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München

GELD ODER GEIGE. TANZ ODER TOD

"Die Geschichte vom Soldaten" in der Montagsreihe der Bayerischen Staatsoper



Igor Strawinskys "Geschichte vom Soldaten", 1917 verfasst und komponiert, im Jahr darauf uraufgeführt, ist kein Ballett. Der Tanz aber - so wie es sich damals im zeitgenössischen Musiktheater durchsetzte - gehört dazu.


  • "Montagsstueck XIV"; A. Merkuri, C. Bastos Foto © Wilfried Hösl
  • "Montagsstueck XIV"; N. Losada, C. Bastos Foto © Wilfried Hösl
  • "Montagsstueck XIV"; A. Merkuri, C. Bastos Foto © Wilfried Hösl
  • "Montagsstueck XIV" Foto © Wilfried Hösl

Völlig klar, Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“, 1917 verfasst und komponiert, im Jahr darauf uraufgeführt, ist kein Ballett. Der Tanz aber - so wie es sich damals im zeitgenössischen Musiktheater durchsetzte - gehört dazu. Er fügt sich hinzu in dramaturgischer Logik, längst nicht mehr als opulente Einlage mit wenigen oder gar keinen Bezügen zur eigentlichen Handlung. Strawinskys Werk für einen Erzähler, zwei Sprecher als Soldat und Teufel, sieben Instrumente und im Original einer Tänzerin als Prinzessin, ist ein Musiktheater in der Tradition der Wanderbühnen, des Theaters der Gaukler auf Straßen, Plätzen und Jahrmärkten. Es ist, so der Musikwissenschaftler Frank Schneider, eine „Moritat mit faustischer Fabel“.

Schneider bemerkt auch, dieses Werk sei zwar kurz, aber auf keinen Fall schmerzlos, denn in dieser balladesken Moritat klinge natürlich der Erste Weltkrieg nach mit dem Schicksal des Soldaten, die Unmöglichkeit sich je wieder von dem, was da an höllisch-teuflischen Erlebnissen auf der Seele des jungen Mannes lastet, zu befreien. Und so wird diese Geschichte vom Soldaten, der sich auf seinen Urlaub im heimatlichen Dorf, das Wiedersehen mit seiner Mutter und vor allem seiner Braut freut, eine zutiefst tragische Geschichte. Denn der Satan, in dessen teuflisches Kriegshandwerk der junge Bursche geraten ist, bleibt ihm auf der Spur. Schlimmer noch, er verführt ihn, nimmt ihm das selbst in den Schützengräben gehütete Instrument seiner immer noch leise nachklingenden Töne der Menschlichkeit, eben seine kleine Geige, ab. Im Tausch für ein Buch, dessen Inhalt den Reichtum verspricht: Geige gegen Geld. Seele gegen Papier.

Der Soldat wird so zum heimatlosen Fremden, in der Heimat erkennt ihn niemand mehr. Auch ein letzter Versuch, dem Teufel die Geige zu entreißen, dem Instrument noch einmal die Töne des Herzens zu entlocken um der schwer erkrankten Prinzessin zu helfen, sie zu heilen, was auch kraft des Klanges gelingt, muss scheitern, der Teufel triumphiert endgültig.

Strawinsky bezieht sich auf Motive russischer Märchen, insbesondere auf eine Sammlung von Alexander Afanassjew, in denen es um teuflische Rekrutierungspraktiken im zaristischen Russland geht. Strawinskys musikalische Motive der Wanderschaft des Soldaten sind von scharfer Rhythmik gezeichnet. Die sparsame Besetzung ist zum Einen den begrenzten Möglichkeiten der Kriegszeit geschuldet, zum anderen auch der schon erwähnten Ästhetik des Wandertheaters bei der die Trompete kindhaft schmettern kann, die Motive tänzerischer Musik der Zeit sich finden, russisch eingefärbte Folklore sich dann auch mit amerikanischen Jazzmotiven mischt. Insgesamt ist die Musik ohnehin tänzerisch, fordert die Bewegung geradezu heraus, gibt mit rezitativischen Begleitungen den Stimmen der Sprecher mitunter höchst feinsinnige Formen vor um so vor jeglicher Art agitatorischer Jahrmarktsschreierei zu bewahren. Gewalt lässt sich nicht mit Gegengewalt bekämpfen, schon gar nicht durch Kunstkrach, eher aber aber durch Sensiblisierung und Schärfung der Sinne.

Und da wäre doch der Tanz, zwar nicht als Illustration der musikalisch und verbal geschilderten Handlungen, sondern vor allem als Kunstmittel assoziativer Sinnesöffnungen geeignet. War auch zu erwarten bei der Münchner Ankündigung, denn gleich, ganz in angemessener Reihenfolge, nach der Nennung Vladimir Jurowskis als musikalischem Leiter der Aufführung, wird Norbert Graf als Choreograf genannt. Aber leider werden diese Erwartungen nicht erfüllt. Mit der Tänzerin Carollina Bastos, den Tänzern Nicholas Losada und Ariel Merkuri vom Bayerischen Staatsballett ist auch in ihren leider sehr kurzen Beiträgen deutlich erkennbar, dass hier deren Möglichkeiten leider ungenutzt blieben. Auch optisch werden die kurzen, choreografischen Beiträge zu einer Randerscheinung, denn die Kameras lenken den Blick der Zusehenden ins leere Rund des Nationaltheaters, führen in einer Videoprojektion die Fahrt der Kamera im schwarz-weißen Blick durch Münchens menschenleere Straßen über den unbesetzten Plätzen fort. Getanzt wird in einer Art Erinnerungsszene, wenn der Soldat auf seiner Rast an sein zu Hause denkt, ein Tänzer beobachtet das sanft tanzende Paar. Dann sehr eindrücklich, wenn zum erlösenden Klang der Geige die Prinzessin gesundet und ein Tänzer sich aus zunächst so gefährlichen wie unsicher tastenden Versuchen der Füße immer stärker in die Dynamik neu gewonnener Lebenskraft tänzerischer Bewegung steigert und sich dieses kurze Aufbäumen auf alle drei Tanzenden überträgt. Aber das war's dann auch leider schon.

Auch den so grandios musizierenden sieben Mitgliedern das Bayerischen Staatsorchesters unter der Leitung des künftigen Chefs Vladimir Jurowski wird ein nicht immer nachvollziehbares Maß der Zurückhaltung auferlegt. Ob es eine Regiearbeit gab ist nicht ersichtlich, völlig klar aber, diese 100 Minuten der Münchner Montagsgeschichte vom Soldaten gehören vor allem der Berliner Schauspielerin Dagmar Manzel in allen Rollen. Sie gibt den Ton an, sie gibt das Maß vor, sie rafft alle Rollen an sich, sie nimmt das mit dem Jahrmarktstheater ganz wörtlich und wird schon mal zur Jahrmarktsschreierin. Mitunter vermag sie es, sich zurück zu nehmen; sie kann ja Töne zerbrechlicher Nachdenklichkeit zulassen. Aber gleich darauf wieder diese peinlich polternden Missverständnisse der Lautstärke als sicher gut gemeinte Warnung vor allem kriegerischen Teufelswerk der Gegenwart. Gut gemeint. Keine Frage. Das begreift man schnell, zu schnell, der Rest ist Wiederholung, in der Musik, im Tanz wären das allerdings nicht selten die Momente größter Kunst.

Veröffentlicht am 17.02.2021, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Geld oder Geige. Tanz oder Tod"



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