HOMEPAGE



Berlin

SZENEN AUS DEM STILLSTAND

Kareth Schaffers neue Arbeit „Question of Belief“ als Livestream aus den Sophiensaelen



Kareth Schaffer hat mit ihrer neuesten Arbeit einen Spiegel für die pandemiegeplagte Gesellschaft geschaffen. Müdigkeit, Wut und krampfhafte Selbstbeschäftigung dominieren diese Zeit und es ist schön zu sehen, dass man nicht allein damit ist.


  • "Question of Belief" von Kareth Schaffer mit Mădălina Dan und Manon Parent Foto © Dieter Hartwig
  • "Question of Belief" von Kareth Schaffer mit Mădălina Dan und Manon Parent Foto © Dieter Hartwig
  • "Question of Belief" von Kareth Schaffer mit Mădălina Dan und Manon Parent Foto © Dieter Hartwig

Ein Bild, das das vergangene Jahr allzu passend beschreibt: eine Person starrt apathisch auf den Handybildschirm, eine andere ist energetisch beim Workout. Beide schlagen irgendwie die Zeit tot. Apathie und gezwungene Motivation nebeneinander, was viele vielleicht von sich selbst aus den letzten Monaten kennen.

Immer wieder kommt es zu solchen Momenten bei Kareth Schaffers neuem Tanzstück „Question of Belief“. Die Choreografin, die für ihre post-postmodernen Arbeiten bekannt ist, setzt sich darin mit Aktionismus, Faulheit, Ablenkung und Apathie auseinander, was nach einem Jahr Pandemie aktueller denn je erscheint. Von Beginn an kommt es zu Situationen der Wiedererkennung und Selbsterkenntnis, wenn man den beiden Tänzerinnen Mădălina Dan und Manon Parent knapp eine Stunde dabei zuschaut, wie sie versuchen, sich gegenseitig oder manchmal auch nur sich selbst zu beschäftigen.

Die leeren Sophiensaele sind das Wohnzimmer, in dem sie ausharren müssen - nur gefüllt mit einer sich aufblasenden Bühnenlandschaft von Dan Lancea im Hintergrund. Zu zweit scheint das zunächst gar nicht so schlimm. Sie bewegen sich durch den Raum, erkunden ihn zusammen, verhaken sich ineinander, bewegen und verformen die Andere und vertreiben sich die Zeit mit Selfies. Beschäftigung um des Beschäftigens Willen, um nicht in Langeweile zu versinken. Wie gut, dass sie sich haben. Doch mit der Zeit lässt die Motivation nach und die Zeit wird totgeschlagen mit Doom-scrolling oder verzweifelten Sportversuchen. Das penetrante Summen einer Fliege verstärkt die Monotonie der Szene. Zwischendurch wird es abgelöst von simplen, eintönigen Keyboardklängen, die in ihrem Rhythmus an einen tropfenden Wasserhahn erinnern. Jean P’ark gelingt es mit seinem Sounddesign das zähe Verrinnen der Zeit hörbar zu machen.

Eine Stimme aus dem Off erzählt von den Mittagsdämonen, die zum Nichtstun und zur Nachlässigkeit verführen wollen. Wer kennt sie nicht? Eben diese Dämonen liegen unter der Haut der Performerinnen, die sie sich nun in Stofffetzen gegenseitig runterreißen. Unter ihren beigefarbenen Hauben kommen riesige, bunte Ohren zum Vorschein. Fast wären sie niedlich, wären sie nicht so aufgedreht. Ein bisschen erinnern sie an die Gremlins. Sie quängeln und quietschen, jagen sich durch den Raum – erst verspielt wie kleine Kinder, dann immer schriller und verrückter. Sie scheinen irre geworden zu sein, ihnen ist die Decke auf den Kopf gefallen. Aus Faulheit und Apathie ist Wahnsinn geworden. Aus Frust vergraben sie sich zwischendurch immer wieder unter dem riesigen Luftkissen. Zu viel Nichtstun ist auch nicht gesund.

Aber wie kann das innere Faultier bekämpft werden? „How woman fights the inner sloth“ ist das letzte Kapitel von Schaffers Performance. Man bzw. Frau bekämpft es mit Arbeit. Es wird gearbeitet und gearbeitet, immer aktiv, bloß nicht zur Ruhe kommen, ständige Selbstoptimierung, immer schneller und ja keine Pause. Die Tänzerinnen bewegen sich immer hektischer über die Bühne. Die monotonen Keyboardklänge und das rote Licht unterstreichen ihre stakkatohaften und gestressten Bewegungen. Die Anstrengung ist ihnen anzusehen, sie wirken verzweifelt, aber können nicht aufhören. Eine bricht zusammen und bleibt liegen, die andere macht immer weiter. Aber liegen bleiben darf man nicht, deswegen „Get up!“. Sie wird auf die Beine gehievt, bis sie wohl oder übel selbständig stehen bleibt. Am Ende bleibt die Frage, ob es sich lohnt, das innere Faultier zu bekämpfen, wenn so das Resultat aussieht.

Kareth Schaffer hat mit ihrer neuesten Arbeit einen Spiegel für die pandemiegeplagte Gesellschaft geschaffen. Ohne je plakativ zu sein, zeigt sie auf, was vermutlich viele von sich selbst aus dem letzten Jahr kennen. Müdigkeit, Wut und krampfhafte Selbstbeschäftigung dominieren diese Zeit und es ist schön zu sehen, dass man nicht allein damit ist.

Veröffentlicht am 12.04.2021, von Greta Haberer in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

Dieser Artikel wurde 613 mal angesehen.



Kommentare zu "Szenen aus dem Stillstand "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

    30 Jahre Tanzwerkstatt Europa
    Veröffentlicht am 23.07.2021, von Vesna Mlakar


    IVAN ALBORESI BLEIBT

    Der Vertrag des Ballettdirektors wird um 5 Jahre verlängert
    Veröffentlicht am 23.07.2021, von Pressetext


    DANIEL ASCHWANDEN GESTORBEN

    Er starb im Alter von 62 Jahren nach kurzer und schwerer Krankheit
    Veröffentlicht am 14.07.2021, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    »REMAINS«

    Sasha Waltz & Guests vom 28. bis 31. August wieder live im radialsystem zu erleben: Wiederaufnahme »remains« von Andrew Schneider

    Sasha Waltz & Guests ist im August wieder live vor Publikum im Berliner radialsystem zu erleben: mit der »zweiten Premiere« des Auftragswerks »remains« des US-amerikanischen Performers, Autors und Regisseurs Andrew Schneider.

    Veröffentlicht am 07.07.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    ZUSAMMENARBEIT

    Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin und Staatsballett Berlin schließen Kooperationsvertrag
    Veröffentlicht am 10.07.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DANIEL ASCHWANDEN GESTORBEN

    Er starb im Alter von 62 Jahren nach kurzer und schwerer Krankheit

    Veröffentlicht am 14.07.2021, von tanznetz.de Redaktion


    TRAGISCHER VERLUST FÜR DIE TANZWELT

    Colleen Scott unerwartet verstorben

    Veröffentlicht am 10.05.2021, von tanznetz.de Redaktion


    “IN DANCING WE NEED TO DEVELOP THE HEART AND THE HEAD"

    An interview with Primaballerina assoluta Violette Verdy

    Veröffentlicht am 12.09.2012, von Annette Bopp


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    PERSONALNEUIGKEITEN

    Barbara Matacz und Sarah Abendroth gehen in den Ruhestand

    Veröffentlicht am 14.07.2021, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP