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DEUTSCHER TANZPREIS FÜR HEIDE-MARIE HÄRTEL

Ein zeitgemäßes Selbstverständnis spiegeln auch die Juryentscheide für Adil Larakis, Ursula Borrmann und Claire Cunningham



Der Deutsche Tanzpreis 2021 trägt aktuellen Entwicklungen Rechnung und zeigt, dass im Tanz nicht nur das Ergebnis zählt, sondern die Arbeit als solche ebenso Wertschätzung erfährt.


  • Heide-Marie Härtel Foto © Eva Radünzel
  • Adil Laraki
  • Claire Cunningham Foto © A.R.
  • Ursula Borrmann Foto © Jan Scheutzow

Überraschung oder nicht? Das ist hier durchaus eine Frage. Möglicherweise erscheint es nächstliegend, dass zuvorderst Choreografinnen und Choreografen oder Tänzerinnen und Tänzer mit einer Auszeichnung wie dem Deutschen Tanzpreis geehrt werden, zumindest von außen betrachtet. Zum einen sehen die Entscheidungen der Jury so allerdings seit einigen Jahren gar nicht mehr aus. Zum anderen wird eine wichtige Facette der Vielfalt der Tanzlandschaft abgebildet, wenn die Entscheidung in diesem Jahr auf Heide-Marie Härtel als die Preisträgerin gefallen ist. Die Gründerin und Künstlerische Leiterin des Deutschen Tanzfilminstituts Bremen agiert zwar durchaus als Schnittstelle, also Vermittlerin zwischen dem Tanz als Aktion und dem Film als Medium, hat sich selbst allerdings nach eigenen Worten immer als selbstverständlichen Teil der Künstlerschaft wahrgenommen. Welche gesteigerte Bedeutung dem heute digitalen Medium Film, dessen dokumentarischer wie auch gestalterischer Funktion, in den letzten Monaten zuerkannt werden musste und durfte, ist weitreichend bewusst. Deshalb betont Heide-Marie Härtel auch die unterstützenden Möglichkeiten des Mediums, mittels dessen der Tanz für Neues befreit werden könne.

Dieser Aspekt der Unterstützung und Förderung von Potenzialen findet sich auch im beruflichen Engagement Adil Larakis. Seit 2003 ist er Landesvorsitzender Nordrheinwestfalen der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, setzt sich aber nach eigenen Worten bereits seit 1987 für kulturpolitische und gewerkschaftliche Belange von Tänzerinnen und Tänzern ein. Zudem ist er seit 2002 Betriebsratsvorsitzender der Theater & Philharmonie Essen GmbH. In der Komplexität seines Engagements ehrt ihn der Dachverband Tanz Deutschland als besonderen Interpreten, als Interpreten des Rechts. So heißt es in der Jury-Erklärung, dank seiner Arbeit, die er „mit Charme, Vehemenz und Vorausschau“ gestalte, habe „der Tanz öfter Recht und mehr Rechte“.

Besondere Ehrungen für herausragende Entwicklung gehen an zwei nicht minder entscheidende Personen. So wird mit Ursula Borrmann eine Tanzpädagogin geehrt, die nicht nur die Waganowa-Methode über lange Jahre hinweg vermittelt und weiterentwickelt hat. Ihr ganzheitlicher Ansatz in der frühen Ausbildung junger (zukünftiger) Tänzer spiegelt sich in ihrer Äußerung, der klassische Tanz solle endlich seinen „fürchterlichen Kitsch“ verlieren, um den Blick auf die Arbeit und die nötige Geduld in der Ausbildung erkennen zu können. So betont sie Aspekte wie umfassende Bildung, die die Basis darstellen solle, auf der nachhaltig Werte vermittelt werden könnten, die wiederum überhaupt die Entwicklung einer ausgereiften Tänzerpersönlichkeit ermöglichten.

Neben ihr wird die schottische Choreografin und Tänzerin Claire Cunningham geehrt, die für ihren inklusiven Ansatz bekannt ist, mit dem sie die Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes in den letzten Jahren stark beeinflusst hat. Was ihr dabei zweifelsfrei geholfen hat, ist die Tatsache, dass sie sich als körperlich Eingeschränkte, die ursprünglich aus der Richtung der klassischen Musik kam, nie als Teil des tänzerischen Kanons wahrgenommen hat. So ist es nach ihren eigenen Worten für sie besonders von Bedeutung, das umzudeuten, was bislang als wertvoll galt, um das eigentliche körperliche Potenzial in genereller Hinsicht weiterentwickeln zu können.

Was sich in dieser Gesamtheit der Jury-Entscheidungen spiegelt, ist ein zeitgemäßes Selbstverständnis des Tanzes als Produktions- und künstlerischer Reflexionsprozess, der selbstverständlich durch die gesellschaftlichen Herausforderungen der letzten Monate in erfreulicher Weise beschleunigt wurde. So findet das Thema Transition immer stärkere Aufmerksamkeit; auch kulturpolitische Selbstermächtigungen finden sich unter den Tänzerinnen und Tänzern selbst. Besonders für die jüngeren Generationen sei hier das Netzwerk dancersconnect genannt. Die Zeiten, in denen Tänzer bloßes Instrument waren, sind „längst abgewählt“, so Heide-Marie Härtel. Dabei gilt es, genau diese Tendenz der Emanzipation auch innerhalb beruflicher Strukturen, die über den Tanz hinaus gehen (Gestaltung von Arbeitsverträgen, Verhandeln von Honoraren …), weiter auszubauen. So betont auch Adil Laraki: „Man bekommt nicht, was man verdient. Man bekommt, was man verhandelt.“ Es kommt also, wie Claire Cunningham es formuliert, auf eine demokratische Arbeitsweise an.

Die Preisverleihung findet im Rahmen einer Tanz-Gala am Samstag, dem 23. Oktober im Essener Aalto-Theater statt. Das Programm mit Beiträgen von international renommierten Ensembles und Solokünstler*innen reicht von klassischem Ballett bis hin zu Zeitgenössischem Tanz. Angesichts der Corona-Pandemie steht bislang nicht fest, ob die Veranstaltung mit Publikum stattfinden kann. Der Dachverband Tanz Deutschland stellt die Veranstaltung daher auch als Live-Stream und Video-on-Demand zur Verfügung.

Veröffentlicht am 28.04.2021, von Rico Stehfest in Homepage, Gallery, Themen, News 2020/2021

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Kommentare zu " Deutscher Tanzpreis für Heide-Marie Härtel"



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