung des Bösen in der Rolle der Fee Carabosse, einst für keinen Geringeren als Richard Cragun kreiert, später auch vom Prager Ballettchef getanzt, jetzt hier, in der Onlinepremiere, höchst ausdrucksstark, tanztechnisch und musikalisch umwerfend, durch den Prager Tänzer Patrik Holeček.

Das wirkt doch ganz gegenwärtig, ein Tänzer ist die Fee, als Verkörperung des Bösen, also zeitgemäßer geht es ja nicht: Der, die, das Böse. Und alles im Ambiente des Märchens, in märchenhafter Ausstattung von Pablo Núñez im Licht der Bühne von Jan Dörner. Und da leben die Schatten enorm und beängstigend. Da ist die Symbolik erschreckend, wenn etwa Dornröschen, also Prinzessin Aurora, so berührend wie begeisternd getanzt von Alina Nanu, zum 100jährigen Schlaf sich in die Architektur eines steinernen Grabmales fügt. Verunsicherung entsteht auch, wenn Patrik Holeček als Carabosse in weiten, schwarzen Gewändern, bei rasanter Sprungtechnik, die Szene dermaßen beherrscht, dass aller märchenhafter Glaube an den Sieg des sogenannten Guten kräftig ins Wanken gerät. Und ist es nicht verwunderlich, dass es diese „böse“ Kraft ist, die an ihrem 16. Geburtstag Prinzessin Aurora durch die Flucht in den Schlaf davor bewahrt, einem, der ohne Zweifel höchst charmanten und attraktiven Prinzen als Vertreter der vier Himmelsrichtungen, die hier um ihre Hand anhalten, auch die ihre zu reichen?

Das Prager Prinzenquartett mit Jonáš Dolník aus dem Osten, Federico Ievoli aus dem Westen, Matěj Šust aus dem Norden und Paul Tudor Moldoveanu aus dem Süden ist schon eine Augenweide, und im „Rosenadagio“ wird im Wechsel mit der Prinzessin in hinreißender Eleganz getanzt. Aber ohne diese verflixte Macht des Bösen, jener Fee, die Mathias Deneux als vielgesichtiger und auch mitunter ironisch, verschmitzter Zeremonienmeister, vielleicht sogar in voller Absicht, vergessen hatte einzuladen, als die kleine Aurora gerade das Licht der Welt erblickt hatte, hätte sie nun nicht, nach ihrem Märchenschlaf eben ihren Märchenprinzen in ganz anderem Licht, erblicken können. Und man müsste auf den wunderbaren Hochzeits-Pas-de-deux mit Dmytro Tenytskyy als Prinz Desiré verzichten müssen. Ja, da kommen nun genau zwei Menschen zusammen, die zusammen gehören, ein Prinz, der des höfischen Geplänkels satt ist, eine Prinzessin, die erst in einen Märchenschlaf versetzt werden sollte, bevor sie eben genau den „Richtigen“ erblickte. Liebe auf den ersten Blick, ganz märchenhaft, ganz umwerfend getanzt von Alina Nanu und Dmytro Tenytskyy. Natürlich haben, wir bleiben ja im Märchen, die guten Feen ihren Anteil, besonders Radka Zvonařová als Fliederfee mit ihren Kolleginnen Monika Hejduková als Fee der Schönheit, und Ayaka Fujii für die Weisheit, für die Gnade Alexandra Pera, Beredsamkeit und Kraft gehören dazu, Kristýna Němečková und Evgeniya Victory Gonzalez.

Aber zum Glück gehört das Unglück, und sechs Feen stehen nur für übliche Märchenfantasien, die das Böse ausblenden möchten. Aber Märchen brauchen eben nicht nur Kinder, Erwachsene wohl erst recht, daher eben sieben Feen. Und in der Fassung von Marcia Haydée wird auch ganz am Rande des Geschehens, aber immerhin, Patrik Holeček als Carabosse, noch immer anwesend sein, wenn sich alles vorerst zum Guten gefügt hat. Alles andere, und da sind wir dann angekommen in der Gegenwart, wäre ja auch wirklich zu märchenhaft. Aber auf so ganz märchenhafte Momente muss man ja auch nicht verzichten, mit viel Spaß und guter Laune braust dann zum Hochzeitsfest eine tolle Märchenrevue durch den Palast, mit glitzernden Edelsteinen, gar nicht grimmigen Figuren aus Grimms Sammlungen, dazu ganz wunderbar, Paul Irmatov blauer Vogel.

Also, Märchenglück mit Untiefen, Höhenflüge überm Abgrund, ganz und gar nicht nach dem Motto, „Es war einmal“, nein es ist so, man kann es sehen, man kann es spüren, man kann es erleben, vorerst am Bildschirm, immerhin, zum Glück, um doch auf das größere Glück zu warten und zu hoffen, dass sich im Prager Nationaltheater an der Moldau wieder der Vorhang öffnet und ein Märchen wahr wird.

Veröffentlicht am 11.05.2021, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Die Schönheit erwacht, das Böse lebt weiter"



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