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Freiburg

SUBTIL RASANT

YESTER:NOW als Film on Demand



Aus dem Nichts tauchen unvermutet Dhélé Agbetou, Guido Badalamenti, Daniel Conant, Quindell Orton, Roberto Provenzano und Magdalena Agata auf. Eine superstarke Mannschaft, die Ostruschnjak hier unter dem pulsierenden Soundmix von Jonas Friedlich kongenial zusammengeschweißt hat.


  • YESTER:NOW von Moritz Ostruschnjak Foto © Franziska Strauss
  • YESTER:NOW von Moritz Ostruschnjak Foto © Franziska Strauss
  • YESTER:NOW von Moritz Ostruschnjak Foto © Franziska Strauss

Rolle rückwärts in den Wintershutdown. Da fällt die Erinnerung nicht schwer: Die Münchner Philharmoniker üben sich in Kurzarbeit, der komplette Gasteig steht gähnend leer. Fast der ganze jedenfalls. Im größten aller Säle, der sonst 2.400 Zuschauenden fassenden Philharmonie, tanzt der Bär. Zu sehen ist Hintersinniges, nicht immer jugendfreies Tohuwabohu im – weiterhin aktuellen – Ausnahmezustand. Jetzt kann sich künstlerisch-ungehindert, optimal-einzigartig entfalten, was sonst durch übliche Einschränkungen zeitlicher Art, weil anderweitig belegt, unter stetem Druck steht. Sogar räumlich darf eine sechsköpfige Tänzercrew unter Leitung des Choreografen Moritz Ostruschnjak und mit dem (seinerzeitigen) Titelentwurf „How many angels can dance on the head of a pin?“ („Wie viele Engel können auf einem Stecknadelkopf tanzen?“) jeden Winkel bis hinauf in die obersten Sitzreihen bespielen.

Je näher die Generalsanierung des Kulturtempels an der Isar rückt, desto freizügiger überlässt dessen Chef Max Wagner das Innenleben dem kreativen Aktionismus der freien Szene. Über ein Jahr schon funktioniert das so. Wird dem Publikum der Zutritt verboten, streamt man eben hierfür eigens entworfene Produktionen. Ostruschnjaks damalige Nicht-Uraufführung am 25. Januar – weil ohne Publikum, aber vor laufender Kamera – war eine waghalsig-mitreißende Show. Nun stellt sich die Frage, ob das berauschende Spektakel-Event als solches auch die Betrachter*innen am heimischen Bildschirm derart unmittelbar (be)treffen wird.

Ostruschnjak und sein Produktionsteam waren sich da wohl alles andere als sicher. Die eigentlich für Mitte Februar geplante Online-Verbreitung wollten sie lieber unter den Tisch fallen lassen. Allerdings: Film ist momentan das neue Tanzerlebnis live. Darum präsentiert das Theater Freiburg im Rahmen von „Fokus: Moritz Ostruschnjak“ die mit „Yester:Now“ neu betitelte Filmfassung dieses wahrlich wilden Projekts noch bis 05. Apirl als Video on Demand. Perfekt geeignet, um sich in ereignislos-stiller Vorosterruhe digital auf die für Ende Juli angesetzte Münchner Live-Performance einzustimmen.

Wie bei einem Hindernis-Parcours geht es bei Ostruschnjak subtil rasant zu. Wo man hinblickt, verpufft scheinbar lang aufgestaute Energie, taut schrille Dynamik aus statischer Eisigkeit. Die Tänzer flirren und schwirren regelrecht übers flache Parkett, über Treppen, Holzwände und rote Sitzpolster. Spektakulär souverän im Balancieren huschen einzelne Interpret*innen wiederholt die schmalen Balustraden zwischen den Sitzblöcken entlang. Dann wieder vereint sich die kleine Schar eigenwilliger Individualisten zum Schwarm. Es entstehen Momente, da schwappt man kollektiv gegen eine der Mauern. Das mutet an, als würde das Einreißen imaginärer Barrieren versucht.

Aus dem Nichts zwischen den Stuhlreihen tauchen unvermutet Dhélé Agbetou, Guido Badalamenti, Daniel Conant, Quindell Orton, Roberto Provenzano und Magdalena Agata auf. Eine superstarke Mannschaft, die Ostruschnjak hier unter dem pulsierenden Soundmix von Jonas Friedlich kongenial zusammengeschweißt hat. Sie stampfen, rennen und legen Schicht für Schicht Kleidungsstücke ab. Je weiter das Treiben voranschreitet, desto weiter arbeiten sich vor Power strotzende Arme und Beine, vielsagende Gesichter und in comichaft motivbedruckte Allroundsport-Trikots verhüllte Bodies ins eigentliche Bühnenrondell vor. Bis in die letzte Faser getrieben von einem Drang sowie sprühender Lust an Zum-Ausdruck-Bringen unterschiedlichster Meinungsbilder, Lifestyle-Allüren und Gegenwarts-Posts – stets schlagwortartig schamlos querbeet mit Hilfe auf Schilder gebannter Symbole und Slogans aus Protestkultur, Pop, Nonsens, Politik, Kommerz, Religion oder High Tech.

Später werden noch Videosequenzen untergemengt – aus der unüberschaubaren Komplexität des Weltgeschehens und medialen Verarbeitung von Staats- und Militärgewalt. Währenddessen verdichten sich Protagonist*innen mit Baseballschlägern zu einer Sinfonie getanzter Emotionen und nonchalant in die Arena geworfener Bravourstückchen. Besonders reizvoll: In der gefilmten Version verschwimmen Grenzen zwischen Live-Performance und Projektion wesentlich raffinierter als dies beim Betrachtenden vor Ort wohl möglich ist. So etwas tröstet schon über den anhaltenden Corona-Wahnsinn hinweg. Anschauen.

Bis 05.04. als Video on Demand. Tickets und alle Details über: https://dringeblieben.de/videos/yesternow. Die Live-Premiere ist für Ende Juli im großen Saal der Philharmonie geplant.

Veröffentlicht am 31.03.2021, von Vesna Mlakar in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Subtil rasant"



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