HOMEPAGE



Wien

GROTESKES PARADIES

"Stranger Than Paradise" von Chris Haring/Liquid Loft am Tanzquartier Wien



Mit Video auf der Bühne kennt sich Liquid Loft bestens aus. Auch den Transfer ins rein Digitale meistert Chris Haring tadellos und kreiert utopische Bilder, die trotz des gleichnamigen eher melancholischen Jarmusch-Films einen starken Optimismus versprühen.


  • "Stranger Than Paradise" von Chris Haring/Liquid Loft Foto © Chris Haring
  • "Stranger Than Paradise" von Chris Haring/Liquid Loft Foto © Chris Haring
  • "Stranger Than Paradise" von Chris Haring/Liquid Loft Foto © Chris Haring
  • "Stranger Than Paradise" von Chris Haring/Liquid Loft Foto © Chris Haring
  • "Stranger Than Paradise" von Chris Haring/Liquid Loft Foto © Chris Haring

Von Torben Ibs

Mit Video kennen Chris Haring, künstlerischer Leiter der Compagnie Liquid Loft, und seine Partner*innen sich aus. Bereits in den früheren Arbeiten verschränken er und seine Performer*innen Video und Tanz. Tanzfilme gehören zum Repertoire der Truppe und auf der Bühne thematisiert sie ausgehend von Kino-Klassikern Fragen von Raum, Körper und projizierten Bildern. In Erinnerung bleiben eindrucksvolle Darbietungen voll technischer Raffinesse, die schon für sich alleine eine Erzählebene darstellt. Mit „Stranger Than Paradise“, tatsächlich nur sehr lose mit dem gleichnamigen Jim-Jarmusch-Film von 1984 verbunden, hat Liquid Loft nun am Tanzquartier Wien eine reine Videoperformance auf den Weg gebracht, die dieses Medium ernst nimmt und sich auf Suche macht nach produktiven Schnittstellen zwischen Bühne und Film, oder genauer: zu (ab-)gefilmtem Tanz. Also keine abgefilmte Bühnenproduktion, sondern ein spezifisch an das Videoformat angepasstes Werk.

Es geht um die Möglichkeit eines Bildes und die Darstellung der tanzenden Performer*innen in diesem Bild. Wichtigstes Funktionselement von sind dabei große biegbare Spiegel, in denen die Performer*innen ihre Körper und Gesichter zu grotesken Figuren werden lassen können. So sitzt, gleich nach dem Start mit repetitiver Lounge-Musik, Dong Uk Kim in roter Hose und blauem Oberteil mit Drachenmustern, alles wie in glänzender Seide, vor einem dieser Spiegel und das Bild zeigt einen grotesk gedehnten Körper mit bisweilen zwei Köpfen, während das Original des Doubles anmutig vor dem Bild hin und her gleitet und die Reflexion ständig kontrolliert. Dazu singt er langsam auf (Komposition: Andreas Berger). Minimalistische dunkle Reflexionen, die vor allem funktionieren, weil die Kamera, anders als in der Bühnensituation, gezielt Ausschnitte kontrollieren kann. Immer wieder spielt die Produktion der Kameraleute Michael Loizenbauer und Kurt van der Vloedt mit solchen Perspektivfragen.

Zusammen tanzen ist dieser Tage schwer und so gelingen auch die Gruppenszenen nur als Andeutungen und Tableaus, immer orchestriert vom klaren Lichteinsatz von Thomas Jelinek, der es mal grell überstrahlend, mal als dunkles Schattenwerk in diesem weißen Kubus inszeniert. Klare Stimmungen für ein ansonsten atomisiertes Ensemble. Nur selten gibt es Momente der Kommunikation, alle agieren scheinbar autonom, doch in dieser vorgeblichen Beliebigkeit kommt es zu gemeinsamen synchronen Momenten. Der Mensch existiert eben nicht nur als isolierte Monade – auch nicht in Zeiten des Zwangsabstandes und freiwilligen Selbstisolation. Selbst hier findet er irgendwie mit den anderen zusammen, vielleicht nur vermittelt über mediale Angebote, um gemeinsam zu hoffen, dass das solitäre Schauen im Stream bald wieder dem Saal weicht. Es wird ein Moment der Freude sein und die ausgelassene Schlussszene, bei der alle wie wild von beiden Seiten immer wieder durchs Bild laufen, gibt einen schönen, positiven Ausblick. Anders übrigens als der Jarmusch-Film mit seinem starken Pesthauch der Melancholie. Tanz will da mehr.

Video noch bis 30.1. unter www.tqw.at verfügbar.

Veröffentlicht am 29.01.2021, von Gastbeitrag in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

Dieser Artikel wurde 721 mal angesehen.



Kommentare zu "Groteskes Paradies"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    SHINY, SEXY, TOLL

    Tanzbiennale Heidelberg: Chris Haring und „Liquid Lofts“ zeigen „False Colored Eyes“

    Eine endlose Selbstinszenierungsparty zeigt den schönen Schein - eigentlich zum Weglaufen, aber wunderbar anzusehen.

    Veröffentlicht am 29.01.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel


    DEEP DISH

    Chiris Haring schließt mit seiner Kompanie die Trilogie The Perfect Garden ab

    Seit 2011 arbeitet der österreichische Choreograf Chris Haring mit dem französischen Künstler Michel Blazy an seiner Trilogie „The Perfect Garden“.

    Veröffentlicht am 06.12.2013, von Pressetext


    EIN NEUER BLICK AUF DAS BALLETT

    In "Sacre: The Rite Thing" arbeitet das Performerkollektiv Liquid Loft um den Choreografen Chris Haring zum ersten Mal für ein klassisch ausgerichtetes Ballettensemble

    Veröffentlicht am 21.07.2010, von Silvia Kargl


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    VON EKSTASE UND TOD

    Bodytalk und das Polski Teatr Tańca zeigen in Poznań ihre Pandemie-Version von "Romeo und Julia"
    Veröffentlicht am 22.06.2021, von Torben Ibs


    RAFFINIERT

    Tanzfilm "Brahms – Glaube Liebe Hoffnung"
    Veröffentlicht am 22.06.2021, von Gastbeitrag


    KLANG- UND SCHERBENZAUBER

    „Crescendo“ – der neue Tanzabend von Stephan Thoss im Mannheimer Nationaltheater
    Veröffentlicht am 17.06.2021, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DIE DIGITALE SPIELZEIT 2021 BEGINNT POETISCH

    Digitale Premiere für das Bayerische Junior Ballett München mit „When she knew“

    „When she knew“ wird auf Spendenbasis als Video on Demand auf www.heinz-bosl-stiftung.de und der Streaming-Plattform www.dringeblieben.de ab 01.06.2021 vier Wochen lang gezeigt.

    Veröffentlicht am 04.06.2021, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    INTENDANTENWILLKÜR AUCH IN MAGDEBURG

    Vermutlich baldiges Ende für Gonzalo Galguera in Magdeburg
    Veröffentlicht am 30.04.2021, von Volkmar Draeger


    EIN SCHWERER VERLUST

    Ismael Ivo ist gestorben
    Veröffentlicht am 09.04.2021, von tanznetz.de Redaktion


    DISTANZEN TANZEN - ZWISCHENRÄUME NEU KONFIGURIEREN

    "Human, 8 words" am Pfalztheater Kaiserslautern
    Veröffentlicht am 08.06.2021, von Leonore Welzin

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    KLEINE SCHRITTE STATT TABULA RASA

    Christian Spuck wird ab der Spielzeit 2023/2024 Intendant des Staatsballetts Berlin

    Veröffentlicht am 15.06.2021, von Pressetext


    EIN SPERRIGES WERK

    Premiere von John Neumeiers „Hamlet 21“ beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 16.06.2021, von Annette Bopp


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    KLANG- UND SCHERBENZAUBER

    „Crescendo“ – der neue Tanzabend von Stephan Thoss im Mannheimer Nationaltheater

    Veröffentlicht am 17.06.2021, von Isabelle von Neumann-Cosel


    SIDI LARBI CHERKAOUI WECHSELT NACH GENF

    Nach sieben Jahren verlässt der Choreograf das Opera Ballet Vlaanderen

    Veröffentlicht am 18.06.2021, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP