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München/Brügge

PHYSISCHER WIDERSTAND

Die Kraft des Körpers im Protest in einer digitalen Uraufführung von Jan Martens



„Any attempts will end in crushed bodies and shattered bones” von Jan Martens eröffnet das DANCE Festival München 2021 mit einer digitalen Uraufführung, die aus Brügge live gestreamt wurde. Kameraperspektiven von allen Seiten und von oben eröffnen Perspektiven, die ein Theaterraum so nicht bieten könnte.


  • „Any attempts will end in crushed bodies and shattered bones” von Jan Martens Foto © Phile Deprez
  • „Any attempts will end in crushed bodies and shattered bones” von Jan Martens Foto © Phile Deprez

Und sie marschieren. Miteinander, nebeneinander, aneinander vorbei und durcheinander. Immer im Gleichschritt, mal in die eine, dann in die andere Richtung. Manchmal bleibt jemand stehen oder wechselt die Richtung und es dauert nicht lange, bis er oder sie nicht mehr allein dabei ist. Zu hören sind dabei nur die gleichmäßigen Schritte, die in einem monotonen Rhythmus die weite Bühne ausfüllen.

Mit seiner Choreografie „any attempt will end in crushed bodies and shattered bones” zeigt Jan Martens beim DANCE Festival München die Kunst und Kraft von Protest und menschlichen Körpern. In Zusammenarbeit mit dem Dance On Ensemble erfahrener und älterer Tänzer*innen untersucht er bewährte Formen physischen Widerstands. Der Livestream aus dem Concertgebouw in Brügge, Belgien, wirkt beinahe wie ein Film, so perfekt abgestimmt sind Kamera und Choreografie. Die Tänzer*innen werden aus allen Winkeln und Perspektiven gezeigt, manchmal fährt der Blick auch durch die Gruppe hindurch und bewegt sich gemeinsam mit ihr. Besonders beeindruckend sind die Bilder, die die Formationen direkt von oben zeigen, wenn sichtbar wird, in welchen Formen sich das Ensemble der Tänzer*innen bewegt, wie symmetrisch und perfekt aufeinander abgestimmt ihre Wege sind. Ohne auch nur einmal mit der Schulter anzuecken, fließen sie wie ein Reißverschluss durcheinander durch, um direkt wieder in eine neue Formation überzugehen.

Die gesamte Produktion beschäftigt sich mit Dynamik, Synchronität, Bewegung und Energie. Das kann entweder gemeinsam in der Gruppe zum Ausdruck kommen oder aber auch individuell. Im ersten Teil des Abends liegt der Fokus zunächst auf den Individuen. Es scheint, als hätte jeder Tänzer und jede Tänzerin des generationenübergreifenden und sehr diversen Ensembles, darunter Ty Boomershine, Gesine Moog und Tim Persent des Dance On Ensembles, einen Pool an Bewegungen, den sie im Rhythmus der Streichmusik von Mikolaj Górecki immer wieder ausführen. Die energischen Wiederholungen zeigen die Kraft, die in jedem von ihnen steckt. Diese so unterschiedlichen Menschen mit ihren unterschiedlichen Bewegungen scheinen nur durch den Rhythmus und das schlichte Hellgrau ihrer Kostüme verbunden zu sein. Auf der weiten Bühne, die ebenfalls sehr hell und damit noch größer wirkt, sehen sie alle beinahe verloren aus. Erst in der Gruppe kriegen ihre Bewegungen mehr Bedeutung und Kraft, hauptsächlich getragen von Góreckis Konzert für Cembalo und Streichorchester.

Durch das Marschieren finden sie dann später zusammen. Dieser Teil der Choreografie ist wie ein Bruch, durch den eine ganz neue Dynamik entsteht. Es werden verschiedene Formen des Protestes gezeigt, nicht nur das gemeinsame Gehen, sondern auch Sitzen, Liegen oder einfach Schulter an Schulter Stehen. Wenn dann die Bühne auf einmal in ein tiefes Rot getaucht wird, sich alle weiblichen Mitglieder des Ensembles aufsetzen und auf die hintere Wand der Bühne brutale Drohungen und Beleidigungen gegenüber Frauen, queeren Personen, Migranten und anderen marginalisierten Gruppen projiziert werden, kriegt der Protest auch einen Hintergrund.

Gemeinsam in diesem roten Licht wechseln nun alle ihre Kostüme. In Stille helfen sie sich dabei, ihre Schuhe zu binden, Kleider überzustreifen und Lippenstift aufzutragen. Das alles wirkt sehr intim und zeigt ein Vertrauen, das die Tänzer*innen zueinander haben. Gleichzeitig ist es wie die Ruhe vor dem Sturm.

Und der kommt nochmal mit voller Wucht. Jetzt in knallroten Kostümen von Cédric Charlier, die sich in krassem Kontrast vom Rest der Bühne abheben und eine ganz neue Energie ausstrahlen, geben sich nun alle zusammen ihrer persönlichen Form des Protests hin. Zwar führt noch immer jeder seine eigenen Abfolgen von Bewegungen aus, aber trotzdem scheinen sie wie ein Kollektiv. Es geht mehr Kraft, mehr Wut und mehr Zielstrebigkeit von jeder einzelnen Bewegung aus. Jeder einzelne hat nun mehr Bedeutung. Vermutlich könnten sie endlos so weitermachen, denn auch die Musik wiederholt sich immer wieder, und das wäre auch passend, denn eigentlich hat Protest kein Ende.

Jan Martens zeigt mit seiner „demokratischen Choreografie“, was Widerstand bedeutet. Jeder Körper, egal welchen Alters, Geschlechts oder welcher Hautfarbe, ist in der Lage, diesen zu leisten, auf seine ganz eigene Art und Weise, mit den jeweils möglichen Ressourcen. Und er zeigt, welche Kraft im Kollektiv liegt, wie sie gebündelt und genutzt werden kann, um ein Ziel zu erreichen. Die Diversität seines Ensembles unterstützt das ganz großartig und macht auch deutlich, abgesehen von der Thematik des Abends, wie divers Tanz sein kann.

Veröffentlicht am 07.05.2021, von Greta Haberer in Homepage, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Physischer Widerstand"



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