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Stuttgarter Ballett Annual 42/43



Wie hat das Stuttgarter Ballett als echtes Kollektiv die Krise auf kreative Weise gemeistert? Darüber ist in dem Almanach einiges zu lesen, vor allem in einem ausführlichen Interview mit Tamas Detrich selbst.


  • Stuttgarter Ballett Annual 42/43 Foto © Stuttgarter Ballett

108 Mitglieder zählt das Stuttgarter Ballett, wenn man alle Mitarbeiter*innen mit einbezieht. An 22. Stelle, sozusagen „unter ferner liefen“, findet sich in der abschließenden Dokumentation der Mann, der den Spielzeiten 2018 bis 2020 letztlich Gestalt gegeben hat: Tamas Detrich, viele Jahre über einer der prägenden Protagonisten des Ensembles und seit zweieinhalb Jahren dessen Intendant. Dass er sich im „Stuttgarter Ballett Annual 42/43“ nicht optisch hervorhebt, sondern sich einreiht unter seinesgleichen, sagt viel aus über sein Selbstverständnis – und natürlich auch über eine Kompanie, die bisher als echtes Kollektiv die Krise auf kreative Weise gemeistert hat.

Darüber ist in dem Almanach einiges zu lesen, vor allem in einem ausführlichen Interview mit Detrich selbst. Vom „Hinsetzen und Abwarten“ hält er gar nichts. Vielmehr definiert er seinen „Job“ dahingehend, „einen Weg zu finden“, und den hat er in Zeiten von Corona durchaus gefunden: mit Trainingsstunden zu Hause, Videokonferenzen, neuen Spielformen und Gratis-Angeboten fürs Publikum, das nicht nur bereits Erlebtes anhand von Video-Aufzeichnungen auffrischen konnte, sondern immer wieder neugierig gemacht wurde auf Neues – und sei’s mit einer Premiere im Auto-Kino. Angela Reinhardt und Andrea Kachelrieß erinnern in ihren Resümees noch einmal an die Höhepunkte der vergangenen Spielzeiten.

Trotzdem ist es traurig, wenn nicht gar tragisch, nicht an der „Magie des Moments“ in gewohnter Weise teilhaben zu können. Friedemann Vogel spricht davon in einem überaus lesenswerten Beitrag von Angela Reinhardt: ein „Ausnahmetänzer“ insofern, als er seit 20 Jahren dem Stuttgarter Ballett die Treue hält und dennoch weltweit zu den wenigen Spitzenkünstlern gehört, die sowohl in der Klassik wie auch in der Moderne gleichermaßen begeistern. Das Cover zeigt ihn an der Seite von Elisa Badenes als Kronprinz Rudolf im „Mayerling“-Ballett von Kenneth MacMillan: fraglos das Topereignis der Saison 2018/19. Ebenso gut hätte es auch ein Augenblick aus Béjarts „Boléro“ sein können.

Er ist nicht der einzige, dessen Lebensleistung im Buch gewürdigt wird. James Tuggle, der scheidende Ballettdirigent, kommt in einem Interview mit Pia Christine Boekhorst zu Wort. Und Melinda Witham lässt noch einmal die Stationen ihrer Karriere Revue passieren. Wie Ami Morita, dem ebenfalls ein Porträt gilt, hat sie sich inzwischen vom Stuttgarter Ballett verabschiedet – ob vorerst oder für immer, muss sich erst noch zeigen. Beim dreifachen „Farewell“ handelt es sich jedenfalls nicht, wie man zunächst erschreckt vermutet, um einen Nachruf.

Nach wie vor stabile Säulen des Ensembles sind Roman Novitzky, Angelina Zuccharini oder Adhonay Soares da Silva, die von Udo Klebes und Julia Lutzeyer vorgestellt werden: ganz unterschiedlich grundierte Tanz-Temperamente, die aber gerade dadurch die Ausdruckspalette des Stuttgarter Balletts bereichern, die im Annual wie immer in gewohnt wort- und bilderreiche Weise sichtbar wird. Beiträge über „Noverre. Ein neues Zuhause für die jungen Choreografen“ und das „Stuttgarter Ballett Jung“ runden das zweisprachige Erinnerungsbuch ab, das die abschließende Dokumentation zu einem einzigartigen Nachschlagewerk werden lässt, in dem von dem eigentlichen Ereignis des Jahres 2020 allerdings nur am Rande die Rede ist: die Eröffnung der neugebauten John Cranko Schule. Von ihr wird man sicher mehr im nächsten Annual des Balletts erfahren, und der kommt sicher wie der nächste Tanz auf Stuttgarts Bühnen.

Stuttgarter Ballett Annual 42/43, 29.OO €; www.stuttgarter-ballett.de. www.johncrankogesellschaft.de

Veröffentlicht am 18.01.2021, von Hartmut Regitz in Homepage, Gallery, Tanzmedien

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