HOMEPAGE



Köln

AUS DEM SPORTTEIL

"Gymnastik. Stretching out to past and future dances" von Gintersdorfer/Klaßen und Ballet of Difference



In Köln entdecken Gintersdorfer/Klaßen und das Ballet of Difference die 1920er Jahre neu und spüren dabei zwischen rhythmischer Sportgymnastik und Ausdruckstanz viel Heutiges auf.


  • "Gymnastik. Stretching out to past and future dances" von Gintersdorfer/Klaßen und Ballet of Difference Foto © Knut Klaßen
  • "Gymnastik. Stretching out to past and future dances" von Gintersdorfer/Klaßen und Ballet of Difference Foto © Knut Klaßen
  • "Gymnastik. Stretching out to past and future dances" von Gintersdorfer/Klaßen und Ballet of Difference Foto © Knut Klaßen
  • "Gymnastik. Stretching out to past and future dances" von Gintersdorfer/Klaßen und Ballet of Difference Foto © Knut Klaßen
  • "Gymnastik. Stretching out to past and future dances" von Gintersdorfer/Klaßen und Ballet of Difference Foto © Knut Klaßen
  • "Gymnastik. Stretching out to past and future dances" von Gintersdorfer/Klaßen und Ballet of Difference Foto © Knut Klaßen

Von Torben Ibs

Rhythmische Sportgymnastik ist zu Recht nicht gerade ein Segment, das in der Tanzberichterstattung einen breiten Raum einnimmt. Es gehört in den Sportteil. Und dennoch werden wir uns hier diesem ganz speziellen Teil des olympischen Panoramas zuwenden. Natürlich mit einer künstlerischen Perspektive und die liefern in diesem Fall das Produktionskollektiv Gintersdorfer/Klaßen unter der Leitung von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen zusammen mit dem "Ballet of Difference" von Richard Siegal. In einer Online-Premiere am Schauspiel Köln präsentierten sie die rhythmische Sportgymnastik als Ausgangs- und Referenzpunkt nehmend: "Gymnastik. Stretching out to past and future dances".

Die sechs Tänzerinnen und Tänzer des Ballet of Difference werden unterstützt von Ordinateur und Alaingo, sowie dem Musiker Hans Unstern – alle drei aus dem klassischen Ginterdorfer/Klaßen Umkreis. 1 Stunde und 50 Minuten lang dauert ihre gemeinsame Spurensuche zur Geschichte des modernen Tanzes in Deutschland (und Europa), beginnend in den Reformvorstellungen von Émile Jaques-Dalcroze. Dieser hat in Hellerau in den 1920er Jahren bekanntermaßen eine der Urformen der heutigen Sportgymnastik aus der Taufe gehoben. Das transkulturelle Ensemble wirft angesichts dieses kulturgeschichtlichen Gewichts gleich zu Anfang eine klare Ansage in den Raum: "We present our version of rhythmic gymnastic, different from TV." Und tatsächlich entpuppt sich Delacrozes Anspruch an die Einheit von Geist und Körper als das ziemliche Gegenteil vom olympischen Leitungsprinzip: "We don‘t care what it looks like, we show our inner feeling." Kein Re-Enactment dieser alten Formen, sondern auf deren Basis etwas Neues schaffen, das ist der Anspruch des Abends. Dies gelingt, die alten Formmuster werden erkennbar aufgegriffen (was hier und da durch Überblendungen von historischem Filmmaterial belegt wird), aber diese werden durch die Einflüsse der verschiedenen Tanzstile und -erfahrungen transformiert, sowohl in (bewusst) leicht unfertig wirkenden Gruppenarbeiten oder Einzeletüden. Zunächst treten die Performer*innen in blauen und pinken Trikots auf und sind ausgestattet mit Stoffwürsten, die mit Erbsen gefüllt sind und in Schlangenhautoptik daher kommen. Ein Muster, das sich auch in anderen Kostümen zeigen wird, wenn die Tänzer*innen etwa in große steife nach oben und unten sich leicht zylindrig öffnende Säcke schlüpfen oder am Ende in einer Art Pyjama auftreten, bei denen mitunter Arme und Beine miteinander vernäht sind. Ein Highlight sind zwei Anzüge mit hunderten von kleinen Glöckchen. Ein anderes Highlight ist die musikalische Gestaltung durch Hans Unstern, der mit einer neu gebauten Harfe, anderen experimentellen Saiteninstrumenten und seiner eigenen Stimme diese Spurensuche nicht nur musikalisch untermalt, sondern maßgeblich die nicht nicht unerhebliche Dynamik des Abends bestimmt. Running Gag: Immer wenn bei Solonummern eine der Stoffwürste zu Boden fällt, wird wettkampfmäßig "Fehler" gerufen, was allerdings die Tanzenden mal so gar nicht interessiert.

Natürlich bleibt der Abend nicht in Hellerau stehen, sondern nimmt die vor allem weiblichen Pionier*innen des Tanzes der goldenen 20er in den Blick, deren Traditionen dann schon wenige Jahre später wieder abbrechen: Valeska Gert bekommt ihren Raum, ebenso der Wirbelwind Anita Berber und Josephine Baker. An allen interessiert hier vor allem deren Überschreiten von gesellschaftlichen Normen und Grenzen. "She pushed what was accepted", heißt es an einer Stelle über Gert. An dieser Stelle wird auch der Tänzer Harold Kreuzberg interessant, der trotz seines Schwulseins auch unter den Nazis weiterhin Karriere machen konnte, weil er im Tanz das herrschende Männlichkeitsbild darstellte und bediente.

Das ermöglicht einen perfekten Sprung ins Heute. Da ist Long Zou, der sich wundert, dass sein Tanz als weiblich wahrgenommen wird, was ihn, der tatsächlich ostentativ androgyn herüberkommt, wundert. Schützenhilfe bekommt er von Ordinateur, der feststellt, dass in der Elfenbeinkünste vor allem die Qualität der Bewegung bewertet werde, und nicht ihre Männlich- oder Weiblichkeit. Zudem fragt er sich, warum es unbedingt rassistisch sei, wenn er den klar rassistisch gemeinten Bananentanz von Josephine Baker (die in Paris als Afrikanerin beworben wurde, obwohl sie aus New York stammte) oder Gorilla-Moves auf der Bühne imitiere, wenn er Lust darauf hätte. Sie seien immerhin nur ein winziger Ausschnitt des Bewegungsrepertoires, aber offenbar problematisch: "Perhaps I‘m more intellectual than the people behind the camera!" Tanz solle jenseits solcher politischen Binaritäten betrachtet werden als Ausdruck von Gefühlen und als intimer Vorgang. Damit ist der Abend mitten im Jetzt angekommen, in den Untiefen der kulturellen Zuschreibungen, transkultureller Konfrontationen und den Diskussionen um Identitätspolitik. Und es bleibt die Frage: Was haben wir in den letzten 100 Jahren eigentlich gelernt?

Veröffentlicht am 01.03.2021, von Gastbeitrag in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

Dieser Artikel wurde 695 mal angesehen.



Kommentare zu "Aus dem Sportteil"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    SPRACHENWETTSTREIT

    Porträt des Ballet of Difference im Vorfeld von "ROUGHHOUSE" am Schauspiel Köln

    "ROUGHHOUSE" heißt die neue Produktion von Richard Siegals 2016 in München gegründeter Kompanie, dem Ballet of Difference. In der Beschäftigung mit Sprache und Bewegung nimmt die nahende Premiere eine weitere Facette des Differenz-Begriffs in den Blick.

    Veröffentlicht am 18.12.2018, von Miriam Althammer


    TANZ ALS KUNST FÜR UNSERE GEGENWART

    Danza&Danza vergibt die Premi Danza&Danza für das Jahr 2017

    Der US-amerikanische Choreograf Richard Siegal ist vom italienischen Fachmagazin Danza&Danza zum Choreografen des Jahres 2017 gekürt worden.

    Veröffentlicht am 16.04.2018, von tanznetz.de Redaktion


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle

    In der Tanzszene Münchens ist er seit Jahren ein geschätzter Choreograf. Nach dem Debüt seines Ballet of Difference im Rahmen des Münchner DANCE-Festivals vergangenen Mai, zeigte Siegal erneut einen dreiteiligen Abend - mit der Neukreation "Made for Walking".

    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    ES WIRD SPANNEND IN MÜNCHEN

    Richard Siegals „Ballet of Difference“ – die erste Pressekonferenz

    Mit der Optionsförderung Tanz der Stadt München gründet Richard Siegal seine eigene Kompanie. Was er für die nächsten zwei Jahre alles plant, stellte er nun auf einer Pressekonferenz vor.

    Veröffentlicht am 13.04.2016, von Malve Gradinger


     

    AKTUELLE NEWS


    DOPPELSPITZE

    Isa Köhler und Katharina Kucher leiten die tanzmesse nrw
    Veröffentlicht am 13.04.2021, von Pressetext


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    WEGBEREITER

    Das Volkstheater Rostock trauert um Bronislav Roznos
    Veröffentlicht am 07.04.2021, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    FUTURES OF DANCE JOURNALISM

    TANZ.media. tutorials

    Eine Fortbildungsreihe von TANZ.media e.V. – Verein zur Förderung des Qualitätsjournalismus im Tanz. Zeitraum Mai bis Juli 2021.

    Veröffentlicht am 27.03.2021, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    LIAM SCARLETT IST VERSTORBEN

    Ein tragisch früher Tod

    Veröffentlicht am 18.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    BLONDE PERÜCKEN

    Reut Shemesh präsentiert "Cobra Blonde", ein Projekt mit der Tanzgarde der Karnevalsfreunde der katholischen Jugend Düsseldorf am Tanzhaus NRW

    Veröffentlicht am 11.04.2021, von Gastbeitrag


    DIE SCHWÄNE LEBEN

    "The Dying Swans Project" von Eric Gauthier als Video-Serie bei YouTube und 3sat

    Veröffentlicht am 18.04.2021, von Annette Bopp


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben

    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    "WETTEN DASS..?" FUSIONIERT MIT STEPTANZ

    Sebastian Weber Dance Company zeigt "Late Night Shuffle" als Live-Stream aus dem Leipziger Lofft

    Veröffentlicht am 18.04.2021, von Torben Ibs



    BEI UNS IM SHOP