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Wien

START MIT HINDERNISSEN

Martin Schläpfers erste Uraufführung an der Wiener Staatsoper



Einsame Zweisamkeit: Mit „Mahler, live“ stellt sich Martin Schläpfer ohne Publikum in Wien, aber weltweit an den Bildschirmen, als neuer Direktor des Staatsballetts vor.


  • Martin Schläpfer mit "Mahler, live" an der Wiener Staatsoper Foto © Wiener Staatsoper GmbH / Ashley Taylor

Der Titel ist so sperrig wie missverständlich, weshalb er auch gern schon mal falsch verwendet wird: „Mahler, live“. Für den zweiten Teil des Abends würde das so ja auch richtig sein. Es gibt eine choreografische Uraufführung des neuen Chefs mit dem sonderbaren, für ihn aber typischen Titel „4“. Gemeint ist die Sinfonie Nr. 4 in G-Dur von Gustav Mahler, in diesem Falle nun auch „live“ gespielt vom Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Axel Kober. Mit „Live“, so wie es aber im Titel des Abends steht, ist ein ganz anderes Stück gemeint, eine nunmehr über 40 Jahre alte Arbeit von Hans van Manen, die diese erste Premiere in der neuen Direktion eröffnet.

Dieses Stück - für eine Tänzerin, einen Tänzer, deren kurze Begegnungen chancenlos scheitern, das auf der Bühne und im Foyer spielt, am Ende die Tänzerin in die Dunkelheit der Straße vor dem Theater führt, wo sie sich verliert - wirkt aber hier nun insgesamt leider recht verloren. Was einst interessant gewesen sein mag, die Wiedergabe des Tanzes durch eine live-geführte Kamera, kann jetzt keine rechte Kraft mehr entfalten. Auch wenn sich diese Kreation noch immer von inzwischen unzähligen Nachahmungen zumindest durch die Intensität des visuellen Dialoges zwischen der Tänzerin und den Zuspielungen der Live-Aufnahmen durch Henk van Dijk abheben mag, eine gewisse Vergeblichkeit ist nicht zu übersehen und vor allem nicht zu überhören. Denn die von Shino Takizawa natürlich „live“ gespielten „Fünf kleine Klavierstücke“ von Franz Liszt können höchstens mit dem Titel des letzten, „Abschied“, eine eher gedachte als getanzte Assoziation andeuten.

Darauf folgt als Uraufführung Martin Schläpfers choreografische Inszenierung zur Musik der vierten Sinfonie von Gustav Mahler. Alles live, nicht zu übersehen, nicht zu überhören. Lässt der Choreograf hier eine von Catherine Voeffray gekleidete Abendgesellschaft immer wieder auf unsicheren Füßen in die Leere der vorwiegend dunklen Szene im Licht von Thomas Diek tanzen? So wird Martin Schläpfer zu den vier Sätzen der Sinfonie assoziative Bilder gestalten, immer wieder solche der Einsamkeit, einzeln, zu zweit, in der kleineren Gruppe oder immer wieder auch in der den oder die Einzelnen umschließenden und in sich aufnehmenden großen Gruppe der Anonymität. Was schon mal wie eine leicht Walzer-seelige Show anmuten kann, verwandelt sich im nächsten Augenblick in eine Abfolge von Bewegungen der Ausweglosigkeit. Da können in angedeuteten Versuchen tänzerischer Dialoge Menschen einander zur schweren Last werden. Da können Versuche synchroner Bewegungen des Widerstandes immer wieder in der Vereinzelung scheitern. Es wird gezittert, Menschen stürzen, geraten in blindwütige Aggressionen und scheitern an der Unfähigkeit die Frage zu beantworten, wer denn wen hier aufrichten könnte. Es ist ein Kommen und Gehen, immer wieder Bilder der Vergeblichkeit und immer wieder auch der Versuch, diese „Tanzparty“ in Schwung zu bringen, was auch in schmerzhafte Varianten einsamer Zweisamkeit führen kann. Schläpfer mischt in seinen dunklen Bildern bewusst Stile des Tanzes unterschiedlicher Traditionen und Techniken, er nimmt auch immer wieder Motive des Tanztheaters auf, greift hier freilich schon mal tief in die Kiste dramatischer Klischees. Am Ende, wenn die Sopranistin Slávka Zámečníková im vierten Satz der Sinfonie - sehr behaglich wie Mahlers Satzbezeichnung lautet - vom Genuss der himmlischen Freuden eines Liedes aus der Sammlung „Den Knaben Wunderhorn“ singt, müssen die Versuche, darauf in tänzerischer Bebilderung zu reagieren, scheitern. Tanz, bzw. Bewegung und Musik haben sich voneinander entfernt, mit gesenkten Häuptern bewegen sich Tänzerinnen und Tänzer in das Finale, zu dem eigentlich dann, ganz ohne Musik, die stille Verbeugung der gesamten Kompanie vor der Leere des Raumes wird.

Veröffentlicht am 04.01.2021, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Gallery, Kritiken 2020/2021

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Kommentare zu "Start mit Hindernissen"



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