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Braunschweig

FARBIG, SCHILLERND, VIELFÄLTIG

Filmversion zu Henrietta Horns Choreografie "Grauzonen"



Die Tanzstückpremiere im Kleinen Haus des Staatstheaters Braunschweig war vor gut einem Jahr, konnte im Februar 2020 aber nur wenige Male aufgeführt werden, bevor es zum Corona-Lockdown kam. Die Wiedereinstudierung hat die Corona-Regeln mitberücksichtigt, was vor allem die Abstände zwischen den Tanzenden betrifft.


  • "Grauzonen" von tanz JUNG! Henrietta Horn Foto © Bettina Stoess
  • "Grauzonen" von tanz JUNG! Henrietta Horn Foto © Bettina Stoess
  • "Grauzonen" von tanz JUNG! Henrietta Horn Foto © Bettina Stoess

Das Staatstheater Braunschweig bietet mit seiner „Digitalen Bühne“ eine Online-Plattform für alle Zuschauer*innen, auch für das junge Publikum. Den „Welttag des Theaters für Kinder und Jugendliche“ haben wohl nur wenige auf dem Schirm. Am 20. März wurde erstmals die neu erarbeitete Filmversion des von Henrietta Horn choreografierten tanz-JUNG!-Stücks „Grauzonen“ auf youTube gestreamt.

Die Tanzstückpremiere im Kleinen Haus des Staatstheaters war vor gut einem Jahr, konnte im Februar 2020 aber nur wenige Male aufgeführt werden, bevor es zum Corona-Lockdown kam. Die Wiedereinstudierung hat die Corona-Regeln mitberücksichtigt, was vor allem die Abstände zwischen den Tanzenden betrifft. Verantwortlich für Aufnahme und Bildregie waren Oliver Schirmer und Knut Bussian.

Henrietta Horn hat das Stück mit sechs Tänzer*innen des Braunschweiger Tanztheater-Ensembles entwickelt, alle konnten eigene Stärken und Ideen einbringen. Thema ist das eigene Ich und inwieweit es abhängig ist von der jeweiligen Umgebung, in der wir uns bewegen. Das Stück heißt „Grauzonen“, beweist aber das Gegenteil: es ist kein undefinierbarer Einheitsbrei, sondern farbig, schillernd, vielfältig, emotional von Selbstbesinnung bis zu gemeinsam erlebter Freude, und es hat manch witzige Momente.

Insgesamt hinterlässt das 60-Minuten-Stück einen sehr lebhaften Eindruck, was sich den starken Rhythmen und jazzigen Melodien verdankt. Komponist Benedikt ter Braak war bei einem Großteil der Proben anwesend und hat die Musik auf die Bewegungen abgestimmt, das ist zu erfahren aus der Online-Einführung von Dramaturgin Sara Dirks. Die Kostüme (Miriam Grimm) sind lockere Alltagskleidung, farblich zurückhaltend kombiniert. Für den auf der Bühne gezeigten Stopmotion-Film (Georges Hann) konnte sie tief in die Requisitenkiste greifen. Gezeigt wird das Wechseln von Kleidung, zuerst bei einer Frau, dann bei einem Mann, schließlich wechselt auch das, verschwimmt die Geschlechtszuschreibung. Zum witzigen Element des Films wird die scheinbare Eigenaktivität der Kleidungsstücke.

Einen starken Einstieg ins Stück gibt Mátyás Ruzsom mit seinem Trommel-Solo, das vom indischen Tabla-Spiel inspiriert scheint und die dazugehörige stimmliche Lautmalerei neu interpretiert. Die anderen - Bettina Bölkow, Anna Degen, Brendon Feeney, Mariateresa Molino und Mátyás Ruzsom – trauen sich zunächst nur zögerlich auf die Bühne, geben einen gleichmäßig schwingenden Hintergrund. Aber bald differenzieren sie sich voneinander, begegnen sich, probieren Verschiedenes aus, allein, zu zweit oder in Gruppe.

Da gibt es den Versuch eines Vortanzens im Schwan-Tutu-Modus, rüde unterbrochen von urschreihaftem Gebaren. Die Stelen im Bühnenhintergrund entwickeln ebenfalls ein Eigenleben, geben unheimliche Töne von sich, versperren mal den Weg oder verschlucken eine Tänzerin. Ein Paar begegnet sich auf einem Bett, gebildet von einem Lichtquadrat auf dem Boden, das parallel an die Rückwand gestrahlt ist. Was wunderschöne Effekte erzeugt. Es gibt fröhliches Cheerleading mit glänzenden Puscheln, ein schnelles Ratespiel „wen oder was stelle ich dar“ und am Ende eine angedeutete Street-Dance-Einlage mit Rap-Gesang (Bölkow, Feeney). „Wer bin ich? Wer bist du? Habe ich eine Wahl zu sein, wer ich will?“ Fragen, die in der Jugend besonders im Vordergrund stehen, im Prinzip aber das Leben begleiten.

Der Vorteil beim Zuschauen daheim ist, dass man (zumindest im Sitzen) mittanzen kann. Das würde man sich im Theatersessel kaum trauen. Folgerichtig bieten zwei Tanztheater-Mitglieder Online-Tutorials mit Anleitung zum Mittanzen an. Wer sagt, dass nur Jugendliche das Mittanzen ausprobieren dürfen.

Die Online-Stellung des Films „Grauzonen“ wurde soeben bis 30. April verlängert. Die freien Zugänge zum Film und zum Tanzworkshop ist über die Stückseite „Grauzonen“ auf der Digitalen Bühne von www.staatstheater-braunschweig.de zu finden.

Veröffentlicht am 31.03.2021, von Dagmar Klein in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "farbig, schillernd, vielfältig"



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