KRITIKEN 2003/2004



Berlin

GHETTOLIEBE IM GEWIRR DER GEWALT

„West Side Story“ vom Broadway direkt an Berlins Deutsche Oper


Seit nunmehr 47 Jahren thront auf der Spitze des Musical-Olymps so gut wie unangefochten Leonard Bernsteins „West Side Story“. Überaus erfreulich fiel daher die Wiederbegegnung mit jenem Geniestreich an der Deutschen Oper aus: Dort macht eine dem Original hautnah nachempfundene Broadway-Produktion für zweieinhalb Wochen Station. Da wären sie denn also wieder, die Gestalten aus Shakespeares unvergänglichem Veroneser Liebesdrama um Romeo und Julia. Tony und Maria gehören wie ihre Renaissance-Vorgänger verfeindeten Gruppierungen an: der eine den Jets, einer Gang polnischstämmiger Amerikaner, die andere den Sharks, gerade eingewanderten, allseits unerwünschten Puertoricanern. Beide Lager konkurrieren um die Vorherrschaft in einer Straße ihres New Yorker Elendsquartiers, beide glauben sich dazu im Recht, und alle gehören sie zu den sozial Deklassierten. Das hellt weder ihren Geist auf noch mindert es die Spannungen. In jugendlichem Übermut kommt es zum entscheidenden Kampf, dem die Gangleader Riff und Bernardo zum Opfer fallen und der überdies Maria, noch vor der amtlichen Hochzeit, zur Witwe macht. Zwar keimt Hoffnung auf eine Aussöhnung der Feinde, als sich Jets und Sharks beim Totenzug für den erschossenen Tony betroffen im gemeinsamen Trauermarsch finden - doch wer könnte angesichts der weltweiten Glaubens- und/oder Politkriege allein seit der Uraufführung der „West Si-de Story“ darauf vertrauen? Joey McKneely als Regisseur und einrichtender Choreograf konzentriert sich ganz auf den stücktragenden Konflikt. Gleich bei den ersten Takten konfrontiert er energiegeladen die beiden rivalisierenden Gangs. Vor schwarzer Grundierung, dann einer Projektion aus tristen Wolkenkratzern provozieren sie den Schlagabtausch, pöbeln, prügeln, parieren die Akrobatik der Gegner. Paul Gallis’ schlichtes Bühnenbild flankiert den Bandenstreit mit zwei transparenten Gerüsten aus Laufstegen, Balkonen und Feuerleitern, klappbar je nach erforderlichem Spielraum, doch immer grau wie die Lebensaussichten der Jugendlichen. „Something’s Coming“ träumt sich Tony, der eine Anstellung gefunden hat, in eine bessere Welt hinein, doch da ist bei den Jets der Fight gegen die „Chicos“ schon beschlossene Sache. Die Polizei paktiert mit den Jets, hetzt zynisch gegen die „falsche“ Hautfarbe der Sharks. Marias erster Ball wird für die neu Angekommene zum Wendepunkt. Sie trifft Tony, doch dessen Annäherung an sie bildet den endgültigen Kriegsgrund. Zwei Lebensweisen prallen auch choreografisch aufeinander: Mambo tanzen die Sharks, Jazz parallel dazu die Jets - Verständigung ausgeschlossen. In den folgenden Bildern der beiden Akte tauchen sie dann immer wieder auf, die Sprünge mit angewinkelten Knien oder geöffnetem Seitbein und himmelwärts gereckten Armen, die hohen Beinwürfe und Rutschungen auf den Knien, wie sie der Uraufführungschoreograf Jerome Robbins erfand, wie man sie seit der oscardekorierten Verfilmung des Broadway-Erfolgs, mit Stars wie Natalie Wood, Rita Moreno, George Chakiris, kennt und wie McKneely sie bewusst beibehalten hat. Mehr noch sind da freilich jene unvergesslichen Ohrwürmer aus Bernsteins Feder, von einem erlesenen Ensemble makellos gesungen. Wirkt Ryan Silverman, dessen Tenor edel strömt und strahlende Höhe erreicht, im Lovesong „Maria“ noch unterkühlt, so findet er unterm Lämpchenfirmament im Duett „Tonight“ mit seiner glänzend disponierten Partnerin Carolann M. Sanita poetische Töne und spielt sich zunehmend frei. Viele weitere Höhepunkte hat die kompakte, temporeiche, dynamisch akzentuierte Inszenierung: „America“, in dem sich die Wünsche der fröhlichen puertoricanischen Petticoat-Mädchen artikulieren; Riffs lauernder „Keep Cool“-Appell als Einschwörung auf den Revierkampf; die auch musikalisch wundervolle Verflechtung von Liebe und Gewaltbereitschaft vor dem Kampf sowie die fulminante Messerstecherei im Drahtverhau unter einer Autobahnbrücke. Im zweiten Akt berühren Marias Duo „A Boy Like That“ mit der überragenden „Anita“ Lana Gordon als Bekenntnis zu Tony; „Somewhere“ als getanzte Illusion vom friedlichen Miteinander der Rassen; „Gee, Officer Kupke“ als sozial motivierte Rechtfertigungsattacke der Jets, in der Text, Ton und Tanz zu wirksamer Einheit verfließen; schlussendlich der Totenzug vor einer größer werdenden Projektion des Schmelztiegels New York. Zweieinhalb Stunden lang agieren sie in Höchstform, die rund 40 sorgsam besetzten Sängerdarsteller und die begleitende Litauische Sinfonietta, der unter Donald Chans zupackendem Dirigat die reich synkopierte Komposition zu einem dramatischen Klanggebirge aufwächst.

Veröffentlicht am 21.08.2004, von Volkmar Draeger in Kritiken 2003/2004

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